Vom Nutzen und Nachteil der Essgestörten für die Gesellschaft

Ohne Wahnsinn, keine Vernunft. Ohne Frau, kein Mann.

Ohne Essgestörte, keine Normalesser.


Noch nie gab es eine Zeit, in welcher die Esspraktiken so individuell ausdifferenziert und (daher) so moralisch aufgeladen waren, wie heute. Das um sein diesseitiges Körperheil bemühte moderne Subjekt ist in Bezug auf seine Ess- und Körperpraktiken stark verunsichert: „Bekomme ich genug Nährstoffe? Bewege ich mich ausreichend oder schon zu viel? Bin ich in Bezug auf mich und meinen Körper zu neurotisch, schon pathologisch oder noch normal?“


In seiner Verunsicherung ist dem modernen Subjekt die Gruppe der Essgestörten daher von besonderen Nutzen. Sie verkörpern das andere – jenes ‚das bin ich nicht‘ – anhand dessen das moderne Subjekt beruhigt aufatmen und sich selbstversichern kann: „Ja“, gesteht es erleichtert, „ab und zu ‚sündige‘ ich, aber essgestört, nein!, das bin ich nicht“.

Was will es uns damit sagen? „Ja“, will es sagen, „ab und zu verliere auch ich die Kontrolle über mein Essverhalten, aber im Großen und Ganzen bin ich doch vernünftig. Auf mich ist Verlass. Ich bin eine gute BürgerIn.“ So kann es die Illusion seines - vom starken Subjekt - gesteuerten (vernünftigen) (Ess)verhaltens aufrechterhalten und sich – in Abgrenzung zum Wahnsinn – als vernünftiges Subjekt konstituieren.


Da normales Essverhalten nicht positiv definiert werden kann, erfolgt die Konstitution bzw. Definition dialektisch, also aus dem Nicht-Normalen heraus. Was als Nicht-Normal definiert wird, entscheidet in diesem Fall die Medizin bzw. die Psy-Disziplinen. Einmal die Woche Erbrechen ist noch normal; zweimal die Woche über einen Zeitraum von drei Monaten gestört. Das Verhalten wird geordnet, vermessen, systematisiert und ab einer für das gesellschaftliche Wohl gefährlichen Grenze, pathologisiert. Um das Erleben des Einzelnen geht es nicht.


Damit sich das moderne, essnormale Subjekt von der Gruppe der Essgestörten abgrenzen und sich über sie konstituieren kann, muss es Wissen über die Gruppe der Essgestörten verfügen. Längst sind nicht mehr nur die Mediziner und Psy-Experten in Besitz des Unterscheidungswissens. Die mediale Demokratisierung des Störungswissens (wie z.B. entsprechende IG-Post, die ICD/DSM-Diagnostik mit paternalistischen Gesten unters Volk verteilen) stattet heute auch den Laien mit einem diagnostischen Blick aus, den er nicht nur auf andere, sondern vor allem auf sich selbst richtet.


Die Skandalberichte über Essstörungen, die Dramatisierung der medizinischen Folgen und die Ausrufung ständig neuer Essstörungsepidemien tragen dazu bei, dass das moderne Subjekt lernt, dass es einen richtigen und falschen Umgang in Bezug auf Nahrung und den eigenen Körper gibt und hält es in einem ständigen Modus der Selbstüberwachung um sich, möglichst bei ersten Anzeichen normabweichenden Verhaltens, rechtzeitig zur Re-Normalisierung bei ExpetInnen einfinden und behandeln lassen kann.


So kann trotz zunehmender Individualisierung der Ernährungspraktiken sichergestellt werden, dass sich der Großteil der Bevölkerung normkonform in Bezug auf die Pflege ihrer Biomasse verhalten, während sie gleichzeitig glauben, völlig frei in Bezug auf ihre Essentscheidungen zu leben.


Ein tiefer Einblick und die Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Erleben und Leben jener Menschen, die der Gruppe der Essgestörten zugehörig erkannt werden, würde aufscheinen lassen, dass es eine homogene Gruppe der Essgestörten nicht gibt. Außerdem würden mehr Gemeinsamkeiten und ähnliche Erfahrungen in Bezug auf Essen und Körper bewusst werden, so dass die deutliche Trennung zwischen Normalessern und Essgestörten Brüche bekommt (das Phänomen der Diät ist ein solcher Grenzfall). Zur Konstitution der eigenen Vernünftigkeit und Überlegenheit ist sie dann nicht mehr geeignet.


Je stärker sich die Ess- und Körperpraktiken ausdifferenzieren und individualisieren, desto wichtiger wird also die Gruppe der Essgestörten für die Gesellschaft. Sie markieren die Abweichung. Die Grenze. Das dialektisch Negative, mit dessen Hilfe sich das moderne Subjekt überhaupt erst positiv selbst bestimmen, und vor allem die Illusion des eigenen vernünftigen, rationalen und kontrollierten (Ess-)Verhaltens aufrechterhalten kann.

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