top of page

Anorexia nervosa – Universelle Krankheit oder subjektives Symptom?

Aktualisiert: 21. Feb.

Auf der Suche nach dem verlorenen Subjekt


Ist Magersucht eine Störung, die der Regulation und Normalisierung bedarf, oder eine unbewusste und sehr subjektive Antwort auf das Leben selbst? In einer Zeit, in der psychisches Leiden zunehmend standardisiert und durch Algorithmen messbar gemacht wird, droht die Einzigartigkeit des leidenden Menschen hinter klinischen Diagnosen zu verschwinden. Dieser Artikel hinterfragt den modernen Krankheitsbegriff und begibt sich auf die Suche nach dem Subjekt hinter der Diagnose.


Zusammen fallen


Das Wort Symptom stammt vom altgriechischen sýmptōma (σύμπτωμα), abgeleitet von sympíptein („zusammenfallen, zusammentreffen“) und bezeichnete ursprünglich einen „widernatürlichen Zufall“, einen „zufallsbedingten Umstand“, ein „Ereignis“ oder eine „Begleiterscheinung“. Es setzt sich zusammen aus syn („zusammen“) und piptein („fallen“), bezogen auf ein „Zusammenfallen“ von Merkmalen.


To fall in love


Beim Verlieben, fallen nicht Merkmale, sondern Menschen zufällig zusammen, weshalb der Philosoph Slavoj Žižek Liebe als Symptom versteht.


Sich zu verlieben ist keine bewusste, rationale Entscheidung, sondern etwas, das einem „zustößt“ – man entdeckt erst im Nachhinein, dass man bereits verliebt ist. Es ist eher ein Akt des Wahnsinns, der mitunter mit dem Verlust des Verstandes einhergeht und weniger ein Akt des souveränen Ichs. Man kann nie ganz und nie vollständig begründen, warum man den anderen liebt. Anders gesagt:

Wer Gründe für seine Liebe hat, liebt nicht. Liebe entzieht sich rationalen Erklärungen oder Listen von Vorzügen (was unmittelbar nachvollziehbar ist: zwar kann man eine Liste aufstellen: „Ich liebe ihn/sie für seine/ihre Haare, Herz, Haus, Lachen, and so on“, aber damit erfasst man den anderen eben doch nicht. Und wenn doch: wie schrecklich!). Liebe kommt plötzlich und unerwartet. Versuche, die Liebe tindernd zu erzwingen, führen oft nur zur Idealisierung des Anderen, nicht zur echten Begegnung. Die Suche ist von eigenen Wunschvorstellungen geleitet, man sucht gewissermaßen entlang seiner eigene Projektionen, und nicht den andersartigen Anderen (der nur von „Außerhalb“ kommen kann).


Verlieben – mitunter das Symptom, wie wir vorausgreifend sagen können – kann einen traumatischen, unbegründbaren Bruch, darstellen, der das Individuum zwingt, sich von der bloßen, oft blinden Erfüllung funktionaler Aufgaben (Arbeit, Status), Rollen, Selbstverständnissen und Identitätskonstruktionen zu lösen und sich auf einen singulären, nicht rational begründbaren Weg einzulassen.


Vom Zufall zum Zeichen


Ursprünglich bezeichnete der Begriff des Symptoms also den bloßen „Zufall“ oder „Unfall“. In der Medizin wird der Begriff heute gebraucht um „Krankheitserscheinung“ zu bezeichnen, in dem Sinn, dass Symptome als Zeichen für eine dahinterliegende Krankheit verstanden werden. Vom Zufall wurde es so zum „typischen Zeichen“ oder „typischen Krankheitsmerkmal“. So können Schnupfen, Fieber und Husten Symptome einer „Erkältung“ sein. Analog gelten im dominanten psychiatrisch-klinischen Diskurs Symptome (etwa bestimmte Verhaltensweisen) als Zeichen und Merkmale von psychischen Krankheiten.

 


Wie bereits diese kurze Einleitung gezeigt hat, kann man über Symptome recht verschieden nachdenken:

Für Žižek ist das Verlieben ein traumatisches Ereignis, das uns zwingt, die gewohnte Existenzweise zu verlassen. In der Medizin sind Symptome ordentlich klassifizierbare Krankheitszeichen, was im Bereich der körperlichen Erkrankungen gewiss Sinn machen kann, aber im Bereich der psychischen Phänomene? Darüber gibt es – wie zu vermuten ist – geteilte Meinungen. Betrachten wir im nächsten Schritt also die beiden Hauptlinien und deren Verständnis von psychopathologischen Phänomenen und psychischem Leiden.

