Typische, Atypische und Einzigartige

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.

Zarathustras Vorrede (Friedrich Nietzsche)



Es war einmal, vor langer Zeit, da lebten noch sog. ‚Individuen‘ auf der Erde. Jede war stolz auf sich und ihre Einzigartigkeit, die sie von den anderen unterschied. Sie hatte ihre eigenen Götter und liebte die großen Götterfeiern, wenn alle zusammentrafen und sich an ihrer Andersartigkeit erfreuten. Sah man die Gruppe bei Nacht tanzen, sah es so aus, als würde ein Farbenspektakel mit dem Flackern des Feuers um die Wette tanzen.


Gleich und gleich gesellt sich gern


Eines Abends jedoch, verfinstere sich die Nacht und pechschwarze Nebelschwaden legten sich über die Welt. In dem Smog verbarg sich ein Virus: der gefährliche Normopathie-, kurz: N-Virus. Mit Masken versuchten sich die Menschen zu schützen, doch es gelang nur den wenigsten. Die meisten wurden vom Virus befallen und begannen sich für ihre Andersartigkeit zu schämen. Damit niemanden auffällt, wie anders sie waren, begannen sie zunächst ihr Verhalten an jenes des Nachbarn anzupassen. Dazu stellten sie immer wieder Vergleiche an, damit sie auch ja sicher gehen konnten, nicht anders zu sein. Es sollte nicht lange dauern, bis sich alle gleich verhielten.


Als die Masken abgenommen werden durften, begannen die Menschen wieder mehr miteinander zu sprechen und sich auch über ihre Wünsche und Träume auszutauschen. Erschrocken stellten sie fest, dass noch ein Funke Andersartigkeit in ihren Wünschen bemerkbar war. Sie schämten sich sehr dafür und verheimlichten ihre tiefsten Träume voreinander. Sie begannen vor anderen über ihre Träume zu lügen und glaubten schließlich selbst an ihre Lügen.


Revival der Erstlinge


Doch zunächst unbemerkt und ganz allmählich begannen einige der Menschen, die Erstlinge, Anti-Körper gegen das N-Virus zu entwickeln. Sie begannen sich anders zu verhalten als die Masse und litten sehr unter ihrem anderen Verhalten. In den Augen der Masse galten sie schlicht als verrückt, wahnsinnig und krank. Und tatsächlich fühlten sie sich so! Sie waren tatsächlich anders! Was war nur falsch mit Ihnen?


Die Normalen (so nannten sich die vom N-Virus befallenen nun) wollten den Erstlingen helfen und fingen zunächst an, sie anhand ihres Verhaltens in Schemata und Typen zu sortieren. Sie legten Grenzen und Kategorien fest, gaben den Kategorien Namen und brachten so Ordnung ins Wahnsinns-Chaos.


Jede die, meist eher zufällig und auch nur bei oberflächlicher Betrachtung, in so eine Kategorie passte, bekam dann eine besondere Behandlung und fühlte sich in ihrem Leiden gesehen, war froh, dass sie eine anerkannte Bezeichnung für ihr Leid hatte und so zumindest irgendwie von den Normalen akzeptiert wurde. Viele der Normalen waren sogar recht glücklich, dass es die Anderen gab: so konnten sie sich überlegen und, sofern sie zu der Gruppe gehörten, die den Anderartigen 'halfen' wieder normal zu werden, auch sehr tugendhaft, eben 'gut und gerecht' und moralisch ganz wundervoll fühlen. Es wundert nicht, dass diese Gruppe der 'Guten und Gerechten' beständig an Größe zunahm.


Die Behandlung durch die 'Guten und Gerechten' zielte vor allem darauf ab, die Andersartigkeit abzutrainieren, um das Leid, dessen Ursache als die Abweichungsdifferenz zum Massendurchschnitt definiert wurde, zu verkleinern.


A-Typisch Andere


Jene, die auch unter ihrer Anti-Körper-Reaktion und Andersartigkeit litten, aber in keine der definierten Kategorie passten, waren ein rechtes Ärgernis für die Normalen, da sie ihre reine Ordnung zu zerstören drohten (die natürlich über jeden Zweifel erhaben war!). Kurzerhand wurden die Anderartig-Anderartigen daher als A-Typische bezeichnet, was diese allerdings noch unglücklicher machte, da sie nun noch nicht einmal als ‚normal anders‘ galten. Daher gaben sie sich nun große Mühe, sich zumindest in ihrer Andersartigkeit den Typisch-Anderen anzupassen: sie studierten die Kriterien genau, teilten sie mit großem Interesse via sog. Posts über den sozialen Buschfunk, beobachteten das Verhalten der Typischen und tauschten sich darüber aus, ab wann man denn endlich als Typisch gelten konnte.


