Muskellust und Triebgewinne
- Senta Brandt

- vor 1 Tag
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Das Gym als Tierpark – oder letzte Oase guten Benehmens?
Klirren von Eisen, lautes Stöhnen, Schweißtropfen auf nackter Haut, verzerrte Gesichter, ein eigenartiger Geruch. Man betritt das Fitnessstudio und wird sofort mit intensiven Sinneseindrücken konfrontiert, die man hier in Europa, abseits von öffentlichen Verkehrsmitteln, kaum noch gewohnt ist.
Zudem sieht man hier Menschen, die wie Affen an Stangen hängen. Manchmal sichtet man sogar einen Silberrücken. Hier sieht man, anders als auf Instagram, noch alle Formen, Fellbehaarungen und Falten. Sie kämpfen gegen die Brustpresse, laufen schnell wie auf der Flucht oder der Jagd. Und bleiben doch auf der Stelle. Manche räkeln sich auf allen Vieren. Vielleicht fühlt man sich an den letzten Tierpark-Besuch erinnert. Der erste assoziative Reflex liegt nahe: Hier geht es primitiv, roh und unzivilisiert zu.
Mensch, Tier und Trieb
Dieser Reflex – andere Kulturen als primitiv zu betrachten, dort wo es nicht um reinen Geist, Distanz, Schrift und stilles Nachdenken zu gehen scheint – ist alt. Die Geschichte der Missionierung und der Aufklärung sind keine friedlichen Geschichten. Was nicht dem westlichen Ideal von Geist und rationaler Vernunft entspricht, gilt oft als rückständig und minderwertig. Andere Formen des Denkens und der Vernunft werden gar nicht erst wahrgenommen.
Auch bei Freud, Kant, Hegel und vielen anderen großen westlichen Denkern finden sich entsprechende Passagen. Schnell assoziieren wir alles, was nicht im hellen Licht der Aufklärung erscheint, mit dem Wilden; eine Kategorie, die eng verbunden ist mit dem Weib, dem Körper, dem Dunklen, dem Tier – und werten es, mehr oder weniger explizit, ab; manchmal wird es zum Abjekt, also als etwas Ekelhaftes erlebt. Wir identifizieren uns lieber mit dem reinen Geist als mit der tierischen Natur. Und natürlich gibt es Unterschiede zwischen Mensch und Tier.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche etwa nannte den Menschen einst „das nicht festgestellte Tier“. Das einzige Lebewesen, das keine fixe Natur hat, das sich selbst noch bestimmen muss. Das Tier ist festgestellt: Die Katze bleibt Katze und wird nicht Schriftstellerin, Busfahrerin oder Physikerin. Das Tier folgt dem Instinkt, es ist, was es nun einmal ist. Der Mensch hingegen ist Möglichkeit. Er kann grausamer sein als jedes Tier, aber er hat auch das Potential zum Erhabenen.
Auch Sigmund Freud verleugnete die tierische Natur des Menschen nicht: Statt vom tierischen Instinkt, wird der Mensch vom Trieb geleitet. Der Instinkt ist biologisch fest verdrahtet, das Objekt vorgegeben. Der Trieb ist plastisch. Er kann verschiedene Objekte zur Befriedigung finden. Gleichwohl hat auch der Trieb seine Quelle, seinen Ursprung im Körper, genauer gesagt: in körperlichen Reizzuständen.
Diese körperlichen Spannungszustände erzeugen einen Drang, diese Spannungen zu reduzieren. Es gibt also eine Kraft, die vom Körper ausgeht; die Freud als Drang, eben den Trieb versteht, der unerbittlich nach Befriedigung strebt. „Alle Lust will Ewigkeit – , – will tiefe, tiefe Ewigkeit“, heißt es dazu passend im Mitternachtslied in Nietzsches Zarathustra.
Freud spricht von Trieben als „mythischen Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit“ und siedelt sie in seinem Instanzenmodell von Es-Ich-Über-Ich im Es an. Aus diesem Es geht später dann das Ich hervor, ist mit ihm verbunden, etwa so wie der Kopf eines Zentauren.
