Neue Ernährungsregeln für den Menschenpark
- Senta Brandt

- 27. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Feb.
Die Biopolitik der neuen US-Ernährungspyramide

Während der Rauch über Caracas nach dem US-Luftschlag vom 3. Januar 2026 noch kaum verflogen ist und die Weltöffentlichkeit über die völkerrechtliche Statik der Festnahme Maduros in Atem gehalten wird, vollzieht die Trump-Regierung im Inneren einen bemerkenswerten Schwenk ins Private. Nur vier Tage nach der militärischen Eskalation in Südamerika veröffentlicht das U.S. Department of Agriculture (USDA) am 7. Januar 2026 unter dem Motto: „Eat real food” die neuen „Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030“.
Eine affektpolitische Meisterleistung: Die geopolitische Abstraktion des Krieges wird durch die unmittelbare Körperlichkeit der Ernährung abgelöst. Der „War on Sugar“ tritt nicht nur an die Stelle des „War on Fat“, sondern flankiert das Raketenfeuer. In einem Moment maximaler äußerer Aggression demonstriert die Regierung ihre Handlungsfähigkeit im Modus des patriarchalischen Kümmerns. Ein strategischer Doppelschlag, der die ‚nationale Einsatzbereitschaft‘ nicht nur an den Grenzen, sondern bis in die kleinsten Kapillaren der heimischen Blutbahnen sicherstellt.
Bild frisst Text
Wenngleich das Plädoyer für „real food“ schon gewisse Essentialismen erahnen lässt, klingen die neuen Guidelines auf den ersten Blick recht vernünftig: weniger verarbeitete Lebensmittel, weniger Zusätze. Doch bei genauerer Betrachtung fällt eine Diskrepanz zwischen der visuellen Darstellung der Guidelines in Form einer umgedrehten Pyramide und dem Inhalt der Guidelines selbst auf. Die appetitliche visuelle Betonung von Fleisch und tierischen Fetten in der grafischen Aufbereitung ist durch die eigentlichen wissenschaftlichen Daten im Textanhang kaum gedeckt. Dort finden sich durchaus noch differenziertere Hinweise. Beachtet wurden diese bei der graphischen Aufbereitung offensichtlich nicht: Man weiß, dass im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie das Bild entscheidet und nicht die Fußnote.
Metabolischen Mobilmachung
Die neuen Guidelines sollen die bisherige Ernährungspyramide ganz buchstäblich auf den Kopf stellen. Die Begründung: „To Make America healthy again“ (USDA, 2026, p.1). Amerika befinde sich in einem Gesundheitsnotstand („health emergency“). Fast 90 % der Gesundheitsausgaben flössen in die Behandlung chronisch Kranker. Wie man zu berichten weiß, sind viele dieser Erkrankungen nicht genetisch bedingt, sondern die vorhersehbare Folge der typisch amerikanischen Ernährungsweise. Psychologische, soziale, politische und gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Faktoren werden nicht erwähnt. Die Folgen ‚der‘ amerikanischen Ernährungsweise (es scheint in diesem Land, das sich aus zahlreichen heterogenen Bevölkerungsschichten zusammensetzt, nur eine einzige Ernährungsweise zu geben, nämlich: der Konsum „hochverarbeiteter Lebensmittel“ in Kombination mit einem „sitzenden Lebensstil“) seien „verheerend“.
Mehr als 70 % der amerikanischen Erwachsenen seien übergewichtig oder fettleibig. Fast jeder dritte amerikanische Jugendliche leide an Prädiabetes. Unmittelbar anschließend wird deutlich, dass weniger das Leid der betroffenen Individuen im Vordergrund steht, sondern was das eigentlich Beunruhigende an dieser Entwicklung ist:
"Diet-driven chronic disease now disqualifies large numbers of young Americans from military service, undermining national readiness and cutting off a historic pathway to opportunity and upward mobility." (ebd.)
Sie kosten also nicht nur viel Geld, sondern stehen auch dem militärischen und neoliberalen Einsatz nicht mehr zur Verfügung. Nach dieser dystopischen Gegenwartsdiagnostik liegt die Frage nah: Wie konnte es so weit kommen? Wer ist schuld daran?
