Ich-Schmelze in der Sommerhitze
- Senta Brandt

- 14. Juli
- 7 Min. Lesezeit
Wenn Hitze aus der Fassung bringt
Hitze trifft nicht einfach einen Körper, der davor schon fertig und abgeschlossen da war. Sie greift in die Bedingungen ein, unter denen es überhaupt gelingt, einen Körper zu haben und sich in ihm beheimatet zu fühlen – jenes leiblich verankerte Gefühl: man selbst zu sein.

Konturverlust
Damit sind wir schon bei der Unterscheidung zwischen Körper haben (dem Körper, den man betasten, bewerten und im Spiegel sehen kann) und Leib sein (dem Leib, der da ist, den man spürt, auch ohne Sinnesorgane, manchmal sogar dort, wo gar nichts mehr ist – etwa das Phantomglied; bei der Anorexie mitunter auch das "Phantomfett").
Für dieses Leibspüren, das wir nicht so sehr aktiv tun, sondern eher pathisch erleben, hat Hermann Schmitz ein eigenes Vokabular der Leiblichkeit entwickelt: epikritisch nennt er das, was scharf, punktuell und lokalisierbar spürbar ist, etwa der Nadelstich oder der Zug im Nacken. Protopathisch ist dagegen, was sich verläuft, diffus bleibt, dumpf wirkt, ausstrahlt und keinen klaren Rand besitzt.
Hitze ist der Vollzug des Protopathischen. Sie besitzt keinen Punkt, an dem man sie greifen kann. Sie füllt den gesamten Leibraum gleichzeitig. Das macht sie zur Atmosphäre im Schmitzschen Sinn: eine Macht, die uns ergreift, bevor überhaupt etwas wie ein Gefühl im Inneren entstanden wäre.
Man ist in der Hitze, wie man in einer Stimmung ist, nicht wie man eine Verletzung hat. Die Hitze tut zwei Dinge gleichzeitig: Sie engt (die Luft drückt, der Atem schwer) und sie weitet (die Grenze zur Umgebung wird durchlässiger, man schwitzt buchstäblich in die Welt hinein).
Was die Hitze auflöst, ist auch das, was zusammenhält, wenn nichts anderes hält
Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich erkannte früh, dass Charakterstruktur kein rein psychischer Befund, sondern auch muskulär verankert ist. Charakterpanzer und Muskelpanzer seien funktional identisch: chronische Verspannungen in sieben Segmenten vom Augenring bis zum Becken gegliedert, deren Aufgabe darin besteht, Aggression, Angst und Erregung zu binden. Wer flach atmet, fühlt weniger: Die Atemsperre ist bei Reich der Indikator dafür, wie viel Panzerung gerade Dienst tut.
Hitze ist physiologisch betrachtet eine Aufforderung an die Muskulatur, genau das zu unterlassen. Gefäße weiten sich, der Muskeltonus sinkt. Was die sommerliche Leichtigkeit verspricht, wäre im Reichschen Vokabular eine erzwungene Panzerauflösung – durch das Thermometer erreicht und nicht durch die Therapie, die Reich dafür vorgesehen hat.
Das mag sich für manche Menschen gut anfühlen, vielleicht sogar für die meisten: das kurze Gefühl, nichts halten zu müssen, Auflösung als Erholung, Freibad, Entspannung, Lust, die freier durch den Organismus strömen kann.
Für andere wird das bedrohlich: Abgewehrte Affekte werden spürbarer. Auch die Körpergrenzen können in der Hitze verschwimmen, und mit Ihnen die Ich-Grenzen ("Das Ist ist vor allem ein körperliches", S. Freud). Psychotisches Erleben – also Erleben, das nicht mehr von einem Ich als zentraler Instanz gebunden wird – rückt näher.
Neurotische Lockerung und psychotische Dekompensation
Man kann die Destabilisierung durch Hitze auf zwei Arten begreifen:
Die erste betrifft das, was man klassisch als neurotische Organisation beschreibt: eine strukturell im Grunde stabile Persönlichkeitsstruktur, die unbewusste psychische Konflikte, mitsamt den unliebsamen Affekten (Angst, Wut, zu viel ungebundene Erregungsquanten, etc.) neurotisch abwehrt, auch muskulär. Etwa über fest zusammengebissene Zähne oder verspannte Nackenmuskulatur. Das erklärt auch, warum besonders "positive" Menschen manchmal doch eher angespannt wirken: Sie haben viel Verdrängungsaufwand zu leisten.
Bei Hitze sinkt nun der Tonus, die gewohnte muskuläre Spannung lässt nach. Man wird vielleicht ein wenig träge und hat weniger (Muskel-)Kraft für die Abwehr zur Verfügung. Diese temporär erzwungene Lockerung der gleichermaßen schützenden wie einengenden Abwehrorganisation kann einem Kontrollverlust gleichen. Angst, die bisher gebunden war, wird mobilisiert. Das gewohnte Verspannungsniveau, auf dem das Subjekt sich normalerweise stabilisiert, gerät ins Wanken. Wer sich zudem über sein "ich funktioniere immer" und das stetige Zusammenreißen stabilisiert, gerät bei über dreißig Grad an seine Grenzen und wird damit konfrontiert, welche zu haben: nicht immer leisten zu können, eben ein Mensch und keine Maschine zu sein. Was sich dann auftun kann, ist nicht nur ein gewöhnliches Sommerloch, sondern horror vacui.
