Xmas-Reminder

Auf Insta erinnert man sich gerne gegenseitig: zur Weihnachtszeit steigt die Anzahl von 'Remindern' und 'Erinnerungshilfen' noch weiter an. Wir scheinen unter einem kollektiven Gedächtnisverlust zu leiden. Doch woran wird - auf einer Metaebene - da eigentlich erinnert?


Viele, wenn nicht die meisten Reminder sind als ‚Du-Darfst‘-Sätze formuliert. So wie wir das aus der 90er Jahre Käse-Werbung kennen. Doch während anzunehmen ist, dass der Käse-Konzern uns nicht unbedingt an unsere Freiheit erinnern wollte („Du darfst den fettreduzierten Käse essen - den vollfetten hingegen…“), kann dies bei anderen Remindern durchaus der Fall sein. Wie fein :)


Es geht also nicht darum, daran zu erinnern, den Müll rauszubringen, sondern um ganz konkrete Appelle ans Individuum. Es soll sich seiner Freiheit gewahr werden.


Nun ist Freiheit nie ohne Verantwortung zu haben – was die ganze Sache mitunter komplizierter macht. Oder, in den Worten Hannah Arendts: wir haben „die Freiheit, frei zu sein“ – wir haben sie potenziell, als Möglichkeit. Müssen diese dann aber auch ergreifen und verwirklichen – und auch mit den Konsequenzen leben.


Grundsätzlich gilt die Formel:

Nein = Nein (zu Alkohol, Essen, Großonkel Udolfs Küsschen, zum ‚noch länger bleiben‘, …)

Daran ändert sich auch an XMas nichts.


Zu fest verskripteten Gemeinschaftsfesten kann der Druck auf das Individuum, sich konform zu verhalten stark ansteigen - und das ist es in unserer hoch-individualisierten, westlichen Gesellschaft nicht mehr gewohnt. Daher also die Reminder-Fülle, die es cheerleader-haft anzufeuern bemüht sind.


Dem eigenen, individuellen Gefühl zu folgen, selbst wenn dieses konträr zu 99,9% gelagert ist, ist dann besonders herausfordernd (für westlich sozialisierte Subjekte). Ja-Sager haben es (zunächst) einfacher als Nein-Sager. Das lehrt nicht nur Nietzsches bzw Zarathustras Rede von den drei (Kamel-Löwe-Kind-)Verwandlungen.


Das Schöne: die große Übung ‚Weihnachten‘ gibts jedes Jahr - und unter'm Jahr zahlreiche weitere kleine und große Übungsmöglichkeiten.


Oft ist auch Ambivalenztoleranz gefragt: wenn zwei Herzen in der Brust schlagen, gilt es abzuwägen:

„Ich möchte aus Langeweile eigentlich gehen, aber genauso möchte ICH, dass Omi einen schönen Abend hat“ (! big difference zu: „ich muss bleiben, weil das so erwartet wird“). Hier gibts dann kein richtig und falsch. Im Zweifel wird frau ggf wohl noch ein bisschen bleiben und mit Oma noch uno Runde Uno spielen (aber eben nicht duo).


Ob das beim Essen auch so ist?

„Ich möchte nichts oder nichts mehr essen, aber ich möchte auch, dass meine Familie einen schönen Abend hat“ ist ggf schon more tricky (v.a. mit ED oder in ED-Recovery).


Essen, wenn frau nicht will ~> sich schlecht fühlen ~> gute Miene aufsetzen ~> unauthentisch werden.. davon sollte keiner etwas haben. Wer würde wollen, dass ein Familienmitglied sich unwohl fühlt (und sich zudem gezwungen fühlt, eine Maske über den Schmerz zu legen?!) ... and if so: warum dabei mitspielen?


Mensch ärgere dich nicht


Stichwort Spiel: Wir spielen Weihnachten ja nie allein. Daher gibts immer interessante Effekte zu beobachten, wenn ein Mitglied des Systems das Verhalten ändert (das gilt nicht nur an Xmas):


Wer sein Nein selbstbestimmt, freundlich und offen kommuniziert, kann zB untersuchen, wie mit jeder Spielrunde die Akzeptanz bei einzelnen Spielern zunimmt, wohingegen andere Spieler jedes Jahr aufs Neue dieselbe Spieltaktik (‚gib dir doch einen Ruck, stell dich nicht so an, einmal im Jahr wirst du doch wohl, etc) verfolgen. Einzelne werden gar richtig neugierig oder wollen das Nein empathisch verstehen, andere bleiben in Be- und Abwertungen gefangen. Wer schafft es, dieses Jahr einen Multi-perspektivischen Blick einzunehmen?


Mehr zu den Spielregeln findet sich im lesenswerten Buch "Spiele der Erwachsenen" von Eric Berne.


Die Weihnachtsmilde hilft ferner dabei, auch Jenen Mitgefühl entgegenzubringen, die fest in bzw. auf ihre Rolle fixiert sind. Sie können sich auf keine Metaebene hinaufschwingen, aus der das Spiel mit einer liebevoll-schmunzelnden Gelassenheit betrachten werden kann.


Der Aufschwung in die Vogelperspektive kann ferner durch diffuse, (kindliche) Ego-State-Gemütslagen erschwert werden. Wenn diese beginnen sollten, weihrauchartig durch das Wohnzimmer zu wabern, empfiehlt sich frische Luft und das Ziehen des Auszeit-Jokers (Spaziergang, „ich muss mal kurz telefonieren“, etc).


Sich wieder einzunorden, klare Sicht zum eigenen Polar- bzw. Weihnachtsstern gewinnen, gelingt besonders dann gut, wenn frau die Verbindung nicht erst in der Akutsituation sucht: ein bisschen meditieren vor dem großen Fest kann hilfreich sein.


Das öffnet zudem das Herz und lässt auch schwierige Vibes einfach durchfließen. Der Körperleib spürt alles. (Mentale) Mauern sind daher wenig hilfreich.


Das Herz öffnen, den Blick gen Sternenhimmel gerichtet, innige Verbundenheit spüren, ein Lichterfest in der dunkelsten Zeit des Jahres…. War es nicht auch das, worum es bei diesem Fest einmal ging?


Vielleicht spielt frau selbst ein bisschen Jesuskind und ermuntert die gesamte Familie zur kontemplativen Sternenschau.


Wenn der Blick auf etwas Höheres, wie einen strahlend-funkelnden Sternenhimmel gerichtet ist, relativiert das doch die kleine menschliche Existenz beträchtlich. Dann verstummen die Worte. Es wird still. Staunend. Erhaben. Ewig geteilte Weihnachtsmomente. Ein heller Funke.


… bevor es dann wieder laut wird, und Onkel Rudolf mit der roten Nase mit Tante Erna streitet (wie jedes Jahr), Kinderaugen leuchten und das ganz normale Erdengewusel weiter geht. Amor fati.




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