Die Antwort ist simpel: Die bisherigen Regierungen hätten versagt, falsche Anreize gesetzt und das Volk mit „unreal food“ in die Irre geführt. „For decades, federal incentives have promoted low-quality, highly processed foods [...] This crisis is the result of poor policy choices.“ Das soll sich nun ändern: „This changes today.“
Die Regierung kümmert sich nun – um die „American farmers, ranchers, and companies who grow and produce real food”. Ebenso wie „unreal food“ ist freilich auch „real food“ ein Produkt. Allerdings ein ungleich teureres. Aber auch das bedenkt die Regierung, in einem Nebensatz („and the Trump administration is working to ensure all families can afford it.“). Man ist also bemüht. Wie genau diese Bemühungen ablaufen und wann es so weit sein wird, dass sich die neue Ernährungsform dann auch alle leisten können, bleibt offen.
Dafür ist die Antwort, wie sich die Gesundheitskrise lösen lässt, gefunden: Wie es scheint, mit ein wenig hypnotischer Wortmagie:
“We are putting real food back at the center of the American diet. Real food that nourishes the body. Real food that restores health. Real food that fuels energy and encourages movement and exercise. Real food that builds strength.“ (ebd.)
„Real food“ ist also die Lösung. „Real food“ macht gesund und stark.
„Real Food“ fungiert hier als Chiffre für eine Rückkehr zum „Echten“, zum „Wahrhaftigen“. Doch auch das Steak im Supermarkt ist, wie gesagt, längst ein hochtechnisiertes Industrieprodukt. Das Wörtchen „real“ dient vielmehr dazu, Interessen der Meat-Lobby und die Sehnsucht nach Bodenständigkeit und Sicherheit zu bedienen. In einer Welt, die zunehmend komplexer, digitaler und abstrakter wird, verspricht das „echte Essen“ eine fast ontologische Sicherheit. Man isst Fleisch, also ist man – und wird zugleich gesund, stark und was es sonst noch so an wünschenswerten Eigenschaften gibt. Magie.
Die Ernährunsgrichtlinien fordern anschließend jeden einzelnen Amerikaner dazu auf, mehr „real food“ zu essen. Es ist keine Rhetorik des Verzichts oder der Mäßigung. Stattdessen der Appel zum mehr-realfood-Konsum:
“These Guidelines call on every American to eat more real food. They call on farmers, ranchers, health care professionals, insurers, educators, community leaders, industry, and lawmakers across all levels of government to join in this critical effort. Together, we can shift our food system away from chronic disease and toward nutrient density, nourishment, resilience, and long-term health.” (ebd.)
Nahrungsaufnahme wird zur Schlüssellösung, zur Ursache von Resilienz und Gesundheit wie zur nationalen Angelegenheit erklärt.
Deutlich geworden ist, dass der Mensch hier nicht als Individuum interesseiert, sondern in seiner biologischen Brauchbarkeit für den Staat, als Biomasse. Wenn das Individuum aufgrund metabolischer Störungen nicht mehr fähig ist, eine Waffe zu halten, wird es zur Sicherheitslücke und zum Kostenträger. Auch die neue Ernährungspolitik ist daher keine Fürsorge im klassischen, sondern Biopolitik im engeren Sinn. Damit werden – im Anschluss an Foucault – jene Mechanismen der Macht bezeichnet, die nicht mehr nur Territorien verwalten, sondern das Leben selbst regulieren.
Von der hierarchischen Pyramide zur maskulinen V-Form
Das grafische Dispositiv dieser neuen Ordnung ist aufschlussreich. Die klassische Pyramide hatte eine breite Basis (Brot für das Volk) und eine schmale Spitze (Süßes/Fett als Ausnahme). Sie war hierarchisch und mahnte zur Mäßigung. Eine klare vertikale Ordnung. Die neue, umgekehrte Pyramide ist ein V-Vektor, der sich nach oben weitet. Sie wirkt nicht mehr begrenzend, sondern expansiv.
Ganz oben, in leuchtenden Farben und maximaler Breite: Fleisch, Lachs, Eier, Butter. Psychoanalytisch lässt sich dies durchaus als eine Re-Maskulinisierung des Tellers deuten. Fleisch und Proteine stehen hier für Härte, Stärke und Souveränität. Gemüse und Obst erscheinen mittig-links, in matteren Farben und bedürfen, anders als die tierischen Produkte (die verzehrfertig dargeboten werden), der weiteren Verarbeitung. Ganz unten geht es nur noch bergab: Ein trauriger, braun-grauer Laib Brot und ein paar Getreidekörner. Das einstige Fundament der Zivilisation wird visuell zum Abfallprodukt degradiert. Pasta, Pizza und Amore Apfelkuchen fehlen in der Pyramide, sind noch nicht einmal als Ausnahme enthalten. Bye bye American Pie.