 


Psychisches Leiden als Krankheit




Der hegemoniale (dominante) klinische Diskurs begreift psychopathologische Phänomene und psychisches Leiden als Ausdruck von psychischen Störungen.


Dies zeigt sich sowohl auf nosologischer (die Krankheitslehre betreffende) Ebene im deskriptiv-klassifikatorischen Ansatz des DSM (Decker, 2013) als auch auf therapeutischer Ebene, wo kognitiv-behaviorale Ansätze am häufigsten angewandt werden (Dalal, 2018). Diese Linie geht auf Kraepelin zurück und verfolgt die Absicht, Psychopathologie und Psychiatrie zurück in den bio-medizinischen Diskurs zu führen (Cosenza, 2014, S. 19).


Ihre Vertreter betonen die Universalität von psychischen Krankheiten, unabhängig von der Singularität (Einzigartigkeit) des leidenden Subjekts (ebd.).


Anorexie wird in diesem Diskurs auf den Status einer Störung bzw. genauer, auf ein Syndrom von Störungen des Verhaltens und der Kognitionen, reduziert. Dieser Reduktionismus bildet die logisch-operationale Vorannahme, auf der kognitiv-behaviorale Behandlungen basieren (ebd.).


Die Behandlung erfolgt nach standardisierten und manualisierten (und damit auch potentiell skalierbaren und app-ifizierbaren) Verfahren, nach pharmakologischen Vorbild.

Damit entspricht sie den Anforderungen nach quantitativer Evaluation und sozialer Kontrolle, die die Machtmechanismen fortgeschrittener Gesellschaften kennzeichnen (ebd.).


Ziel ist es, die jeweilige Störung zu einer „kognitiv-behavioralen Normalität“ (ebd.) zurückzuführen.


„In kognitiv-behavioralen Ansätzen hat das Subjekt keinen Platz in der Behandlung, die letztlich auf eine restitutive Rehabilitation des krankhaften Verhaltens des Patienten in Bezug auf eine statistisch definierte Normalität hinausläuft. Tatsächlich können sowohl der Begriff der Störung als auch die Therapie, die auf die Normalisierung einer solchen Verhaltensabweichung abzielt, nur unter der Bedingung konstruiert werden, dass das Subjekt, das dieses Leiden trägt, ausgeblendet wird.“ (ebd., S. 19f; Übersetzung SB)

Bereits der Begriff der Störung zeigt an, dass am Ende der Behandlung ein ungestörtes Subjekt herauskommen soll. Seine Subjektivität, Individualität und Einzigartigkeit (die Abweichung von der Norm) kann in einer solchen Vorstellung nur als Störung begriffen werden (vgl. auch Straub, 2023). Der Patient soll wieder funktionieren wie ein Durchschnittsmensch – den es nicht gibt. „Normalität“ ist eine Illusion; jeder Mensch ist auf seine Weise von der Norm abgerückt, also "ver-rückt" (singulär). Den „Menschen an sich“ gibt es ebenso wenig wie das „Ding an sich“. Kein Baum gleicht dem anderen, auch wenn wir sie alle jeweils als "Baum" bezeichnen (vgl. Nietzsche, 1999 [1873]).


Die kraepelinianischen und kognitiv-behavioristische Sichtweise dominiert gegenwärtig den Diskurs – sowohl auf theoretischer Ebene (sie ist an den wichtigsten Universitäten der entwickelten kapitalistischen Länder am stärksten vertreten), als auch auf therapeutischer Ebene (im Bereich der Essstörungen wird sie am häufigsten angewandt) (Cosenza, 2014, S. 19).


 


Psychisches Leid als Symptom

Um die andere Linse auf psychopathologisches Leiden aufzuzeigen, wie sie durch die Psychoanalyse ermöglicht wird, werde ich mich im Folgenden an den Darstellungen des Lacanianers Domenico Cosenza (2014) orientieren. Lacan war jener französische Psychoanalytiker, der Freud etwa zu Beginn der 1950er Jahre einer Relektüre unterzogen und eine eigene psychoanalytische Schule begründet hat.