Insgeheim fühlten sich manche der Typischen auch den 'chaotischen' A-Typischen überlegen. Dabei übersahen sie oft, dass auch sie selbst in vielen Punkten garnicht so typisch waren. Manchmal dachten sie gar, die Bezeichnung der Kategorie allein, würde alles erklären: "jetzt weiß ich was ich habe, jetzt kann die Lösung her". So wurden sie immer blinder für ihre feinen Details, bis sie sie irgendwann kaum noch wahrnahmen.


Außerdem gab es wohl bestimmte Kategorien von Wahnsinn und Andersartigkeit, die ein besseres Ansehen hatten als andere (meistens jene, die von außen nach Ordnung und Kontrolle aussahen oder die Ordnung der Normalen zumindest nicht gefährden drohten) – und natürlich wollte man dann eher in diese Kategorie mit höherem Ansehen! Lieber wurde einem eine andersartige 'zuviel' an Kontrolle als ein 'zuwenig' nachgesagt!

Die 'zuviel-Kontroll-Andersartigen' freuten sich den auch ein wenig über ihr Prestige - wenngleich sie wussten, dass es sich überwiegend eher so anfühlte, die Kontrolle ziemlich verloren zu haben. Durch den Kontroll-Anschein konnten sie aber so dennoch ein wenig auf die Normalen herabblicken, die diese wiederum aus einem Mix aus Angst, Faszination und manchmal auch einem Hauch Bewunderung betrachteten.


Hatten die A-Typischen es geschafft, selbst ihren Wahnsinn der Andersartigkeit zu bändigen und den Kategorien der Normalen anzupassen, bekamen sie infolgedessen dann auch die Behandlung für die Typisch Anderen. Das linderte ihr Leid zumindest ein wenig, indem sie einen Tropfen Beachtung von den Normalen erhielten, die ebenfalls beruhigt waren, da sie sie nun besser zu- und einordnen konnten.


Und so begannen sich selbst die Andersartigen anzugleichen. Der Wahnsinn wurde normiert und normalisiert, die Ordnung wieder hergestellt. Und Erdland wurde immer grauer und grauer.


Das Dorf der Wenigen


Ganz Erdland?


Nein!


Ein von unbeugsamen Einzelnen bevölkertes Dorf, hörte nicht auf, sich in seiner Anders- und Einzigartigkeit zu feiern. Einen bunten Farbtupfer gab es also noch in Erdland!


Es war das Dorf der Wenigen, jenen, die nicht vom N-Virus erfasst wurden und jenen Erstlingen, die voll Stolz zu ihrer Einzigartigkeit zurückgefunden hatten.


Wie hatten sie das gemacht?


Zunächst lag bei vielen von ihnen wohl eine - bis heute unverstandene – ontotopologische Disposition vor: ihre Anti-Körper-Reaktionen gegen das N-Virus waren schlicht so mächtig, dass sie sich nicht dagegen zu wehren vermochten und die Behandlungsmethoden der Normalen versagten (obwohl die Normalen immer wieder sagten, dass das eigentlich nicht sein könnte, weil Studien zeigen, dass Behandlungsmethode A bei Typisch-Anderartigkeit A signifikant war (zu Alpha = 0,01) und selbst Metastudien zeigen, dass …! Immer diese Störterme in den Daten...!).


Diese widerständige Andersartigkeit verstärkte ihr Leid jedenfalls so sehr, dass sie irgendwann aufgaben und sich hoffnungslos in das Dorf der Wenigen zurückzogen. Den meisten von ihnen gelang es weder normal zu werden, noch gelang es ihnen, typisch Nicht-Normal zu sein: es waren also sehr viele A-Typische unter ihnen.


Doch was bekamen sie zu ihrer Verwunderung von den Dorfbewohnern der Wenigen gesagt?


Die Kunst der Mäeutik


Sie sagten doch tatsächlich: „Wenn du schon leidest, dann leide großartig! Einzigartig! Unverwechselbar! Ganz und gar A- und Un-Typisch! Untersuche dein Leid genau: nicht um festzustellen, ob und in welches vorgegebene Schema oder Kategorie der Normalen du passt, sondern wie genau dein Leid für dich ist. Noch erscheint es dir nur grau und einheitlich zu sein ..doch schon bald kannst du einen Farbschimmern hier und dort erkennen.. einen Silberstreifen.“


Tatsächlich stellte sich das Leiden nicht als grauer Klumpen dar, der nur in Kategorien und Schubladen der Normalen gepresst werden konnte, sondern bei immer genauerem Blick, wurden immer neue Farben erkennbar! Langsam begann das Leiden zu schimmern und wie ein Regenbogen zu leuchten. Durch den harten Weg des einzigartigen und großen Leidens fanden sie schließlich wieder zurück zu ihrer Einzigartigkeit!