Der „Real Man“, so wird deutlich, isst oben, in der Zone der Kraft; wer unten isst, gibt sich dem Verfall hin.
Real food for real man im KI-Zeitalter
Diese neue Ernährungspyramide spiegelt auch die Anforderungen des KI-Zeitalters wider.
Der Fabrikarbeiter des 20. Jahrhunderts brauchte schnell verfügbare Kohlenhydrate als Brennstoff für körperliche Arbeit, der Dienstleister kann sein süßes Lächeln oft nur mit viel süßer Unterstützung aufrechterhalten und auch der Wissensarbeiter benötigt Glukose für neuronale Gehirnblitze. Zudem bleiben in der hektischen Fabrik, die wahlweise auch Betrieb oder Office genannt wird, für die Mittagspause höchstens 20 Minuten. Eine ausgiebige Mahl-Zeit, gar eine kleine Siesta zur Verdauung? No way. Schnell verdauliche Trinknahrung und intermittierendes Fasten waren die Lösung.
Anders im KI-Zeitalter: Die KI übernimmt die Produktion, von Konsumgütern ebenso wie jene von „Wissen“ (dass aus der Academia in weiten Teilen ein Industriebetrieb geworden ist, darf ich als bekannt voraussetzen, si?) und auch die Freundlichkeit beherrscht sie 24/7. KI arbeitet rasend schnell und benötigt dafür Unmengen an Energie – die ihr angegliederte humane Biomasse hingegen kaum mehr. Diese ist im – von Paul Virilio so trefflich genannten – Stadium der „Polar inertia“. Sie rast über die (Daten-)Autobahn, bleibt dabei aber selbst träge. Die Biomasse geht nicht mehr ins Büro, sie verweilt im home-office, trainiert im (home)gym, arbeitet an einem resilienten und positiven Mindset, lässt sich evidence-based realfood nach Hause liefern, kocht (wärmt auf), kaut und verdaut – Fleisch in viel Butter gebraten, Eier, Lachs. Ein bisschen Grün. Sie braucht keine Energiespitzen, sondern eine konstante, ketogene Verbrennung für physische Ausdauer und Resilienz. Die primäre Funktion der humanen Biomasse ist es nicht zu „arbeiten“ oder zu „denken“, sondern „gesund“ zu sein: zur Bevölkerungsproduktion und -expansion, zum Einsatz im Militär (s.o.).
Genieße !
Die umgekehrte Pyramide ist die Grafik einer Machtform, die sich nicht mehr durch Verbote legitimiert, sondern durch den Imperativ des Genießens („Eat more real food!“). Statt mit Repression arbeitet sie mit freundlicher Erlaubnis („Du darfst“, „Eat more …“), mit ‚Aufklärung‘ und ‚Education‘ („science-based“ / health experts), Infantilisierung (Bilder statt Bücher), Verführung (Anreizsetzung) und Belohnung (Likes).
Die Ernährungspolitik adressiert nicht mehr den produktiven Körper als Arbeitskraft, sondern den kostenneutralen, reproduktions- und kampffähigen Körper. Dessen einziger Zweck ist es, eine gesunde, wartungsarme und einsatzbereite, freundlich-unkritische – und in diesem Sinne selbstoptimierte – „humane Biomasse“ zu sein. Die Arbeit an sich selbst, der eigenen Gesundheit – das Optimieren von Blutwert und Mindset – wird zur patriotischen Pflichtaufgabe. Jeder Bissen wird Staatsakt. Die Zukunft einer ganzen Nation hängt davon ab:
„America’s future depends on what we grow, what we serve, and what we choose to eat. This is the foundation that will Make America Healthy Again.“ (ebd.)
Womöglich wird man Revolutionäre künftig daran erkennen, dass sie todesmutig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen – indem sie beherzt in ein Stück Apfelkuchen beißen.
Quelle: USDA (2026). Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030. U.S. Department of Agriculture.