Die psychoanalytische Perspektive wird durch jene Operation konstituiert, die Sigmund Freud der psychoanalytischen Klinik zugrunde gelegt hat: das Subjekt des Unbewussten und seine Singularität (Cosenza, 2014, S. 19).


An dieser Stelle lohnt sich ein kurzes Innehalten. Sonst verfällt man nur allzu leicht dem Gedanken: „Jaja, Freud, schon klar: der Mensch hat ein Unbewusstes.“ Doch das ist mit Subjekt des Unbewussten nicht gemeint, sondern bedeutet, dass der Mensch dem Unbewussten wirklich und tatsächlich unterworfen ist (lat. sub = unter; iacere = werfen). Das Menschenbild unterscheidet sich damit fundamental von jenem des hegemonialen klinischen Diskurs und damit auch vom Menschenbild, wie es wir es aus der Mainstream-Psychologie und den Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften kennen, sofern man hier noch einen Unterschied machen will (vgl. Brandt, 2024).


Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.


Mit „Subjekt des Unbewussten“ ist nicht die bewusste Person oder das souveräne Ich gemeint (nicht das, was wir zu sein glauben), das als Anhängsel ein Unbewusstes hat, sondern dass wir ganz und gar vom Unbewussten ‚durchdrungen‘ sind.


Freud stellte fest, dass das Unbewusste vor allem dort sichtbar wird, wo wir etwas nicht ganz verstehen: in Symptomen, in Versprechern, in Träumen oder in Wiederholungen (etwa von Beziehungsmustern oder fixierten Verhaltensweisen); dort, wo etwas „durch uns spricht oder handelt“, ohne dass wir es bewusst wollen oder uns erklären können. Der entscheidende Punkt ist nun, dass viele dieser irritierenden Phänomene uns zwar zunächst irrational erscheinen mögen, bei genauerem Hinhören jedoch einer rekonstruierbaren Logik folgen.


So kehrt Verdrängtes beispielsweise wieder, meist ausgerechnet in den unpassendsten Momenten, oder derart geschickt verkleidet, dass wir es selbst kaum wiedererkennen (weshalb die, bezügliche solcher Maskenspiele, geschulte Perspektive von außen oft so hilfreich sein kann).


Ein Symptom kann sich eben nun aus solchen Verdrängungen konstituieren. Ein klassisches Beispiel ist die Melancholie: Die Trennung vom bzw. der Verlust des geliebten Objekts ist so unerträglich, dass der Verlust unbewusst verdrängt wird - und damit auch die Möglichkeit, die Trennung bewusst zu verarbeiten. Sowohl der Ärger darüber, verlassen worden zu sein als auch die Trauer um das Objekt, wirken nun unbewusst weiter: die verdrängten Affekte lähmen den Betroffenen und lassen alles schwer und trostlos erscheinen. Dennoch ist der Preis der Verdrängung des Verlusts in der psychischen Ökonomie des melancholischen Subjekts offenbar verträglicher, als den endgültigen Verlust schmerzlich zu akzeptieren.


Indem wir verdrängen, produzieren wir Symptome und damit einhergehendes psychisches Leiden gewissermaßen selbst (Lacan wird später noch einen anderen Symptombegriff entwickeln, der über jenen des Symptoms als Botschaft/Metapher des Verdrängten, hinausgeht, den ich hier vorerst vernachlässige). Gewiss, wir tun das unbewusst; wir sagen nicht: "Das ist mir jetzt aber zu unerträglich, das verdränge ich mal lieber." Der Mechanismus der Verdrängung läuft unbewusst, jenseits der Sprache, ab. Dennoch sind wir auf diese Weise ursächlich an der Entstehung des Symptoms beteiligt. Was als Unerträglich und Verdrängungswürdig empfunden wird, und welche kreativen Wege hierfür gefunden werden, ist dabei sehr individuell verschieden und sowohl von der eigenen Geschichte, den subjektiven Erfahrungen, als auch von Alter und Struktur des Subjekts abhängig. Dennoch gehört auch das Verdrängte zur Wahrheit des Subjekts. Und manchmal auch, wie die Mitscherlichs 1976 in "Die Unfähigkeit zu Trauern" aufgezeigt haben, zur Wahrheit einer Nation.