Das Ich ist ein Vermittler zwischen verschiedenen Parteien: Erstens, den Triebansprüchen des Es, das dem Lustprinzip folgt und von Moral oder vernünftiger Lustbegrenzung noch nie etwas gehört hat. Ein Umstand, der Freud später dazu bewogen hat, auch „Jenseits des Lustprinzips“ weiter zu denken: Er führt das Konzept des Todestriebs ein; ein Drang, der nach Aufhebung aller Spannung strebt, ohne Rücksicht auf Verluste.
Aber nicht nur die Triebansprüche aus dem Es muss das Ich geschickt bändigen, ihnen dosiert zur Abfuhr verhelfen und lernen, die Kraft produktiv und lustvoll einzusetzen. Sondern, zweitens, hat die Realität der Außenwelt ebenfalls Ansprüche an das Ich, und drittens, kommt dann auch noch das Über-Ich hinzu, das als Gewissen, in dem viele kulturelle Ge- und Verbote sowie gesellschaftliche Normen in uns eingeschrieben sind, auch ständig etwas zu melden und zu beanstanden hat.
Echt kein einfacher Job, den das Ich sich da ausgesucht hat!
Entlastung durch Belastung
Betrachtet man das Fitnessstudio nun aus triebtheoretischer Perspektive, wird schnell deutlich, dass hier zahlreiche unbewusste Lustgewinne verbucht werden können. Viele Triebansprüche, die vom Ich sonst mühsam abgewehrt werden müssen, kommen hier ganz auf ihre Kosten – und das auf sozial erlaubte Weise.
Aggression, die man im Büro schlucken musste, darf hier lautstark raus. Man greift eben nicht zum Pinsel, haut energisch in die Klaviertasten oder gräbt wütend den Garten um, sondern greift zur Hantel. Gekränkter Narzissmus wird so wiederhergestellt: erlebte man sich im Büro dem Chef unterlegen, so erlebt man sich hier wieder als mächtig. Der Konflikt mit dem Chef ist dadurch nicht gelöst, aber man ist zumindest kurzzeitig etwas entlastet. Ein Maler oder Gärtner, der nach getaner Arbeit stolz sein Werk betrachtet, mag Ähnliches erleben.
Auch Schau- und Zeigetriebe, Voyeurismus und Exhibitionismus, kommen hier auf ihre Kosten. Man vergleicht, beobachtet und hilft bei der Korrektur der Technik oder den letzten Wiederholungen, dem sogenannten Spotting. Vielleicht ist es kein Zufall, dass grade an diesem Ort, wo es erlaubt und erwünscht ist, dass Männer offen andere Männerkörper betrachten und berühren, homoerotische Dimensionen umso stärker abgewehrt und hegemoniale Männlichkeitsideale besonders hoch gehalten werden.
Heimliche voyeuristische Lustgewinne lassen sich hingegen nicht nur im Gym, sondern auch auf Social Media bei Betrachtung der Body-Bilder verbuchen.
Andere Körper affizieren uns, ob wir wollen oder nicht. Und auch der eigene lässt uns einfach nicht in Ruhe. Das Gym ist ein Ort, an dem man sich in seiner Geistesruhe sogar gerne stören lässt und sich aktiv der körperlichen Dimension zuwendet.
Auch die autoerotische Dimension, das Sich-selbst-Spüren und -Berühren, darf hier sein. Wer bei Curls den Bizeps nicht spürt, kann mittels taktiler Hilfen ein Muskelgefühl entwickeln und die sogenannte Muscle-Mind-Connection unterstützen. Man spürt die Bewegungen der Muskulatur und vielleicht auch ihr Anschwellen, den sog. Pump. Dabei können, wie Arnold Schwarzenegger im Film Pumping Iron anschaulich schilderte, Lustgefühle entstehen.
Vor allem dann, wenn sich die Lust nicht nur an einer Körperregion phallisch konzentriert, sondern der ganze Körper oder zumindest mehrere Körperregionen libidinös besetzt sind. So kann dann auch der Bizeps zu einem lustvollen Schwellkörper werden.
