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Mental Health in Unternehmen: Zwischen patriarchaler Sorge, Wellness-Washing und Arbeitsschutz

  • Autorenbild: Senta Brandt
    Senta Brandt
  • 16. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Mai



Der Abbau hierarchischer, patriarchaler Strukturen wird gemeinhin begrüßt. Bevorzugt werden flache Hierarchien, Mitbestimmung und Augenhöhe. Und doch werden vielerorts Seminare und Workshops angeboten, die in patriarchal-pädagogischer Sorge um das „mentale Wohlbefinden“ erklären, wie das mit dem gesunden und richtigen Leben funktioniert. Würde es schlicht um Leistungsfähigkeit und Produktivität gehen, hätten diese Angebote vermutlich weniger gute PR. Zweifellos gibt es viele Arbeitgeber, denen die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter wirklich am Herzen liegt. Ebenso gibt es zahlreiche wirklich gute Mental-Health-Angebote in Unternehmen. In diesem Artikel geht es um die gut gemeinten.


Resiliente, gesunde und gut gelaunte Humane Ressourcen


Als Psychologin bekomme ich in den sozialen Medien interessante Werbung ausgespielt, darunter auch Werbung für Seminare zu mentaler Gesundheit in Unternehmen. Heute wurde mir beispielsweise Folgendes ausgespielt: „Mentale Gesundheit in Unternehmen – Erkenne psychische Störungen und Suchterkrankungen bei deinen Mitarbeitern.“ HR-Abteilungen müssten geschult werden, hieß es da. Sollen sie nun gar zu Diagnostikern ausgebildet werden? In einer anderen Werbung geht es darum, wie Führungskräfte "psychische Belastungen erkennen und empathisch begleiten", fast so, als solle der Chef jetzt der neue Therapeut werden. Ein "Job enrichment" der besonderen Art.


Positive Diagnostik


Zumindest bei der Erhebung und Förderung von „psychischen Stärken“ machen viele gerne mit. Dass auch das einen Eingriff in das Allgemeine Persönlichkeitsrecht gemäß Art. 2 GG darstellen kann, bleibt dabei oft unberücksichtigt. Genau dieses Grundrecht garantiert schließlich die freie Entfaltung der Persönlichkeit und schützt uns vor der allzu gut gemeinten Erziehung zu lauter gut gelaunten, gesunden und starken Optimisten.


Zudem haben diese Stärken-Diagnostiken, wie der Gallup- oder der familienähnliche VIA-Strength-Finder, mit harter Wissenschaft oft nicht viel gemein. Das, was dort als „Stärke“ und als „positiv“ gerahmt wird, sind ja keine objektiven Größen, sondern normative Werte. Bezieht man die Polyvalenz – also die Vieldeutigkeit – dieser Begriffe nicht mit ein (zum Beispiel mittels rekonstruktiver, interpretativer Verfahren), bewegt man sich eher im Feld der Ideologien als in dem der Wissenschaft. Ich habe das ausführlich in meiner kritischen Untersuchung der Positiven Psychologie (Kritik der Positiven Psychologie, 2024, Psychosozial-Verlag) dargestellt und führe das hier nicht weiter aus (Anfragen zu Vorträgen nehme ich an dieser Stelle natürlich gerne entgegen). Kommen wir stattdessen gleich zum Lob.


Lob der Grenze


Der Standard sollte klar sein: Physischer Arbeitsschutz, Schutz vor Mobbing und Diskriminierung, faire Entlohnung – das sind die indiskutablen Basics. Rahmenbedingungen. Verhältnisprävention. Es empfiehlt sich auch schlichtweg, seine Mitarbeiter nicht anzubrüllen. Aber braucht es für diese „Insights“ wirklich einen externen Mental-Health-Experten?