Psychisches Leiden oder exzessive Verhaltensweisen stehen also in einer spezifischen Beziehung zum Subjekt, das sie (unbewusst) hervorbringt. Aus psychoanalytischer Perspektive erscheinen kognitiv-behaviorale Therapien daher als blind: Sie konzentrieren sich nur auf die Effekte – Verhaltensstörungen und kognitive Fehler –, ohne sich auf die ihrer Hervorbringung immanente Ursache zu beziehen (ebd.).


Man wird in kognitiv-behaviorale Therapien, im Fall der Melancholie, die man nur als Depression kennen lernen bzw. diagnostizieren kann (da man über keine Theorie der Melancholie verfügt - man kennt nur die eine Depression, in verschiedenen Schweregraden) beispielsweise an Techniken der Antriebssteigerung oder Tagesstruktur arbeiten, ggf. medikamentös unterstützt. So erhält man die Abwehr gegenüber dem Verdrängten aufrecht, statt sie zu lockern (was in manchen Fällen auch tatsächlich hilfreich sein kann - zu dem Preis, dass diese Abwehr fest eingeübt und vielfach erneuert werden muss, da das Verdrängte doch immer wieder Wege findet, auf sich aufmerksam zu machen; man nennt das dann meist "Rückfall"). Und selbst wenn man in der Anamnese nach möglichen Ursachen Ausschau hält, so wird man sie vom melancholischen Subjekt selbst kaum erfahren, da ihm die wahre Ursache seiner Antriebslosigkeit ja selbst nicht bewusst ist (Verdrängung geschieht unbewusst)! Die Kenntnis der Ursache (und damit eigentlich auch der Diagnose) steht aus analytischer Perspektive gewissermaßen am Ende, nicht am Beginn der Therapie.


Die freudianische Operation steht im Gegensatz zur kraepelinianischen und kognitiv-behavioristischen. Während dort das Subjekt von der Krankheit, deren Träger es ist, abgetrennt und gewissermaßen von der Verantwortung für deren Ursache entlastet wird (zum Preis der Aufgabe seiner Wahrheit), rückt Freud das Subjekt ins Zentrum. Statt der Bekämpfung von Krankheit oder der Normalisierung von Störungen, verstand Freud Symptome als Rätsel und macht das Subjekt verantwortlich für das, was es (unbewusst) hervorbringt (ebd.) - was zugleich die Möglichkeit der Veränderung eröffnet: das Verdrängte kann sich etwa in der Übertragungsbeziehung zeigen und es kann im Rahmen der Analyse erinnert, wiederholt und durchgearbeitet werden. Der Verlust des geliebten Objekts muss nicht mehr verdrängt und abgewehrt werden und so steht dem Subjekt wieder mehr Energie für andere Sachen zur Verfügung (Abwehr und Verdrängung sind wirklich anstrengend!). Was hier nach happy end klingt, ist allerdings oft das Ergebnis einer langen Arbeit, die keineswegs immer linear verläuft und die zu Beginn der Analyse ohnehin unvorhersehbar ist, insofern die Wege des Unbewussten unergründlich sind.


Zudem mutet der psychoanalytische Diskurs dem Subjekt, indem es nicht von der Verantwortung für sich selbst freigesprochen wird, einiges zu. Entschuldigungen wie „Ich konnte nicht anders, mein Gehirn, meine Amygdala, meine Biologie, mein Nervensystem, meine Störung etc. ist Schuld und hat mich dazu gezwungen“ erscheinen verdächtig; mitsamt all den anderen rationalen Erklärungen, die das Subjekt für sein Verhalten hervorbringt. Nicht weil es der oder die Analytikerin besser weiß (!), sondern weil das Symptom mit dem Subjekt des Unbewussten verbunden ist und nicht mit jener Position des „wissenden Ichs“, dass gescheit über sich Auskunft zu geben vermag. Analyse bedeutet auch, sich auf die riskante Spur des noch-nicht-gewussten zu begeben. Der ‚Erkenntnisweg‘ folgt streckenweise eher einer dekonstruktivistischen Bewegung: ahhh, das ist es auch nicht! Bis irgendwann selbst das große "Warum?" abfällt – und mit ihm alle Anklagen.


Freud entnahm den Begriff des Symptoms also dem medizinischen Lexikon und erfindet ihn im Licht der Psychoanalyse neu, womit er zugleich eine ‚Operation‘ bzw. Transplantation vornimmt: die Einbeziehung des Subjekts in das Unbehagen, an dem es leidet und dessen Ursache ihm selbst enigmatisch (rätselhaft) bleibt. In diesem Sinne wird der freudianische Symptombegriff im Feld der Psychopathologie zur Alternative zum Begriff der Störung (Cosenza, 2014, S. 20).



