V Tanzende Götter, schmelzende Sonnen


Noch im Ashram (meine Erlebnisse im Ashram teile ich hier und hier) drang die Kunde zu mir, dass ein Weiser aus dem Westen in Kerala, dem Land der Kokospalmen in Südindien, seinen Winter verbringt. Die Rede ist von David Garrigues, einem Ashtanga-Yogi der ersten Stunde.

Was in Varanasi begann (meine Reanimationserfahrung ist hier nachzulesen), setzte sich hier fort: Der Unterricht von David holte mich endgültig zurück ins Leben und bot eine Interpretation des Yoga, die nicht lebensfern und -feindlich, sondern enthusiastisch und lebensbejahend ist. Yoga in Tradition von David heißt: volle Aktivierung des Körpers samt Erleuchtung bis in die tiefsten Muskelschichten. Mit passivem Dehnen hat das nichts zu tun. Der ganze Körper wird aufgeweckt und aktiviert – bereit für die Versenkung in stiller (aber nicht schlaffer) Meditation. Konkret hieß das an sechs Tagen die Woche um 5 Uhr aufstehen, zwei Stunden intensive Praxis, anschließend Pranayama-Atemunterricht oder Philosophy-Talk; nachmittags noch einmal drei bis vier Stunden interaktive Teilnahme am Teachers Track, in welchem wir die Asanas auf anatomischer, energetischer und ästhetischer Ebene studierten. Dabei sprühte David nur so vor Energie. Anbei ein paar seiner Weisheitsfunken:


How can you do yoga when you can’t suffer?!

The practice is a serious game. Play. But play seriously!

Give yourself the permission to become absorbed (absorption by an alarming degree!).

Embracing risk is central.

Try to see and feel what you are thinking.

I am talking with you, not at you.

If you don't like the response, change your communication.

Where is the beauty?

It's ok to be an Asana lover!

Individuation – freedom from imitation.

There is nothing esoteric in how I approach the esoteric.

We live in the midst of constant change. Will you be moved by change or participate in it?!?

What is possible now?

I know and do not know as well.

Every system of knowledge is also a system of ignorance.

Actions are verbs not nouns! But the mind wants to make them nouns, because then there is an end. But that is not the spirit of action. When you ground your legs, you are groundING -– leg-ing – them. Every second!



Nebenbei machte ich – Kerala ist bekannt für das Ayurveda – meine erste Panchakarma Kur und lernte, dass man so etwas besser nicht nebenbei macht. Pancha heißt fünf, Panchakarma bezieht sich also auf die fünffache Reinigung des Körpers, die mit zahlreichen Massagen, Ölgüssen und viel Ghee (geklärter Butter) vorbereitet wird. Die ganze Prozedur ist sehr intensiv – das gesamte Psychosom wird fünfmal gründlich durchgeputzt – und sollte daher nur von einem erfahrenen Arzt durchgeführt werden. Ich hatte bei der Arztauswahl zunächst kein gutes Händchen, wechselte anschließend aber zu einer hervorragenden Ärztin, die genau wusste, was zu tun war, und meine positiven Erfahrungen mit der Heilkunst des Ayurveda, die ich schon im Ashram gewonnen hatte, fortsetze. Dennoch ist so eine Kur eine Herausforderung für sich. Ich würde daher jedem davon abraten, diese parallel zu einer intensiven Asana-Praxis zu machen. Geschadet hat es mir letztlich aber nicht. Schließlich wachsen wir mit den Herausforderungen.

Allerdings war ich letztlich so erschöpft vom intensiven Yoga-Aryuveda-Programm, der Hitze und Indien generell (ich war nun knapp drei Monate in Indien), dass ich – nach dem fünften Wechsel meiner Unterkunft und endlich in einer für mich stimmigen Umgebung angekommen – selbst Silvester verschlief. Narayana, eine Inkarnation Vishnus, wachte indessen gut über meinen Schlaf und schickte mich mit frischer Energie ins neue Jahr.



Kulturell hat Kerala, der Staat mit dem höchsten Bildungsniveau Indiens, ebenfalls viel zu bieten. Ich besuchte ein faszinierendes Tanz-Festival, bei dem traditionelle indische Tänze wie Bharatanatyam und Kathakali aufgeführt wurden. Der älteste Tänzer Indiens ist Shiva, der die Welt in einem Tanz zerstört und erschaffen haben soll. Wie sollte es auch möglich sein, an Götter zu glauben, die nicht zu tanzen verstünden?!