Demgegenüber steht eine zweite Art, in der es nicht primär um die Abwehr-Schmelze geht, die ein ängstliches Ich zurücklässt, sondern darum, dass das Ich selbst instabil wird. Hier geht es also weniger um die Lockerung eines vorhandenen Ichs als um die Fragilität des Ichs selbst. Körper und Umgebung beginnen ineinander zu gleiten, Innen und Außen verlieren ihre klare Differenz, das leibliche Erleben wird diffus oder überflutend. Was in der ersten Konstellation als unangenehm diffuse Trägheit, Erregung oder Angst erscheint, kippt hier in eine Erfahrung von Entgrenzung, in der das Subjekt nicht mehr von einem stabilen Zentrum aus organisiert ist, sondern in eine Art leibliche Feldhaftigkeit gerät.
Beide Arten können sich überlagern. Sie verweisen jedoch auf unterschiedliche Organisationsniveaus psychischer Stabilität: auf die Flexibilisierung einer bestehenden Struktur einerseits und auf die Destabilisierung ihrer Formbedingungen andererseits.

Hitzefrei ?
An der heißen Haut treffen sich protopathische Überflutung und Panzerauflösung. Der Analytiker Didier Anzieu beschrieb die Haut als erstes Ich-Behältnis mit Container-Funktion; als jene Grenze, die überhaupt erst ein Innen von einem Außen trennt.
Ein kohärentes Ich-Erleben ist, daran erinnert auch Jacques Lacan mit dem Bild des corps morcelé („zerstückelter Körper“), nicht der Normalzustand des Menschen, sondern eine Leistung: eine imaginäre Einheit, die erst im Spiegel, in der Anerkennung durch einen Anderen, gegen ein ursprüngliches Substrat aus Fragmenten zusammengehalten wird. So werden lose Empfindungen aus Bein, Arm, Darm, etc. unter dem Primat eines ganzen Körperbildes, einer Einheit, gebündelt. In der Intensität der Hitze gerät diese Leistung unter Druck. Selbst ein psychisch robuster Mensch bekommt davon einen kleinen, harmlosen Vorgeschmack.
Konzentration geht nur mit Zentrum
Jeder kennt das zerstreute Denken an heißen Tagen. Im Wort Konzentration steckt bereits das Zentrum: sich auf einen Punkt hin sammeln, einen Mittelpunkt halten. Doch wenn bereits diese kleine, alltägliche Erfahrung unter Hitze zu wackeln beginnt, lässt sich erahnen, was geschieht, wenn das größere Zentrum – das Ich selbst – ins Wanken gerät.
Das Ich ist eine Illusion – aber eine notwendige. Es ist wichtig, Ich sagen zu können und sich im eigenen Leib grundsätzlich beheimatet zu fühlen.
Wer das nicht kann (etwa weil andere fehlten, die die Bildung einer solchen illusionären Einheit überhaupt erst ermöglichen), wird sich mitunter stärker am Körper und seinen scharfen Konturen festhalten, um sich zu stabilisieren. Die muskuläre Anspannung dient dann nicht nur der neurotischen Abwehr, sondern schützt auch vor dem Auseinanderfallen in lose Fragmente und bedrohlichem, überflutendem Körpererleben.
Im psychologischen Fachvokabular spricht man auch von der inneren psychischen Struktur. Ist sie lückenhaft, chaotisch und ohne tragende Säulen, braucht es mehr Halt im Außen. Haut, Muskulatur und Knochen können dann als Hilfshüllen fungieren. Hitze greift diese Hilfsstützen an. Sie lockert die muskulären und leiblichen Grenzen, an denen das Ich sich stabilisiert; vor allem dann, wenn nicht genügend innerer Halt, nicht genug innere Struktur und Ich-Stärke vorhanden sind.
Aus der Fassung geraten
Die Zahlen, die jeden Sommer zitiert werden – mehr Einweisungen, mehr Suizide, mehr Menschen, die aus der Fassung geraten, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – sind also keine bloße Nebenwirkungsliste. Sie sind die aggregierte Spur von etwas, das sich auf der Ebene des Leibes abspielt: von der bloßen Lockerung bis hin zum Zusammenbruch der imaginären Einheit. Während der eine die Hitze am Baggersee als wohlig-lustvolles Sich-gehen-Lassen erlebt, führt sie bei einem anderen, dem dieselbe Sonne ins Fenster fällt und Wohnung wie Leib aufheizt, zur Fragmentierungserfahrung. Während sich die eine gelassen den entspannten Siesta-Vibes überlässt, spürt eine andere diffus-flirrende Angst. Dieselbe Sonne. Dieselben 34,5 Grad Celsius auf dem Messthermometer. Unterschiedliches subjektives Erleben.