Magersucht als Symptom


Anorexia nervosa, die Magersucht, kann ebenso einerseits entweder als Störung verstanden werden, die sich auf verschiedenen Ebenen zeigt, die das Syndrom ausmachen: die Störung des Essverhaltens, die Störung in der Körperwahrnehmung, die Störung des Selbstwerts, etc.. Hier bezieht sich der Begriff des Symptoms also auf eine Störung bzw. genauer: auf eine Entität (entitas: Wesenheit, seiendes Ding; gleichwohl ist das natürlich eine Illusion: anders als den Baum vor unserem Fenster, gibt es "die Störung" nicht als natürliches Objekt). Die Rede ist dann von „Symptomen einer Störung“. Das therapeutische Ziel von kognitiv-behavioralen Therapien ist es, diese Störung zu normalisieren (etwa: Person + Störung => Person – Störung = normale/ungestörte/gesunde Person). Magersucht wird dann behandelt wie ein Virus, den man isolieren und abtöten kann, oft im Austausch gegen neue ‚Coping-Skills‘ oder andere Regulationsmaßnahmen, die die Person an sich vornehmen soll, um sich gegen die Störung zu wappnen, immun zu werden.


Andrerseits kann die Anorexie nervosa aus Perspektive des psychoanalytischen-lacanianischen Diskurs als Symptom betrachtet werden: als singuläre ‚Erfindung‘ bzw. Konstruktion und Form der Subjektivierung seitens derjenigen, die darunter leidet. Das Symptom ist in das Subjekt ‚eingeschrieben‘ und stützt seine singuläre Existenz.


Das anorektische Symptom wird aus dieser Perspektive als Lösung verstanden, wiewohl die anorektische Lösung eine pathologische Lösung ist. Sie ist eine unbewusste Antwort auf etwas Unerträgliches. Sie ist eine Antwort, und nicht Reaktion, Defekt, Defizit, Fehler oder Verhaltensstörung. Sie trägt den „status of a response that is rooted in the singular structure of the subject“ (ebd., S. 5).


Erneut lohnt es sich, hier eine kurze Pause zu machen und, wenngleich eine umfassende Erklärung hier den Rahmen sprengen würde, zumindest hervorzuheben:

Unter psychoanalytisch-lacanianischer Perspektive erscheint Anorexie nicht primär als Verhalten mit adaptiver oder regulierender Funktion, die durch das Erlernen anderer Regulationsmaßnahmen ersetzt werden kann. Sie ist keine Lösung in diesem Sinn. Das anorektische Symptom wird als subjektive Formation verstanden: eine Art und Weise, wie das Subjekt des Unbewussten eine bestimmte Position im Symbolischen, die Beziehung zum Anderen sowie eine Form des Genießens organisiert, die es ihr erlaubt psychisch zu (über-)leben. Die Funktion des Symptoms liegt daher nicht nur in dem, was das Verhalten äußerlich bewirkt, sondern in dem Platz, den das Symptom innerhalb der psychischen Ökonomie des Subjekts einnimmt.


Das Verständnis des Symptoms, geht also über ein rein funktionales, instrumentelles Verständnis hinaus: Die Funktion des Symptoms ist nicht (nur) adaptiv, sondern strukturell-konstitutiv. Es geht nicht nur um den Zweck, den das anorektische Verhalten erfüllt (etwa "Emotionsregulation", "Kontrolle", "Stressreduktion", "Selbstwertregulation" etc.), sondern das Symptom wird als Bedingung verstanden, die das Subjekt überhaupt stabilisiert und konstituiert.


Noch einmal anders ausgedrückt entstehen Symptome bei Lacan als kreative, wenn auch leidvolle Antwort auf einen strukturellen Mangel im symbolischen Gefüge des Subjekts. Sie sind ein Versuch, Jouissance zu binden und eine Wahrheit über das eigene Begehren auszudrücken. Das Symptom kann (nur) bis zu einem gewissen Grad "entschlüsselt" (gedeutet, interpretiert) werden und ist Teil der einzigartigen Struktur des Subjekts (wie dieses Subjekt seine Position in Bezug auf Sprache/Gesetz, den Anderen und sein Genießen organisiert).