Doch statt sich darüber nun darüber zu freuen, machte das vielen zunächst auch große Angst:


„Was“, fragten sie sich „wenn ich in den Augen der Normalen immer anders bleibe? Vielleicht wahnsinnig und verrückt?“


„Das ist eine Entscheidung, die du nur ganz allein treffen kannst“, antworteten die Wenigen. „Das Leben ein bisschen abseits der Masse der Normalen, als Einzigartige, ist nicht leicht und keinesfalls karrieresichernd. Wir können dir nichts versprechen. Auch nicht das große Glück. Allenfalls wirst du immer einzigartiger. Das kann sogar so weit gehen, bis du vielleicht irgendwann den alten Weisen und Einzigartigsten unter uns zustimmen wirst, die sagen, dass ihre Einzigartigkeit Ausdruck EINER großen Kreativität ist…also noch nicht mal etwas mit deiner Besonderheit zu tun hat. Auch Ego-Gewinne gibt es hier also nicht zu holen.


Wir können dir hier wirklich nichts versprechen. Wir verstehen, wenn du dir lieber eine abgedunkelte Brille in Bezug auf dich aufsetzt, und deine Farben vor dir versteckst…dann passt du auch wieder zu den Normalen. Manche von uns haben auch sehr klein anfangen: den überwiegenden Teil des Tages verbrachten sie mit Verdunklungsbrille, nachts trauten sie sich ein bisschen Einzigartigkeit zu. Manche fingen mit ihren Träumen an.

Viele von ihnen mussten auch erst einmal wieder sehr lange suchen, bis sie Einzigartigkeit bei sich wiedergefunden hatten – du hast da Glück, weil du deinen großen und einzigartigen Wahnsinn, deine Andersartigkeit, als Wegweiser hast. Jedenfalls haben sie dann langsam und in kleinen Schritten ihre Einzigartig-Zeit vergrößert. Aber das ist nur ein Weg von vielen möglichen.


Herausforderungen im Trotzstadium


Nur eine Warnung möchten wir aussprechen: manche haben viel Zeit damit verbracht, ihre Einzigartigkeit anhand der Normalität zu definieren: Angenommen die Lieblingsfarbe der Normalen wäre blau und deine zufällig auch. Nun ist es gut, sich mal zu fragen, ob das tatsächlich so ist. Wenn du aber zu der Antwort kommst: ja, ich liebe Blau tatsächlich, dann wäre es kein Ausdruck deiner Einzigartigkeit allein aus Opposition und Trotz zu den Normalen dich nur noch in rot zu kleiden. Siehst du das auch so?


Meist wurde dann nachdenklich mit dem Kopf genickt: Ja, das leuchtet ein! Habt ihr mehr Tipps und Tricks für mich? Vielleicht so etwas wie: '5 Tipps zur Einzigartigkeit'?


This life or next life?


Da lächelten die Wenigen herzlich und antworteten:


Grade weil wir um unsere, und somit auch um deine Einzigartigkeit wissen und diese sehr schätzen, können wir dir hier also keinen vorgegeben Weg, oder gar Tipps, aufzeigen. Du wirst alles für dich selbst überprüfen und jeden Schritt alleine gehen müssen. Gerne begleiten wir dich, aber die Zweifel, die du vielleicht spüren wirst, werden wir dir nicht abnehmen können. Vielleicht bist du tatsächlich im grauen Erdmassen-Land besser aufgehoben. Aber auch dort wird, nachdem du dir nun deiner Farben bewusst geworden bist, ein Zweifel spürbar bleiben - wobei der, so haben wir gehört, nach einer Zeit immer leiser werden wird. Aber ganz verstummen wird er nie. Manche berichten auch, dass er dann kurz vorm Tod noch einmal in brennender Verzweiflung auflodert: 'Welches Leben habe ich nur gelebt? War es meins?' Aber auch das ist ja nur ein kurzer Moment, der schnell vorbei geht. Wären wir in Indien, würde man sagen: next life, next try. Alles halb so schlimm.


Noch kannst du dich entscheiden - und wirst das auch in Zukunft zu jedem Zeitpunkt tun können und vielleicht auch zwischendurch immer mal wieder tun müssen:


Vertraust du darauf, dass dich dein einzigartiger Weg tragen wird?

Vertraust du auf die Strahlkraft deiner Farben?“




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Inspired by u.a.:

Nietzsche (as always)

Foucault: v.a. Wahnsinn und Gesellschaft, Die Ordnung der Dinge

Habermas, Tilmann: Heißhunger. Historische Bedingungen der Bulimia Nervosa & Zur Geschichte der Magersucht. Eine medizinische Rekonstruktion.



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