Der Psychoanalytiker Otto Fenichel sprach in diesem Zusammenhang von Auto- und Muskelerotik sowie von Muskelonanie. Er nutzte diese Begriffe zunächst als wertfreie Beschreibung der gesunden Fähigkeit, den eigenen Körper grundsätzlich als Quelle von Lust und Lebendigkeit zu erleben, statt ihn nur als funktionierende Maschine zu betrachten.
Fenichel stellte außerdem fest, dass Menschen, die unter starken Schuld- oder Schamgefühlen stehen, sich selbst als lustvoll und lebendig zu erleben, auch dem Sport eher abwehrend gegenüberstehen. Was ja unmittelbar nachvollziehbar ist, da die Intensität des Sports automatisch zum intensiveren „sich-Spüren“ führt. Wer das nicht mag, und wer das nicht genießen darf, wird auch am Sport wenig Freude finden.
Gleichwohl gilt auch das andere Extrem und die autoerotische Betätigung hat nicht nur Vorteile: wer nur noch muskelonaniert, hat weniger Libido für andere, nach außen gerichteten Tätigkeiten und Bindungen zur Verfügung und bleibt in der eigenen Lust eingeschlossen.
Das kann dann der Fall sein, wenn Kontakt und Nähe zu anderen Körpern bzw. Menschen viel Angst machen oder wenn man die Frustrationen, dass der andere Körper eben ein anderer ist, sich entziehen kann, nicht immer für die eigene Lust zur Verfügung steht, nicht aushält.
Das kulturelle Tabu über den Gebrauch der autoerotischen Lust ergibt also durchaus Sinn. Es schützt vor einem Dasein in eingekapselten Lustspiralen und öffnet für das Außen und den Anderen. Dennoch können wir festhalten, dass wir nicht nur neuro-, sondern auch lustdivers sind und das nicht immer pathologisch sein muss. Erst im Exzess – also sowohl der exzessiven Unterdrückung als auch der exzessiven Abfuhr – wird es problematisch.
Zusammenfassend wird deutlich, dass das Ich grade an diesem Ort der Belastung also ein wenig Entlastung finden kann. Der Verdrängungs- und Sublimierungsaufwand, den es sonst gegenüber den Triebansprüchen aus dem Es zu leisten hat, wird geringer. Gleichwohl lösen sich bestehende Konflikte damit nicht in Luft auf. Kathartische Entladungen sind nicht nichts, machen die Durcharbeitung von Konflikten aber nicht überflüssig.
Das Büro als der eigentliche Tierpark ?
Im kontrastiven Vergleich zum Büro fällt auf, dass es im Büro ferner nicht minder „wild“ zugeht als im Gym. Ich denke da etwa an Szenen, die einen Chef zeigen, der vor versammeltem Rudel eine Präsentationsansprache hält, oder wie sich das Rudel dann mittags zur Kantine genannten Futterstelle begibt oder wenn in hyänenhaften Ton das Outfit der Kollegin kommentiert wird. Und was sich im raubtierhaften Feierabendverkehr abspielt, kennt ebenfalls jeder.
In diesem direkten Vergleich zum Büro erscheint das Gym hingegen fast als Ort vorbildlicher Zivilisation. Es werden acht Wiederholungen gemacht, nicht weniger. Möchte man weniger machen, weist einen der Trainer darauf hin: Reiß di zam – reiß dich zusammen, beherrsche dich.
Man bewegt sich nicht ziellos, sondern trainiert vorab bestimmte, nicht allzu alltägliche Bewegungsabfolgen, mit Vernunft und Plan oder zumindest nach bestimmten Prinzipien. Man hängt nicht schlaff im Sessel, sondern ist bei jeder Übung um eine aufrechte Haltung bemüht. Man legt sein Handtuch vor der Benutzung auf die Maschine und fragt höflich: Wie viele Sätze haben Sie noch? – statt den anderen einfach von der Maschine zu schubsen. Auch im Gym gibt es einen Dresscode – der gewiss ein anderer ist als im Büro, aber er ist einer. Das Training in Straßenschuhen ist unerwünscht, die Desinfektion der Geräte gehört zur Hausregel. Sauberkeit ist wichtig. Keiner möchte krank werden und den nächsten Trainingszyklus verpassen.
