To the bone - Über Knochenverliebtheiten des animal anorekticums


Warum diese Liebe zum Knochen?


Zartes Streichen entlang der Schlüsselbeine. Festhalten an den Hüftknochen. Glatter Knochen. Es ist nicht so sehr die Schönheit, die das Begehren weckt. Aber was verführt dann? Was zieht magisch an? Will sie zum Knochen – oder er zu ihr?


Folgt man dem Philosophen Ernst Cassierer (1874 – 1945) ist der Mensch vor allem ein animal symbolicum: Der Mensch lebt nicht allein in einer materiell-physischen, sondern auch immer in einer Welt der Symbole. Ja, grade dass er nicht wie Tiere reflexhaft auf Codes reagieren muss, sondern auch zur Form fähig ist, macht sein Wesen aus. Er ist nicht nur animal rational, dass in der Welt bzw. Sprache der Vernunft lebt, sondern auch in der Sprache des Gefühls, der Poesie, der Kunst, der Wissenschaft, des Mythos, der Religion.


Der Mensch ist nicht nur ein organisches Wesen, sondern fragt auch immer nach Sinn und Bedeutung. Als Sinnträger wird er selbst zum Symbol. Und ist nicht nur vernunftbegabt, sondern darüber hinaus auch noch dazu begabt nicht-rationale Symbole zu schaffen – die im Übrigen aufgrund ihrer Formgebung und Objektivierung – wiederum Rationalisierungen darstellen.


Ok. Ernst bei Seite: ohne das jetzt im Einzelnen alles verstanden haben zu müssen, ist es, wenn frau einem der crassieresten Philosophen des letzten Jahrhunderts Gehör schenken mag, doch deutlich, dass Symbole wichtig für den Menschen sind. Er selbst ist ohne sie nicht möglich. Der Mensch ist mehr als organische Verwertungsmaschine.


Und jetzt bitte mal einen Blick auf die Kultur des Abendlands in 2021 geworfen…


To be fair: wir haben immer noch die Sprache! Wundervoll. Doch wer weiß noch, dass Sprache mehr zum Zeigen, denn zum Sagen ist? Vor allem das animal psychologicus (in der Gattung ‚Mainstream‘) verwechselt die Welt der Sprache gerne mit der Welt der Zahlen: dort bedeutet die 2 immer die 2. Im Reich der Worte ist das gemeinhin anders. Im Vergleich zur 2 nehme frau zB den Begriff der ‚Freude‘: Wofür kann Freude nicht alles stehen?! Unendliche subjektive Bedeutungen! Ein Sommerregen. Einen Schneemann bauen. Ein Schmetterling. Schmetterlinge im Bauch. Wiedersehensfreude. Freudenfeuer. Freundentänze. Ekstasen. Freude auf dich. Auf bald. Vorfreude. Erinnerungsfreude… all das schrumpft zusammen auf: Freude: Basisemotion nach Ekman. Messbar mit Fragebogen xy. Kreuze an: Wie oft hast du dich heute gefreut? Wie?!? Du glaubst, dass es bedeutungsvoller wäre, zu fragen, WIE du dich gefreut hast? Wie es sich angefühlt hat für dich? Nein, das interessiert das animal psychologicus im Mainstream nicht. Für den p-Wert braucht es Zahlen. Messen statt Verstehen. Gleichwohl: auch die Mathematik ist ja eine Welt der Symbole… die aber in dieser Spielart doch eher Heimat für rationale animals ist. Wo wohnen die anderen? Ist noch Platz für sie in dieser Welt?


Auf der Suche weiter zu anderen Symbolen: Das IPhone voller Icons: das Abbild einer Kamera, darunter stehend: Kamera. Das Bild einer Uhr, darunter stehend: UHR. Bedeutungsvoll ist anders. Also weiter: H&M, IKEA, goldenes M. ARD, ZDF und C & A, BRD, DDR und USA… Mfg – Mit freundlichen Grüßen. Die Welt liegt dir zu Füßen und wir: erfinden den Smiley! :) Symbol unserer Zeit.


