Von Thinspiration zum Triggerreiz

Über den Anblick dünner Menschen



„Was kann frau tun, wenn sie sehr dünne Menschen als Trigger empfindet?“


Ausgehend von dieser so oder so ähnlich kürzlich via Instagram an mich gestellten Frage, mache ich mich auf die Suche nach Antworten. Dabei könnte ich nun ganz unterschiedlich vorgehen. Ich könnte die Frage wortwörtlich nehmen und sofort die Common-Sense Antworten abspulen: Höre auf dich zu vergleichen! Liebe dich selbst! Etc. – man kennt das, wenn man auf Insta unterwegs ist. Doch was ist mit so einer Antwort gewonnen? Recht wenig, wie ich meine.


Die Methode ist alles - oder: ohne Methode ist alles nichts


Bevor man sich daran macht, Antworten geben zu wollen, ist es sinnvoll, zunächst die Frage zu verstehen. Und da ich es bin, die hier verstehen will und interpretiert, ist die Antwort natürlich subjektiv. Indem ich meinen Interpretations- und Verstehensprozess aber versuche ‚offenzulegen‘, wird er intersubjektiv (also auch von anderen) nachvollziehbar und ist in diesem Sinn ‚objektiv‘ überprüfbar – und abweisbar (falsifizierbar), falls die Interpretation für die Fragestellende nicht zutreffen sollte (was sehr gut der Fall sein kann!). Ich bin hier also keine Expertin, die eine sichere und eindeutige Wahrheit geben kann (die es ohnehin nicht gibt), sondern kann nur ein oder zwei Interpretationen anbieten, wie ich die Frage verstehe. Ob diese dann tatsächlich hilfreich sind, liegt nicht in meinem Ermessen. Also: „Take the best, leave the rest.“


Textinterpretation


Da ich nun nicht im persönlichen Gespräch gemeinsam mit der Fragenden herausfinden kann, wie genau die Frage gemeint ist, von wem sie ausgeht, in welcher Tonlage sie geäußert wurde, was die Person unter Trigger versteht etc., bin ich zur Rekonstruktion des Sinns auf mich gestellt:


Textinterpretation ist also die Aufgabe (denn die Frage liegt mir nun ja als Text vor).

Eine ziemlich große Aufgabe!


Um sie etwas einzugrenzen, werde ich mich hier nur mal auf den dominanten Begriff des Triggers konzentrieren, der doch ganz essenzielle erscheint, um die Frage verstehen zu können.

Ich könnte dazu nun ins Lexikon oder in ein psychologisches Fachbuch schauen. Nun geht es hier aber nicht darum eine ‚exakte Definition‘ des Begriffs zu finden, sondern um die Semantik, die Bedeutung des Begriffs, die sich nur aus dem jeweiligen Kontext erschließt. Diesen hier ganz aufzufächern (also z.B. gängige Sprachspiele um den Triggerbegriff und die gesellschaftliche Bedeutung von Schönheitsidealen, 'dünnen Menschen' etc. auszuleuchten) würde hier ebenfalls den Rahmen sprengen – dass ich Psychologin mit Schwerpunkt Essstörungen bin, und die Frage also in diesem Kontext an mich gerichtet wurde, spielt wohl eine Rolle.


Aufgrund dessen nehme ich also an (leider nun doch ohne alles darstellen zu können, was mich zu dieser Annahme bewegt, da das schlicht den Rahmen sprengt; dennoch auch hier nochmal der Hinweis, dass in diese Annahme natürlich immer Deutungen einfließen, die mehr oder weniger bewusst sein können), dass der Begriff Trigger gewählt wurde, um auszudrücken: "Dünne Menschen lösen unangenehme Gefühle oder den Wunsch abzunehmen bei mir aus. Diese Gefühle oder der Wunsch, kann so stark werden, eine so große Sogwirkung entfalten, dass ich das Gefühl habe, mich nicht dagegen wehren zu können. Mir geht es beim Anblick nicht gut. Ich fühle mich dann schlecht und hilflos, im Vergleich vielleicht zu dick. Der Wunsch abzunehmen wird (wieder) spürbar."


