Zitate, Zen und Zettelkästchen

3 Monate und 3 Sesshins später, stellt sich so langsam die Frage: Wie geht es hier weiter?


Pragmatisch. Erstmal muss frau einfach mit den Werkzeugen arbeiten, die sie hat. Dabei ist bei Insta natürlich immer die Frage mitlaufend: ist Insta mein Werkzeug oder bin ich das Werkzeug von Insta?


Bist auch du das Werkzeug von Insta geworden, ohne es zu merken? Klicke auf die 5 Punkte Checklist und lade dir meine *kostenlosen* PDF „Wie du deine toxische IG-Beziehung heilst“ runter. Ich verrate dir *exklusiv* zwei *wissenschaftlich erprobte* gedankliche Techniken, mit denen du dich vom Opfer-Status befreist. Yes, auch DU kannst es schaffen!!! Ich glaub an DICH! DU bist es dir wert!!! Befreie Dich selbst, zur grenzenlosen Neo-Freiheit! Liberté! Liberté! Liberté!


Insta wohnt, da die Plattform als Psychopolit(echn)ik am urmenschlichen Bedürfnis nach Anerkennung ansetzt, eine Verführung zum Gefällig werden inne (#Like), die eine besonders Form von Strenge gegenüber sich selbst herausfordert – möchte man sich nicht zum letzten Menschen degradieren. Während die Verkäufer sich derartige Sorgen nicht zu machen brauchen (ihnen geht es ja grade darum, maximale Gefälligkeit zu erreichen), dockt Insta auch am Sendungsbedürfnis von jenen an, welchen es nicht primär ums Zählen, sondern tatsächlich noch ums Erzählen, geht. Insta lässt sie ein Publikum imaginieren, wo in Wirklichkeit keines ist. Vom Publikum, von lat. Publicus: Volk/ Allgemeinheit, kann in den SM-Echokammern ohnehin keine Rede sein. SM steht natürlich für: social media. Wobei die intuitive Lesart, wie so oft, die treffendere ist:


„Der Porno lässt sich zum neoliberalen Dispositiv generalisieren. Unter dem Zwang der Produktion wird alles vorgeführt, ins Sichtbare überführt, entblößt und ausgestellt. Alles ist dem unerbittlichen Licht der Transparenz ausgeliefert. Die Kommunikation wird pornografisch, wenn sie transparent wird, wenn sie zu einem beschleunigten Austausch von Informationen geglättet wird. Die Sprache wird pornografisch, wenn sich nicht spielt, wenn sie nur noch Informationen transportiert. Der Körper wird pornografisch, wenn er jeden szenischen Charakter verliert und nur zu funktionieren hat. Dem pornografischen Körper fehlt jede Symbolik.“ (Byung-Chul Han, 2021, Vom Verschwinden der Rituale, S. 108)


Die Wahrheit, das wusste Nietzsche, ist hässlich. Der Mensch kann ohne Illusionen nicht leben. Gleichwohl sind auch unsere Wahrheiten nichts anderes als „Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“ (FN, Wahrheit & Lüge im außermoralischen Sinn)


Was wir heute vor allem brauchen, sind neue, kraftvolle Narrative – die aus der „Dialektik des Schmerzes“ (Byung-Chul Han, 2021, Palliativgesellschaft, S. 53) heraus sprechen.


„Die Negativität des Schmerzes ist konstitutiv für das Denken. Es ist der Schmerz, der das Denken vom Rechnen, von der Künstlichen Intelligenz unterscheidet. Intelligenz heißt wählen zwischen (inter-legere). Sie ist ein Unterscheidungsvermögen. So verlässt sie das bereits Vorhandene nicht. Sie vermag das ganz Andere nicht hervorzubringen. Darin unterscheidet sie sich vom Geist. Der Schmerz vertieft das Denken. Ein tiefes Rechnen gibt es nicht. Worin besteht die Tiefe des Denkens? Im Gegensatz zum Rechnen, bringt das Denken eine ganz andere Sicht auf die Welt, ja eine andere Welt hervor.“ (ebd., S. 55)


Der Schmerz „als Hebamme des Neuen“ ist „eine Geburtshelferin des ganz Anderen. Die Negativität des Schmerzes unterbricht das Gleiche. In der Palliativgesellschaft als Hölle des Gleichen ist keine Sprache des Schmerzes, keine Poetik des Schmerzes möglich.“ (ebd., S.52)


Noch ist es möglich. Das reicht als Begründung.


Ich werde also hier, quasi mitten in der 'Hölle des Gleichen', in unregelmäßigen, Algorithmus-unfreundlichen und Dissertations-freundlichen Abständen weiterhin immer mal wieder den ein oder anderen Beitrag aus dem Geist der Mäeutik hochladen und so zu dessen Arterhaltung beitragen. Außerdem vielleicht Zitate, Lieblingssätze, Denknotizen sammeln oder eine Art öffentlichen Zettelkasten anlegen. Ich freue mich über die vereinzelt doch durch Insta ermöglichten glücklichen menschlichen Begegnungen mit Tiefencharakter, die die andere Seite des Schmerzes darstellen. Glück und Schmerz stehen in einer dialektischen, nicht dualistischen Beziehung. Wer sich dem Schmerz verschließt, verunmöglicht sich auch das tiefe Glück, den beiden, Geschwistern und Zwillingen, „die miteinander gross wachsen oder (…) miteinander – klein bleiben.“ (FN)


Auf großes Glück-und-Schmerz!


Alles Liebe

Senta


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