Was fällt auf: Jedes Symbol hat genau EINE Bedeutung. Eindeutige Bezüge. Politisch korrekt. Bloß nichts falsch verstehen. Kein Risiko. Für Ambiguität und vieldeutiges Schimmern ist in dieser (westlichen) Welt kaum noch Platz.


Dann doch lieber schnell einen Blick nach Indien werfen:

Shiva: Symbol der Zerstörung, des Feuertanzes und des Neubeginns;

Kali: die Urmutter, voll Emotionen, Empathie, aber auch Gewalt;

Ganesha: du weiser Blockadenlöser; mit deinen kleinen Augen, siehst du nicht all zuviel, aber deine großen Ohren: weise wird, wer zuhören kann.

Und dann den Sonnengöttern zum Gruße: Surya: grüße an Rhe, lass dass Pitta-Feuer glühen, im Manipura-Chakra heizen … was für eine bunte Welt!!


Ein Symbol – tausendundeine Bedeutung! Verwoben in tausend Bezüge, Relationen, Beziehungen. Niemals beliebig. Immer polyvalent. Gewebe von Sinn. Sinnnetze. Sicherheitsnetze…


Zurück in den Westen: hier wurden längst (fast) alle mythisch-religiösen Symbole abgeschafft. Allenfalls an Weihnachten darf die Welt noch leuchten, was denn auch die heillose Überfrachtung dieses ‚Fests‘ erklärt. Das bunt verkaufte Osterei schmeckt nur noch schal nach Neubeginn. Symbole, um menschliche Erfahrungen, v.a Leiderfahrungen auszudrücken fehlen ebenso. Dafür gibt es jetzt Stockfotos von nicht-erbrechenden Erbrechenden (vgl. letzten Beitrag). Es ist eine kalte, sachliche, flache Welt.


Die Säkularisierung (und Trennung von Staat und Religion) brachte zweifellos viel Gutes mit sich. Viel Schlechtes wurde im Namen der Religion getan. Und doch, so scheint mir, ist eine Lücke im kulturellen Gewebe entstanden. Verflachte Symbole des Kommerz breiten sich pilzartig über diese Lücke aus. Sie haben nur noch EINE Bedeutung und daher keinen SINN mehr. Sinn leer. Sinn-los wird die Welt.

Und dann scheint er auf, in seiner ganzen Pracht: der Körper, der Leib – und mit ihm: der Knochen. Welch‘ archaisches Symbol: Vanitas. Vergänglichkeit. Ewigkeit.

Der Knochen. Letztes großes Symbol? Zum Festhalten? Fast konkurrenzlos strahlt er am Abgrund. Magisch entfaltet er seine Anziehungskraft. Ist es wirklich ihr Knochen? Ist es nicht ein uralter, ewig junger Knochen, der da zu ihr spricht? Der Knochen von Generationen… Wie weit reicht die Ewigkeit? Menschen sterben. Symbole überdauern.


Knochenliebe ist auch Liebe. Wer könnte und wollte (!) die schon immer rational aufklären.


Hunger nach Symbolen. Nach einer reichen, sinn-vollen Welt.


Aber: Auch Knochen verwesen.


„Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?


Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen.“


Alles klar, Friedrich! Zeit für Göttinen-Werdung also. Welch Aufgabe! Welch Verantwortung! Was für eine Freiheit!!! Eine sinn-volle Welt schaffen. Erhabene Symbole erinnern. Heidnische wiederentdecken. Interkulturelle Kreativitätssymposien veranstalten. Antike Mythen wiederbeleben.


Statt Totengräber-Stimmung also: Ärmel hochkrempeln.


Statt Flirten mit Gevatter Tod: einen knackigen Lehm-Adam (oder AdamIne) modellieren.


Statt Wille zum Knochen: Wille zur Welt.


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