Dass der Begriff des Triggers in anderen Sprachspielen eher bei PTBS und für die Bezeichnung von Reizen, die ein flashback und/oder Panikattacke auslösen, gewählt wird, ist interessant, aber hier nicht sonderlich relevant. Dennoch ergibt sich durch diesen Vergleichshorizont und insbesondere dem Wörtchen „Reiz“ ein Impuls, zu einer ersten Antwort anzusetzen. Weiter unten folgt dann noch eine zweite Überlegung, die darüber nachdenkt, welche Folgen es haben kann, Menschen als (objekthafte und) bedrohliche Reize wahrzunehmen.


Systemtheoretische Inspirationen


Zunächst höre ich, wie mir Günther Schmidt – ein prominenter Vertreter des hypnosystemischen Ansatz – aus den Gehirnwindungen zuflüstert: Umweltreize sind stets als Einladungen an das System (Mensch) zu verstehen. Menschen sind keine trivialen Input-Output-Maschinen, sondern komplexe, autonome und selbstregulative Systeme, die daher auch autonom (selbstgesteuert) ‚entscheiden‘ (mehr oder minder ‚bewusst‘), welche Einladungen aus der Umwelt ‚angenommen‘ und wie sie interpretiert werden: nämlich sensu Eigendynamik des Systems. Die Bedeutung einer Botschaft liege also immer beim Empfänger, nicht beim Sender der Botschaft. Damit liegt auch die Verantwortung der Interpretation beim Empfänger. Und da - wie mir Sartre zuflüstert: - Verantwortung immer mit Freiheit einhergeht, hat diese Perspektive den großen Vorteil, eben jene Freiheit auch anders zu beleuchten: wenn ich die Freiheit einer Wahl habe, kann ich auch anders auf 'Trigger' reagieren. Meine Reaktion ist nicht vom außen vorgeschrieben (determiniert). Gleichwohl können manche Umweltreize natürlich sehr starke Einladungen aussprechen, sodass das Gefühl auftritt, gar nicht anders reagieren zu können, als diese Einladungen ‚anzunehmen‘. Sehen wir uns aber wieder den konkreten Fall 'des Anblicks dünner Frauen' an:


Frau sieht eine sehr dünne Frau und fühlt sich schlecht. Statt nun aber bei der Eigendynamik ihres Systems anzusetzen, schreibt sie der anderen Frau die Fähigkeit bzw. Macht zu, in ihr schlechte Gefühle hervorzurufen. Das ‚Problem‘ liegt dann in der anderen Frau begründet. Hilflosigkeit und Ohn-Macht sind die Folge („Ich kann nichts ändern. Sie ist der Trigger. Ich bin dem ausgeliefert.“).


Wie wäre es, wenn frau hingegen die andere Frau als Einladung zur Erforschung eigener bisher ‚unbeachteter‘ bis ‚unbewusster‘ Gefühle und Wünsche begreifen könnte? Dann würde die Verantwortlichkeit wieder auf sie selbst zurückfallen und sie wäre dann ggf. mit – Achtung: hier (auch) wieder meine Interpretation: – ihren Gefühlen wie Eifersucht, Neid, Wut oder Trauer konfrontiert. Und vielleicht auch dem Wunsch, auch oder wieder so auszusehen, obwohl vielleicht eine Anorexie in der Vergangenheit liegt, und frau daher denkt, sie müsse sich diesen Wunsch daher verbieten. Vielleicht muss sie sich dann also auch noch mit Schuld-, Verzweiflungs- und Schamgefühlen („warum wünsche ich mir das immer noch, obwohl ich doch schon so viel Therapie gemacht habe?!“) auseinandersetzen. Ganz schon herausfordernd!!!


Da ist es doch viel leichter, der anderen die Schuld zu geben, überspitzt formuliert zum Beispiel zu denken: „Warum bist du so dünn?! Du triggerst mich! Geh mir aus dem Blickfeld! Ich will die Dünnste/Kränkeste/Begehrteste im ganzen Land sein - oder zumindest so dünn/krank/'in "liebevoller" Beziehung zu meinen Knochen' wie ich früher einmal war!“ Leichter vielleicht, als sich einzugestehen: „Du weckst mein Begehren, meine Eifersucht, meine Wut, meine Verzweiflung und Ohnmacht, oder: meine Minderwertigkeitsgefühle, meine Selbstzweifel, meine Unsicherheit.“