Das Symptom ist nicht nur Störenfried im Leben eines Subjekts, es ist Teil seiner Entstehungs- und Seinsweise, zugleich Quell von Leid und Lust sowie Teil seiner Struktur. Es erfüllt eine Funktion - indem es das Subjekt (seine Funktionsweise und psychische Ökonomie) organisiert - und geht nicht ganz in der Sprache auf.


Aus psychoanalytisch-lacanianischer Perspektive wird die Anorexie also von der singulären Struktur des Subjekts her gedacht und die Anorexie folglich als singuläre Lösung (im oben angedeuteten Sinn). Das unterscheidet diese Perspektive ferner von systemisch-relationalen Ansätzen (etwa jenem von Palazzoli), da die unbewusste Wahl des Subjekts einen entscheidenden Platz einnimmt, der sich nicht ganz auf die Ansprüche nach Stabilität des Familiensystems reduzieren lasse (ebd.).


Symptom, nicht Entität


Den Weg der Psychoanalyse einzuschlagen, bedeutet, von der These auszugehen, die Augustin Ménard formuliert hat: „Anorexie ist ein Symptom, keine Entität.“ (Menard, 1992, p.3; zit. n. Cosenza, S. 20)


Das heißt in weiterer Folge, mit Worten von Cosenza: „erstens zu bekräftigen, dass die Funktion des Subjekts des Unbewussten in der anorektischen Konstellation eingeschrieben ist und dass diese sowohl in ihrer Genese als auch in ihrer Deutung und Behandlung von ihm abhängt.“ (ebd.; Übersetzung S.B.)


Anorexie wird nicht als Verhalten eines „Dings bzw. Menschen an sich“ verstanden, der auch ohne dieses Verhalten unverändert existieren könnte. Man kann das Subjekt nicht von seinem Symptom trennen und dann nur sein Symptom behandeln, da Subjekt und Symptom miteinander verwoben sind. Die Anorexie ist kein Fremdkörper. Sie ist ein Teil der Art und Weise, wie dieser Mensch geworden ist (Genese). Das Unbewusste „nutzt“ die Magersucht für etwas (Funktion des Subjekts), dass nur so zum Ausdruck kommen kann. Das anorektische Symptom erfüllt nicht nur eine „Aufgabe“ und Funktion im psychischen Haushalt der spezifischen Person, sondern ist die Form, in der sich die subjektive Ökonomie strukturiert und die es daher in der Behandlung herauszufinden und zu berücksichtigen gilt.


Zweitens kreist nach Cosenza die analytische Perspektive um die These, „dass es notwendig ist, die der Anorexie der Patientin immanente ‚subjektive Position‘ zu finden und hervorzuheben, um das Symptom ausgehend von der Aussage über ihre eigene Lage lesen und behandeln zu können.“


Es gilt also die Frage zu beantworten: Wo ist das Subjekt? Lacan positioniert es, auch das hier nur andeutungsweise, mit dem Eintritt in die Sprache, im sog. Symbolischen. Doch wie und wo genau es sich dort (in der Sprache, der Kultur, dem Gesetz) einhaust, ist individuell verschieden und muss im Rahmen der Analyse erst herausgefunden werden (ebenso wie sein Verhältnis zum Anderen sowie zum Realen/Jouissance). Die hysterische Anorexie hat zur Sprache, dem Anderen und zum Realen beispielsweise ein anderes Verhältnis als die melancholische oder psychotische, weshalb ihr jeweiliges Nein auch eine andere Bedeutung trägt (en detail: Cosenza, 2014).


Würden diese beiden Axiome nicht konsequent berücksichtigt, löst sich gemäß Cosenza (ebd., S. 21) die Idee einer psychischen Kausalität – wie sie aus der Entdeckung des Unbewussten hervorgeht– auf und überlässt ein Feld, das dann dem biologischen Determinismus und einer grenzenlosen sozialen Konditionierung offensteht. Hält man an ihnen fest (und dafür spricht, so Cosenza., wie die jahrzehntelange Erfahrung analytischer Behandlung mit anorektischen Subjekten, zeige, viel) so ergeben sich draus drei Korollarien (Schlussfolgerungen):


1.     Die Bekräftigung der Singularität des anorektischen Symptoms im Gegensatz zur Universalität der Krankheit: Anorexie kann nur in Beziehung zu dem Subjekt verstanden werden, welches das anorektische Symptom hervorbringt, sowie zu seiner singulären Geschichte (ebd.).


