Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muß man es aber vorwärts


Über Rückfall-Illusionen & Teile-Diskussionen


„Warum kehrt man so oft zu „alten, schlechten“ Verhaltensweisen zurück, auch wenn man selbst das gar nicht möchte? zB Diskussion zwischen anorektischem und gesunden Anteil.“

Bevor ich auf die Frage eingehe (die ich auf Rückfrage mit vollem ok der Fragestellenden veröffentlichen und zum Gegenstand der Überlegungen machen darf), ein paar Worte vorausgeschickt: Grade ist EINE Sichtweise, wie man über den Menschen und das Seelenleben nachzudenken hat, sehr wirkmächtig und tritt mit einem großen universellen Geltungsanspruch auf, was allerdings nicht bedeutet, dass sie unbedingt für alle gilt. Die Perspektive, die ich beleuchte, kommt ausdrücklich ohne absoluten Wahrheitsanspruch aus, ist aber – da Beobachtungen 2. Art – auch kein bloßes ‚Meinen‘. Zur Methodik vergl. hier.


Statt dir fertige Ergebnisse und Studienergebnisse vorzusetzen (die auf zweifelhaften epistemologischen und methodologischen Grundalgen beruhen), versuche ich also dich, liebe LeserIn, lieber Leser, mit auf meine Reflexionsreise zu nehmen, damit du weißt, wie ich zu den Antworten komme und für dich jederzeit prüfen kannst, inwieweit du mir folgen willst. Ich serviere dir hier also kein fertigen Ergebnisse und sage: nimm! Sondern ich versuche dich am Prozess als Beobachterin teilhaben zu lassen und du entscheidest, was du und ob du etwas von den Beobachtungen stimmig für dich findest.



Zunächst löst die Frage in mir viele Gefühle und Erinnerungen aus: wie verzweifelt, wie gefangen, wie zerrissen, ja wie hoffnungslos und unverstanden, wie allein kann frau sich fühlen. SO OFT hat sie das Gefühl immer und immer wieder dieselben Kreise zu ziehen. Nichts scheint sich zu verändern. Es kostet Kraft. Und Nerven. Und bei Runde 135 darf man dann auch nicht mehr auf viel Verständnis vom Umfeld hoffen (Hat sie es denn immer noch nicht verstanden?), aber auch für sich selbst, bringt frau es kaum mehr auf. Und dennoch immer wieder neue Versuche!! Neue Hoffnung. Eine neue Runde…


Doch was genau passiert da eigentlich? Sehen wir uns die Frage en detail, Wort für Wort, an:


MAN


Warum kehrt MAN zurück? MAN: verlangt nach einer allgemein gültigen Erklärung. Die kann es nicht geben. Jede ist verschieden. Ein Patentrezept gibt es nicht. Allenfalls: Warum kehre ICH zurück? Aber auch: MAN – ganz berechtigt, weil es auf eine vielfach geteilte Erfahrung verweist: dass der Weg raus aus einer Essstörung nicht linear verläuft. Wir sind alle so an das Kausalitätsmodell für Maschinen gewöhnt, dass wir es manchmal auch auf uns anwenden. Nach dem Motto: Ich hab‘ Fehler x, gehe zu Mechaniker z, wir ziehen zusammen - in 50-50-Arbeitsteilungsmanier - die lockere Schraube fest und dann lauf ich wieder reibungslos. Die Realität zeigt, dass es so nicht läuft: das hat aber nichts mit uns fehlerhaften Menschen oder mangelnder Anstrengung etc. zu tun, sondern schlicht damit, dass das Modell falsch ist.


RÜCKFALL/RÜCKKEHR


Therapie bzw. Veränderung von lebendigen Organismen verläuft nicht kausal-linear, sondern in dynamischen Veränderungs- und Wechselwirkungsprozessen, mit zahlreichen Rückkopplungsschlaufen etc. In diesem Modell von Therapie hat das Wort Rückfall (zumal in einen gedachten 'Status quo') kaum mehr eine Bedeutung.


Wir verändern uns ständig. Alles fließt. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Was sich nach Rückfall und dem Immer-Gleichen anfühlt, ist eine Illusion. In der Zwischenzeit hat frau viele Atemzüge gemacht, Gedanken gedacht, Erfahrungen gesammelt; Zellen sind abgestorben, neue hinzugekommen. Das Wetter ist ein anderes. Die ganze Welt hat sich verändert. Ein Zurück gibt es nicht.


Dennoch kann es sich so anfühlen. Und wenn man dann noch von Rückfall spricht (und das trügerische Wort selbst von Psys zur Bezeichnung seiner Erfahrung angeboten bekommt), wird frau blind für diese vielen Details der Veränderung: Was ist anders? Was ist heute, jetzt, hier - anders? Einmalig?


Wer seine Augen auf die Veränderung - auf das was anders und nicht, auf das, was gleich ist - richtet, wird feststellen, dass nichts Lebendiges jemals genau gleich ist.

Gleichwohl können wir aktiv viel Kraft aufwenden, zu versuchen diesem ewigen Wandel zu entgehen und aktiv immer wieder versuchen, der Welt und uns ein festes Muster aufzupressen. Das erfordert viel Mühe und Anstrengung: es muss genau derselbe Teller sein, und wenn nicht: Panik und Tobsucht. Die Atomansammlung, die den Teller ausmacht, mag ggf tatsächlich dieselbe sein (wobei das Physiker ggf heute auch anders sehen?): diejenige, die vor ihm sitzt, ist es jedenfalls nicht mehr.