Weitere Fragen schließen sich dann an: Lässt frau sich in Situationen, in welchen sie sich gut mit sich fühlt, ebensoleicht 'triggern', wie wenn sie sich selbstsicher fühlt? In welchen Situationen und Stimmungen wird (bzw.: konstituiert sie) die andere zur Bedrohung, zum gefährlichen Triggerreiz? Und in welchen nicht? In welchen Situationen nimmt sie sie überhaupt wahr? Und in welchen können 'dünne Frauen' ihr Blickfeld kreuzen, ohne dass sie ihnen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt? Oder hält sie ubw manchmal richtig Ausschau nach Vergleichskörpern? Wohin geht ihr Blick, wenn sie mit anderen Menschen interagiert? Wie sehr ist sie bei sich, wie sehr im Außen, wie sehr mit hektisch-unsicheren Umher- und Vergleichsblicken beschäftigt? wie unsicher fühlt sie sich mit sich? Wie gelingt die Balance und Beziehung zwischen Außen und Innen?


Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung – hier wird der wahre Kern dieses vielbemühten Spruchs doch recht deutlich: Wenn sie ihre Verantwortung für ihre Re-Aktion auf die andere, für ihre Aufmerksamkeitslenkung bis hin zur Konstitution der anderen, erkennt und annimmt, hat sie auch die Freiheit, anders zu handeln. Sie ist dann für sich selbst verantwortlich – aber auch selbst ermächtigt! So kann sie mitunter herausfinden, was genau die andere in ihr weckt, was sich noch in ihr versteckt – und kann so die andere, (sehr) dünne Frau vielleicht gar als Selbsterkenntnishelferin begreifen.


Der Weg, das zu lernen - wieder in diese Art (relativer) Autonomie und Selbstermächtigung zu kommen - mag mitunter weitere Schritte notwendig machen (über Fragen der Kontrolle und Macht habe ich im letzten Artikel nachgedacht, vgl: hier). Beispielweise könnte die Frage auf eine generell eher feindliche Beziehung zur Außenwelt hindeuten, die es auch zunächst zu verstehen gilt, will man sie auflösen und frei für andere, vielleicht liebevollere Beziehungen (zu sich und anderen) werden.


Das gibt denn auch das Stichwort, für einen weiteren Gedankengang, der die Frage nicht so sehr aus therapeutischer Perspektive, sondern etwas allgemeiner betrachtet. Auch Essgestörte sind ja Menschen (manchmal wird das ganz vergessen...!), also können sich in ihren Symptomen vielfach auch ganz allgemein menschliche Tendenzen zeigen, ja: diese sogar besonders deutlich werden lassen.



Übung im Humanismus


So will ich die Frage auch einmal aus humanistischer Perspektive beleuchten, wobei hier der Horizont dann ein bisschen größer aufgespannt werden muss. Die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich erlernen wir am Du, dass uns als erstes Nicht-Ich dient. Diese erste Differenzierung begleitet uns unser Leben lang, bis hin zum Beispiel zur wichtigen Peer-Group in der Pubertät: da will man ‚in‘ sein (in der In-Gruppe) und kein Outsider, draußen sein, in der Gruppe der Anderen.


Ich-Fremde als gleichwertige und -würdige, empfindsame Wesen, mit ebenso reichem Innenleben - eben als Subjekte und nicht bloße Objekte und Dinge - wahrzunehmen, ist eine große Leistung der Zivilisation, der Sozialisation und Kultivierung – und kein Status quo der einmal erreicht ist, sondern immer wieder neu erlernt und eingeübt werden muss. Das kleine Kind lernt und sieht: wenn ich den anderen mit der Schaufel haue, weint es. Folglich hat er auch Gefühle… wie ich! Wir sind beides Menschen. Anders und doch vertraut.


Sobald wir diese Erfahrungen nicht mehr machen, oder – im Psychojargon - die Mentalisierungsfähigkeit (die wir recht früh lernen - oder auch nicht) in ihrer Entwicklung verzögert ist, ist das nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen im kleinen Kreis problematisch. Wohin es führen kann, wenn Menschen andere Menschen nur noch als Objekte wahrnehmen, wird uns im krassesten Fall bei Kriegen vor Augen geführt. Die Weltkriege haben denn auch recht deutlich das Scheitern des humanistischen Bildungsprogramms verdeutlicht. Entsprechend groß war die Verzweiflung - und die Entwicklung neuer Ethiken, die sich nicht mehr an Werten-an-sich festhalten können, sondern die Verantwortlichkeit des Individuums herausarbeiten. Der Existenzialismus ist zB eine solche Strömung, die auch mein Denken, und damit auch meine Deutungen, Interpretationen und Antworten beeinflusst.