Es gibt nicht 'die Magersucht'. Es gibt nur 'Frau X mit ihrer spezifischen Geschichte, die hungert'.


2.     Die Bekräftigung der differenziellen Pluralität der Erscheinungsformen des anorektischen Symptoms (ebd.).


Zwei Menschen können sich sehr ähnlich verhalten, aber ihre 'innere Logik' kann sehr verschieden sein.


3.     Die Hervorhebung der rätselhaften Dimension der Anorexie als subjektives Symptom (ebd.).  

 

Statt zu versuchen das Rätsel der Anorexie vorschnell zu lösen und mit Erklärungen vollzustopfen, gilt es im Rahmen der Analyse das Rätsel, und somit auch das Begehren, aufrecht zu halten (bzw. zu Beginn der Behandlung auch erst einmal wieder zu entfachen: "the transition from a disease and disorder to a symptom, in which the subject is unkowingly involved, is already a result of treatment, and rarly a starting point. Indeed, the symptomatization of their condition is, in the patient's discourse, one of the first important effects of the analytic treatment in its preliminary phase.", ebd., S. 21) und das Subjekt darin zu bestärken, seine eigenen Antworten zu finden.



Auf der Spur des Begehrens


Das Verständnis der Magersucht als Symptom erlaubt es uns, die Magersucht wieder in die Nähe jenes „unbegründbaren Bruchs“ zu rücken, den Žižek für die Liebe beschreibt. So wie das Verlieben ein Ereignis ist, das die rationale Ordnung des Ichs sprengt, so kann auch das anorektische Symptom ein Einbruch des Realen darstellen. Das Symptom ist ein Moment, in dem das Subjekt aus der Reihe tanzt, manchmal sehr nahe am Abgrund und, im Falles des anorektischen Symptoms, für viele auch in den Tod.


Indem wir die Anorexie von der Struktur her denken, entziehen wir sie dem bloßen biologischen oder behavioristischen Determinismus (der in der kognitiv-behavioristischen Orientierung weiterlebt). Wir geben ihr ihre Würde als „Antwort“ zurück.


Statt „die Essstörung“ als eine feindliche Entität zu bekämpfen – den Weg des Krieges einzuschlagen, der doch so oft nur in weiterer Gewalt mündet – und sie als zu eliminierende Krankheit „wegzuerklären“, also den (weiblichen) Körper (ein weiteres Mal) stumm zu machen und zum Schweigen zu bringen, weckt und fördert der analytische Diskurs das Zur-Sprache-kommen, das offene Denken sowie den ehrlichen, verantwortungsvollen und erwachsenen Dialog und Umgang mit sich selbst, und anderen.


Sich auf die Spur des eigenen Symptoms und Begehrens zu begeben, erfordert Mut und mag nicht für jede:n das richtige sein. Es bietet jedoch eine Perspektive für all jene, die ahnen: „So wie ich handle, fühle und denke, wie ich esse und nicht-esse, wie ich meine Beziehung zu mir, zu meinem Körper, zu anderen gestalte, was ich mir wünsche und wovor ich Angst habe – das hat tatsächlich, auf einer sehr intimen Ebene, etwas mit mir zu tun.“








Literatur


  • Brandt, S. (2024). Das starke Subjekt und seine Feinde. Das Menschenbild und Handlungsmodell der Positiven Psychologie. Psychosozial, 1(175), 30–44.

  • Cosenza, D. (2014). A Lacanian Reading of Anorexia. New York/London: Routledge.

  • Dalal, F. (2018). CBT: The Cognitive Behavioural Tsunami: Managerialism, Politics and the Corruptions of Science. London/New York: Routledge.

  • Decker, H. S. (2013). The Making of DSM-III: A Diagnostic Manual's Conquest of American Psychiatry. Oxford/New York: Oxford University Press.

  • Mitscherlich, A., & Mitscherlich, M. (1967). Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Piper.

  • Nietzsche, F. (1999 [1873]). Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. In: G. Colli & M. Montinari (Hrsg.), Kritische Studienausgabe (KSA), Band 1. München/Berlin: dtv/de Gruyter.

  • Straub, J. (2023). Psychologie ohne Individuum? Individualität in der Kulturgeschichte Europas und als Leerstelle der Psychologie. Psychosozial-Verlag.


 
 
bottom of page