In einer Gegenwart, die vor allem in moralischem Vokabular denkt, also nicht denkt, und die daher Ich-Stärke oft vorschnell mit Egoismus verwechselt und Selbstauflösung gern als Befreiung deutet, liegt die Versuchung nahe, warme Sommersonnen-Momente ausschließlich positiv zu lesen. Bei stabiler innerer Struktur mag es sich ja auch wirklich gut anfühlen, das Ich eine Weile zu suspendieren und auch das Über-Ich gleich mit in den Urlaub zu schicken: dolce far niente, der Nachmittag am Wasser, sich treiben lassen.
Man kann sich aber nur von etwas befreien, was man davor schon hatte; kann nur etwas loslassen, was man davor umklammert hielt. Wessen kohärentes Ich-Gefühl brüchig ist, braucht keinen Urlaub vom Ich, sondern überhaupt erst ein stabiles, ordnendes und haltendes Ich-Gefühl.
In den bedeutenden Meditations-Traditionen ist der Schritt der Konzentration daher der Meditation stets vorgeschaltet. Zuerst folgt die Sammlung auf ein Zentrum, wozu ein gewisses Maß an Ich-Stärke nötig ist, bis das Zentrum sich dann weitet, peripher ausgedehnt und all-umfassend wird. Dieses Gewahrsein unterscheidet sich signifikant von dissoziativem oder fragmentiertem Erleben.
Chaos-Lektionen
Die muskuläre Überspannung, der Abwehr-Panzer, der bei Hitze besonders herausgefordert wird, ist Überschussreaktion und zugleich manchmal der letzte Schutz vor dem Selbstverlust.
Die sommerliche Grenzerfahrung macht deutlich, was nicht nur in der Psychotherapie gilt: Jeder hat ein Recht auf Abwehr – und darauf, den Sommer nicht als positive-only-Vibe zu erleben. Angst wird nicht durch Überforderung gelöst, sondern durch ein basales Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, welches sich nicht auf Kommando erzwingen lässt, sondern sich allenfalls bei günstigen und stimmigen Bedingungen einstellt, oder eben nicht. Erst ein basaler Halt ermöglicht die mutige und fordernde Auseinandersetzung mit Angst, Chaos und Abwehr.
Die Hitze macht uns letztlich auch auf etwas aufmerksam, das im Alltag meist ängstlich verdeckt bleibt: auf jenen chaotischen Urgrund, den Lacan das Reale nennt; andere nennen es schlicht Chaos oder Außen. Nietzsche vermutete hier bekanntlich sogar einen produktiven Ort für planetare Befruchtungsereignisse („Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können"). Gleichwohl gesellte er dem heißen Dionysos den kühlen Apoll zur Seite. Der schützt nicht nur vor Entgrenzung, sondern auch vor der Romantisierung psychotischen Erlebens.
In Form sein
Ein stabiles Haut-Ich, das mit etwas weniger Panzerungen auskommt, könnte als Membran beschrieben werden, die Innen und Außen unterscheidet, ohne vollständig zu versiegeln. Nicht perfekt, plastikglatt und faltenfrei, sondern durchaus auch mit ein paar Brüchen, Wunden, Öffnungen, lebendiger Beweglichkeit. Durchlässig genug, um zu atmen; fest genug, um zu halten; berührbar, und doch getrennt vom Anderen. Wie ja Trennung und Grenze überhaupt erst die Voraussetzungen von Berührung sind. Es braucht ein Ich für eine Ich-Du-Beziehung. Und ein Du, damit sich ein Ich überhaupt erst bilden kann.
Kurzfristig können mitunter stärkende Körperpraktiken und Hilfshüllen helfen: etwa eine kalte Dusche, ein Sprung in den See, das Wiederfinden klarer Konturen (mehr zum therapeutischen Effekt des Eisbadens: hier). Gleichwohl muss man, um dem Ich diese Abkühlung mit stärkender Wirkung zuzugestehen, es überhaupt erst als eine der Umsorgung würdige Instanz begreifen.
Eine stabile innere Struktur, die auch bei Hitze hält, bildet sich, wie oben gesagt, am Du. Sie bedarf des Kontakts mit anderen Menschen: Austausch, Spiegelung, Reibung, Resonanz, Berührung, Echo, Widerstand und Halt. Was durch den Sommer trägt, ist deshalb weniger eine Technik als die Erfahrung, überhaupt einmal – mitsamt dem Chaos, der Hilflosigkeit, der Scham, Angst und Wut – gehalten worden zu sein. Wenn der andere mich aushält – vielleicht kann ich es dann auch?
Die psychoanalytische Redekur, in der eine solch tiefgreifende Halte-Erfahrung möglich wird, wirkt auf diese Weise auf einer ganz körperlichen Ebene, indem psychische wie muskuläre Abwehrspannung gleichermaßen abgebaut wird. Sie bietet die Möglichkeit "den Körper neu kennen zu lernen" (Fenichel). Die Angst vor der Kraft des Chaos mag dann ein wenig sinken und sich ein Tonus einstellen, der es ermöglicht, sich in der eigenen Haut, wie auch im großen "Welt" genannten Container, grundsätzlich beheimatet zu fühlen – und diese als lustvolle und schützenswerte Orte wahrzunehmen.


