Über das Verstehen

Ein Zen-Schüler bekam die Aufgabe, die Natur des Bambus herauszufinden. Zunächst schnitt der Schüler ein Stück des Bambus ab und zerlegt es in immer kleinere Einzelteile. Außerdem goss er den Bambus ausgiebig, dann lies er ihn halb vertrocknen. Er stellte ihn in die pralle Hitze, dann in den eisigen Schatten. Begleitend nahm er viele, sehr genaue Messungen vor. Er war sehr zufrieden mit dem Verlauf seiner Experimente und hatte ein paar wichtige Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufgestellt. Doch als er seine Bambus-Theorie stolz dem Lehrer präsentierte, schüttelte dieser nur entschieden den Kopf und lachte: „Nun hast du mir viel über dich und deine Theorien erzählt, aber über den Bambus weißt du nichts.“ Der Schüler war verwirrt und setzte sich neben den Bambus. Schließlich begann er einfach nur zu sitzen. Er saß sehr lange. Nun wurde er vom selben Wind erfasst, der auch den Bambus streifte, dieselbe Sonne wärmte sein Gesicht… und während er einfach nur da war - frei von Erwartungen, voll von Präsenz - begann er langsam zu verstehen.


Diese kleine Geschichte beschreibt recht eindrucksvoll welche Möglichkeiten wir haben, auf die Welt zuzugreifen und Erkenntnisse über sie zu gewinnen. Wollen wir sie uns untertan machen und ihr qua Experiment die Geheimnisse entreißen oder wählen wir einen Weg des Verstehens?


An diesem Scheidepunkt steht aktuell auch die Psychologie, also jene Wissenschaft, die zunehmend an Wirkungsmacht gewinnt und mit darüber entscheidet, wie wir über uns selbst denken.


Menschen lieben Erklärungen. Das macht die Welt einfacher, reduziert Chaos und Angst und verleiht Macht: Wenn A B versursacht und ich A manipulieren kann, habe ich Macht über B. Während lineares Denken bei unbelebter Materie und für einfache Zusammenhänge noch funktionieren mag, versagt es bei lebendigem Material und offenen Systemen komplett. Dennoch basiert zum Beispiel auch das bio-psycho-soziale Standardmodell der Psychologie auf einer solchen Logik: 3*Faktor Bio + 2*Psycho + 1*Sozial + 4*(Interaktion der Faktoren) = Mensch.


Das war glücklicherweise nicht immer so. Noch vor 100 Jahren schwankte die Psychologie zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, zwischen Verstehen und Erklären. Da u.a. im/nach dem 2.WK Soldaten gebraucht wurden, siegte jedoch die Diagnostik (die quantitative Vermessung von Menschen) und damit das naturwissenschaftliche Paradigma.

Die andere (hermeneutische, phänomenologische, qualitative) Sichtweise gerät zunehmend in Vergessenheit, ist jedoch glücklicherweise noch nicht ganz ausgestorben. Diese nähert sich dem Menschen aus einer Perspektive des Verstehens an. Statt 'dem Menschen' (wer auch immer das ist.. - sollen sich die Antrophologen darüber streiten) ein Erklärungsmodell überzustülpen (und alles, was nicht passt, als Stör- oder Fehlerterm zu begreifen), versucht man, den eigenen Blick möglichst frei von Vorannahmen zu halten und sich auch implizite Vorannahmen zu vergegenwärtigen. Dies ist natürlich mit einer gewissen Demutshaltung und der Aufgabe des Expertenstatus verbunden. Nicht mehr der Psy-Experte hat dann (Erklärungs-)Macht über den anderen, sondern der andere wird als Individuum ernst genommen. Im Dialog kann sich dann ein Wissen entfalten, dass den gemeinsamen Verstehensprozess einleitet.

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