Zumal sich die Mental Health-Formate selten mit den Basics angemessenen Benehmens im Arbeitskontext begnügen. Stattdessen werden mitunter Ratschläge zur ganz persönlichen Lebensführung erteilt: gesunde Ernährung, Bewegung, Schlaf, Achtsamkeit, Sozialkontakte – wir kennen es alle. Oft bewirken diese gut gemeinten Angebote jedoch genau das Gegenteil:


  • Reaktanz statt Resilienz: Die meisten Mitarbeiter sind davon berechtigterweise genervt. Sie wissen, dass Bewegung, gesunde Ernährung und Pausen gut sind. Hinweise zu Pausengestaltung am Arbeitsplatz? Infantilisierend, oft schlichtweg unrealistisch, aber okay. Solange es bezahlt wird, sitzt man die Zeit eben in einer Beatmungs-Schulung ab - mag sich da mancher denken. Tipps, wie man auch im Urlaub glücklich, gesund und entspannt bleibt und was man in der Freizeit tun sollte, um gesund zu bleiben? Klare Grenzüberschreitung.


  • Individualisierung von Systemproblemen: Wenn der Workload zu hoch ist, hilft kein Achtsamkeitstraining. Hier wird das Problem auf das Individuum verlagert, nach dem Motto: „Du bist nicht überlastet, du bist nur nicht achtsam genug.“ 


    Wenn strukturell etwas schief läuft, braucht es echte Veränderungen – keine Mental Health Awareness Days. Es kann dann darum gehen, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Arbeit schlichtweg gut, verletzungs- und störungsfrei erledigt werden kann. Wertschätzung zeigt sich in klarer Kommunikation, verlässlichen Strukturen und dem Vertrauen in die Eigenverantwortung der Mitarbeiter – und ein faires Gehalt hat auch schon viele Probleme gelöst.


  • Die Fassade des Wohlbefindens: Durch den permanenten Fokus auf Happiness entsteht ein subtiler Druck, stets „positiv“ und „mental gesund“ zu erscheinen. Das senkt den psychischen Stress nicht, es erhöht ihn. Erst recht, wenn HR-Abteilungen nun darauf „scharf gestellt“ werden, psychische Auffälligkeiten und schlechte Laune zu detektieren.



Die Schutzfunktion der Distanz


Professionelle Distanz heißt so, weil sie professionell ist. Sie schafft einen Raum zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Diese Grenze bietet Schutz. Wer im Arbeitskontext psychologische Diagnostik betreibt oder Tipps zur intimsten Lebensführung zum Besten gibt, bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit.


Natürlich kann man in der Kantine gesundes Essen bereitstellen (wenngleich auch das Nudging eine moralisch zwiespältige Angelegenheit ist) – aber den Arbeitnehmern ungefragt Tipps und "Psychoedukation" darüber zu geben, wie sie sich auch fernab des Büros zu ernähren, zu bewegen, zu schlafen und zu atmen haben, überschreitet eine Grenze.


Los der Freiheit


Wenn Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen, ist das schmerzhaft für alle Beteiligten. Auch wenn Vergleiche stets, und dieser im Besonderen, hinken: Genauso wie sich ein Beinbruch nicht durch ein Seminar zum „richtigen Gehen“ verhindern lässt, sind viele psychische Erkrankungen nicht durch Präventions- bzw. Pädagogikworkshops zum „richtigen Leben“ kurierbar.


Eine allgemein richtige Gangart gibt es ebenso wenig wie eine allgemeingültige „Gesundheit an sich“. Was für den einen gesund ist, ist für die andere nicht stimmig. Nicht immer und nicht für jeden zählt das resilient-gesunde Überleben im Marschschritt; für manche ist das schöne Leben wichtiger, und wieder andere üben sich in einem redlichen Leben – selbst wenn dies nicht immer "gesund" ist. In einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung darf das jeder selbst entscheiden, und trägt dafür dann natürlich auch die Verantwortung. Das ist das Los der Freiheit. Für die es sich, so voraussetzungsvoll und problematisch sie manchmal sein mag, doch einzusetzen lohnt.




 
 

Dr. Senta Brandt

Dr. Senta Brandt ist Psychologin, Autorin, Therapeutin und promovierte Sozialwissenschaftlerin.

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