Nun sind die Weltkriege schon etwas her, erscheinen weit weg. Was hat das mit mir zu tun? mag man sich fragen... dabei ist es so nah, in jeden Augen-blick..:


MALE & FEMALE GAZE


Der Blick ist Gegenstand zahlreicher Abhandlungen. Die Verlagerung der oralen Erzähltradition zur visuellen Textkultur (mit der wiederum das humanistische Bildungsideal aufs engste verknüpft ist) eine faszinierende Geschichte. Der Blick ist ein Distanz- und Differenzierungssinn. Um etwas zu erkennen, müssen wir es vom Hintergrund unterscheiden (differenzieren) können. Differenzierung, Vergleich und Reflexion (in Bezug setzen) sind also ganz wesentlich um überhaupt 'etwas' sehen zu können. Wie wir uns mit diesem 'etwas' in Bezug setzten, wie wir es bewerten, ist dann nochmal ein anderes Phänomen... Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass Blicke sehr hart, definierend, analysierend, festschreibend oder eher weich, freisetzend, 'sehend', ohne harte Ränder sein können.


Männern wird recht oft vorgeworfen, Frauen mit einem typischen ‚male gaze‘ zu betrachten, sie also reduktionistisch allein auf ihren Körper zu reduzieren und sie damit zu objektivieren, zu verdinglichen, bis hin zu entmenschlichen. Der ‚female gaze‘ steht dem allerdings oft um nichts nach. Auch sie hat gelernt, dass Frauen - 'das andere Geschlecht' (de Beauvoir), und damit auch sie selbst! bzw. ihr Körper - vor allem Objekthaft ist, weshalb es nicht wundert, wenn sie auch andere Frauen wie Objekte betrachtet und diese, ebenso wie es Männer vielfach vorgeworfen wird, auf ihren Körper reduziert.


Daher kann jede ‚Trigger-Empfindung‘, die andere (schöner und dünner wahrgenommene) Frauen hervorrufen mögen, nicht nur als Hinweis zur Selbsterkenntnis genutzt, sondern auch als Übung in Humanität begriffen werden:


Kann ich versuchen, die andere Frau nicht allein auf ihren Körper zu reduzieren? Kann ich sie als ganzen Menschen wahrnehmen? Mit einem reichen und komplexen Innenleben, das von meinem natürlich verschieden ist, aber von dem ich doch annehme, dass wir manches ähnlich empfinden? Kann ich sie als ganzen Menschen wahrnehmen, meinen Blick ein bisschen weicher werden lassen? Die Adleraugen- Angelhacken-Blicke ein bisschen besänftigen, sie ein bisschen einholen, ein bisschen mehr ins Fühlen kommen?


Auch in Bezug auf mich?


Kann ich auch mich als ganzes, komplexes Wesen wahrnehmen?


Verändert das - diese ganzheitlichere und holistische, 'weiche' Sicht - wie ich mich in Bezug auf mich selbst, auf andere und die Welt wahrnehme, meine Empfindungen?


Wie kann ich diese holistische Sicht, diesen etwas weicheren, freisetzenden Blick dauerhaft(er) einüben?


In vielen (östlichen) Traditionen wird die Trennung und Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich als Ursache allen Leidens angenommen. Das Wiedererleben eines (dauerhaften) All- Einheits-Gefühls bzw. – Einsicht als erlösende Erleuchtung betrachtet. Daher haben sie ‚Trainingssysteme‘ entwickelt, um so eine holistische Sicht auch in stressigen Situationen, in welchen der Blick schnell zur Verengung und Verhärtung neigt, beizubehalten. Der key ist dabei nicht im bloßen Theoretisieren über Humanität zu verharren, sondern die tatsächliche Praxis. Und so kann so eine ‚Trigger-Erfahrung‘ auch zu einem kleinen Training in causa Humanitas werden. Instagram ist da eine wahre Trainingsfundgrube 😉


Sich häufiger daran zu erinnern, dass wir trotz aller wunderbaren Verschiedenartigkeit, die die Welt so bunt macht, doch alle menschliche, empfindsame, verletzliche und atmende Wesen (und nicht so sehr bedrohlichen Triggerreize oder begehrliche Thin-, Fit- oder bodypositvity- Inspirationen füreinander) sind, ist nicht nur für individuelle Heilung, sondern auch global bedeutsam.


Da kann man gar nicht genug trainieren…In diesem Sinn: keep on practicing und: Gutes Üben!


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