Auch im Gym gibt es also Regeln, explizite wie implizite. Grade weil die Schicht der Zivilisation hier etwas dünner zu sein scheint, braucht es diese Regeln – ebenso wie den Anderen. Man ist nicht allein im Gym. Die anderen schwitzen, kämpfen und stöhnen auch. Der Blick der anderen ist nicht nur, wie Sartre sagte, Hölle. Er ist auch Halt und hilft, sich nicht zu verlieren: Weder im Strudel der eigenen Triebe, Lüste und Begierden, noch im imaginären Theater des Körpers, also den Vorstellungen, die man sich über sich und seinen Körper macht und die nicht viel mit der Realität zu tun haben müssen. Eine Wiederholung mehr geht dann doch meist noch. Zehn Wiederholungen mehr: nicht.
Die Anwesenheit von Anderen kann also dabei unterstützen „sich zusammenzureißen“. Man gibt sich den Trieben und seiner Lust nicht völlig ungezügelt hin, da man durch die Anwesenheit der Anderen daran erinnert wird, ein Mensch unter Menschen zu sein. In der Einsamkeit, beim Training zu Hause, ist die Gefahr vielleicht ein wenig höher, das zu vergessen.
Das Gym kann so zu einem Ort werden, an dem man sich mutig dem Dunkel der Triebe, dem Körper oder hier vielmehr: dem Fleisch, annähert und aussetzt. Geschützt durch ein Netz an Regeln und abgesichert durch die Anwesenheit von anderen, erlebt man hier vielleicht auch etwas von dieser Kraft, die vom Körper ausgeht und lernt mit ihr zu spielen.
Die Grenze des Körpers
Wenn traditionelle Autoritäten – wie Kirche, Patriarch, Staat – die den Gebrauch der Lüste, und damit auch der Körper und Kräfte, begrenzten, ihre Glaubwürdigkeit und Bindekraft verloren haben, ist die Grenze des Körpers, die in Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Widerstand der Schwerkraft erfahrbar wird, vielleicht eine der letzten Grenzen der Moderne, die im Gym ausgelotet wird.
Versuche, die Grenze zu verschieben oder sich seiltänzerisch auf dieser Fluchtlinie zu bewegen, akzeptieren die Grenze noch als solche. Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Grenze ganz verdrängt oder verleugnet, also gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird.
Ekstase & Oase
Das Gym ist kein wilder, roher Ort des anything goes. Es ist ein geregelter Raum, in dem viele Triebansprüche dosiert und kultiviert, auf sozial erlaubte Weise ausgelebt werden dürfen. Vielleicht ist das sogar ein Grund, warum so viele gerne herkommen: Eine Erholung von der Wildheit im Büro. Eine letzte Oase guten Benehmens.
Anders als es die gängigen Narrative nahelegen, ist das Fitnessstudio nicht nur ein Ort der Disziplinierung von Körpern, sondern kann auch ein Ort der lustvollen und spielerischen Auseinandersetzung mit ihnen sein. Dabei geht es nicht immer sanft zu. Man lernt, dass ein gewisses Maß an Aggressivität und thymotischer Energie nicht lebensfeindlich oder pathologisch sein muss, sondern auch zur Steigerung einer lebensbejahenden Kraft eingesetzt werden kann. Neben Lustgewinnen gibt es hier also auch viele Lerngewinne zu verbuchen.
Ob man das Gym als primitiven Tierpark, als Ort der Unterdrückung von Körpern oder als Raum der Lust oder Kultivierung versteht, hängt davon ab, aus welcher Perspektive man das Gym betrachtet. Wenn man sich nur von außen und mit den Repräsentationen von Fitnessstudios und ihren Habitanten befasst, gewinnt man andere Eindrücke, als wenn man sich auch mal hineintraut ins wilde, oder auch nicht allzu wilde, Getümmel.

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Diese Fragen beschäftigen mich in meinem Podcast Freud & Fitness, Folge 2, „Das Gym als Tierpark" – überall verfügbar, wo es Podcasts gibt.