Interessante Tempel gibt es in Kerala ebenfalls zu sehen – die für mich vor allem durch die von David angeregte Lektüre von Alain Danielous Büchern (z.B. "The Hindu Temple: Deification of Eroticism") wirklich interessant wurden: zuvor waren meine Augen blind für die Bedeutung der vielen Details und Symbole, die im Tempelbau verwoben sind. Hast Du, lieber Leser, gewusst, dass die erotischen Skulpturen, die die meisten hinduistischen Tempel schmücken, nicht nur das polare Kräftepaar, welches die Welt aufspannt, repräsentieren, sondern auch dazu dienen sollen, jene anzuziehen, die sonst ein rein materialistisches (an Effizienz und Kapital ausgerichtetes) Leben führen? Dass Meditation über Sexualität die komplexeste und ambiguitätsreichste Form von Meditation ist, da uns Sexualität und pleasure einerseits an unsere materielle Natur fesseln können – andererseits aber auch das Potential haben, unser Bestes hervorzubringen? Dass Angst vor Sexualität und Sinnlichkeit immer schon ein Indiz von Antispiritualität war?


"The wise person does not fear the spectacle of pleasure but instead admires its splendor and beauty. ... All those who seek spiritual liberation must worship physical union, keep it ever before their eyes, and admire and love the joys it provides: a foretaste of paradise" (ebda., p. 118). Pleasure und pure bliss sind nicht nur Symbole des Göttlichen, sondern auch seine Erfahrung bzw. Manifestation.



Pure Bliss erlebe ich vor allem auch bei den indischen Sonnenuntergängen. Leider wurden mir meine Sonnenuntergangsmeditationen, die ich in Goa lieben gelernt hatte (der Erfahrungsbericht meiner Zeit in Goa ist hier zu lesen), durch die indische Polizei (die mich von den Felsklippen holte - und das nicht grade freundlich) oder durch flirtwillige Inder und Touristen meist stark erschwert bzw. verunmöglicht.

Im Vergleich zum christlich geprägten Goa hat Kerala bzgl. Sight- bzw. Tempel-seeing zwar mehr zu bieten. Die schmalen Strände in Kovalam, einem prinzipiell netten Fischerort, in welchem Davids Yogaschool angesiedelt ist, sind jedoch oft sehr voll; das Meer hier je nach Windrichtung ein Plastik-Benzin-Gemisch. Da hat mir die Weitläufigkeit und Freiheit der Strände in Goa eindeutig besser gefallen. Mein Lieblingstempel ist die Welt; zu beobachten, wie die Sonne den Meereshorizont küsst mein Gottesdienst.



Grundsätzlich habe ich mich an der frischen Meeresluft und unter hellem Sonnenhimmel um einiges besser gefühlt als im staubigen Nordindien. Auch die Menschen in Kerala taten es der Sonne gleich und waren meist freundlich und entspannt. Das höhere Bildungsniveau war ebenfalls deutlich spürbar. Indien – vor allem an seinen touristisch aufgeschlossenen Küstengebieten – lehrt nichtsdestotrotz ein klares Nein auszusprechen, zu den tausenden Straßen- und Strandhändlern, die dir täglich (mehrmals) ihre Waren anbieten und den fotografierenden, indischen Männern, die ein Nein aus dem Mund einer Frau nur bei starker Betonung akzeptieren. Doch selbst diese vielen kleinen Nein-Momente konnten das große Ja kaum trüben.



Insgesamt hat Davids Präsenz alles überstrahlt. Selbst Nordindien wäre mit ihm als Lehrer wahrscheinlich eine tolle Erfahrung geworden. Sonne, Meer und Palmen boten die passende Kulisse. Die anderen Ashtangis, die mit mir übten, sind ebenfalls wahre Sonnenscheinmenschen. Endlich fühlte ich mich wohl und in Resonanz.

Nach knapp zwei Monaten neigte sich aber auch diese Etappe dem Ende entgegen und ich – nach so langer Zeit im kleinen, engen Fischerdorf – war auch wirklich bereit für eine neue Umgebung. Doch schon nahte Corona heran. Daher entschied ich mich dazu, vorerst keine langen Zukunftsreisepläne zu treffen und entschloss mich relativ spontan dazu, nach Mysore zu reisen, der Geburtsstadt des modernen (körperorientierten) Yoga.


Wie es dazu kam, dass ich dann ausgerechnet in der Geburtsstadt des modernen Yoga erst einmal ohne Yogalehrer da stand und was frau tut, wenn ihr in einer der reichsten Städte Indiens ihr Portemonnaie gestohlen wird, beschreibe ich hier.

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