Die Illusion einer starren Realität und Selbst- bzw. Identitätskonzeption, von geschlossenen Kausalitätsmodellen etc. gibt das Gefühl von Halt und Sicherheit. Wir haben das Gefühl uns an etwas festhalten zu können. Angstabwehr.


Der Preis für dieses Sicherheitsgefühl ist relativ hoch: Ständig müssen wir Mauern des Widerstands gegen Veränderungen errichten und viel Energie aufwenden, um die Illusion eines Immergleichen zu kreieren und die Wahrnehmung der Veränderung zu verdrängen.


Wir können der Veränderung also mehr und weniger bewusst begegnen. Sind wir ihr gegenüber unbewusst, werden wir geneigt sein, von Rückfall zu sprechen. Je bewusster wir werden und je mehr wie uns trauen, den Widerstand gegen die Veränderung ‚abzurüsten‘, desto mehr können wir Veränderung ‚durch uns strömen‘ lassen. Den Wandel, der ohnehin (und btw auch ohne unser Zutun) geschieht, zulassen und ihn bewusst wahrnehmen.


WARUM & WOZU


Die Frage nach dem Warum macht auch eher in deterministischen Modellen vom Menschen Sinn, an die aber auch nur diejenigen glauben müssen, die den Menschen als Gewohnheitstierchen begreifen. Jene, die dem Menschen auch ein intentionales Bewusstsein zusprechen und sich selbst nicht als Maschinen begreifen, steht es frei, an andere Menschenbilder zu glauben.


Ferner gibt es unzählig viele gute und durchaus auch komplexe und beeindruckende Erklärungen (zB von verschalteten Gehirnsynapsen, die frau steuern sollen (und unterschlagen, dass das Gehirn selbst ein hoch dynamisches, nimmer-gleiches Organ ist), ein gestresst bis traumatisiertes Nervensystem (wessen Nervensystem?...!) etc). Je nach Experten, den man befragt, hat frau dann zahlreiche Erklärungen im Kopf. Für den Experten ist das hilfreich: das gibt Publikationen und Promotionen. Für sie selbst ist davon wenig hilfreich.


Daher kann es passender sein, die Frage nach dem Warum durch die Frage nach dem WOZU zu ersetzen: WOZU mache ich das? Unter dieser Perspektive wird dem Handeln also ein Sinn unterstellt und deutlich, dass auch Verhaltensweisen, die als ‚schlecht‘ bezeichnet werden, einen SINN haben.

Dann heißt es nicht mehr so sehr: Warum mache ich etwas, was ich eigentlich nicht will? – was den Aspekt der Fremdsteuerung und Determiniertheit betont.

Sondern: Wozu mache ich das? – Freiheit und Verantwortung kommen ins Blickfeld.


Sinn ist immer ein subjektives Phänomen, die Frage kann nur individuell beantwortet werden: welchen Sinn hat es FÜR MICH (in dieser konkreten Situation)? Wozu mache ich das heute, hier, jetzt?


Die Antwort stellt sich meist eher ein, wenn frau sich die Frage ohne Erwartung und ohne moralischen Schlaghammer im Hinterstübchen erlaubt. Wenn die Antwort zum Beispiel leise flüstert: „weil ich so Angst habe, was dann passiert“ und sie dann gleich angebrüllt wird mit: DU DARFST ABER KEINE ANGST HABEN. STELL DICH NICHT SO AN. WERDE DESENSIBLER. ÜBERWINDE DICH!!! wird sie wohl lieber ganz ungehört bleiben wollen. Ein sanftes, resonantes Ohr, dass sich für die leisen und zarten Töne berührbar zeigt, hört da oft mehr. Manches fühlt sich dann schon wohler: endlich gehört und nicht gleich wieder verurteilt! Und manches davon will ein Gespräch: was macht mich so ängstlich? Wozu habe ich Angst? Bis hin zu: Wozu lasse ich mich immer wieder in Diskussionen zwischen ‚gesunden‘ und ‚anorektischen Anteil‘ ein?


Auch wenn es hilfreich sein kann, beide Anteile zu hören und sich zu bemühen, sie zu verstehen, darf frau doch nicht vergessen, dass sie mehr ist als die Summe ihrer Teile (die Teile selbst sind ja auch nur Illusionen eines der vielen Modelle der Psyche – das frau auch zurückweisen darf, wenn es sich für sie nicht als hilfreich erweist). Sie ist stets eine ganze Person und könnte, wenn alle Vermittlungsversuche zwischen den Teilen scheitern, auch einfach vom Verhandlungstisch aufstehen und sagen:


Ich hab euch zwei kleinen Streithälse ja echt lieb und ich danke einem jeden, dass ihr nur mein Bestes wollt. Aber eure ständigen Diskussionen reiben mich auf. Mir reichts. Diskutiert doch bis ihr alt und grau werdet. Ich mach jetzt mein eigenes Ding!


Und dann schiebt sie den Stuhl zurück. Beide Teile sind ganz perplex. Zum ersten Mal seit langem ist es ganz still. Sie kann es kaum glauben, was sie da gemacht hat. Sie, noch ganz überrascht von sich selbst, sieht sich zur Tür gehen. Sie ergreift die Klinke, öffnet die Tür - und ist frei! Wohin will sie gehen? Noch weiß Sie es nicht genau. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Stolpert kurz, richtet sich auf, spürt den Wind auf der Haut... wird immer sicherer. Vorwärts, immer weiter vorwärts geht sie. Schritt für Schritt - "es gibt kein Weg zurück". Wolfsheim und


Søren Kierkegaard im Ohr:


"Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muß man es aber vorwärts."


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