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Sport: Eine merkwürdige Angelegenheit

  • Autorenbild: Senta Brandt
    Senta Brandt
  • 21. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Menschen stehen freiwillig um fünf Uhr morgens auf, um im strömenden Regen im Kreis zu laufen. Sie gehen in staubige Gyms, vergleichen stundenlang ihren Körper im Spiegel und verbringen Jahre damit, mühsam zwei Kilogramm Muskelmasse aufzubauen, nur um dann festzustellen, dass der rechte Bizeps am Ursprung immer noch etwas stärker ausgeprägt ist als der linke. Sie schreien am Wochenende voller Wut den Fernseher an, weil das Runde nicht ins Eckige wollte. Und die Lieblingsmannschaft verliert am Ende doch immer wieder. Anders als bei der Schaffung eines großen Kunstwerks kann man als Freizeitsportler noch nicht einmal auf Unsterblichkeit hoffen. Und trotzdem bleiben Menschen dran.




Nicht minder merkwürdig als der Sport selbst ist der populärwissenschaftliche Diskurs über ihn. Entweder es geht um Kalorienverbrauch, Trainingspläne und Motivationstipps; um Gesundheit, Leistung und Longevity. Oder Fitnesssport wird einseitig als pathologische Kompensationstechnik narzisstischer Akteure betrachtet, die Opfer der Selbstoptimierungsideologie seien. Selbstverständlich sind jene, die solche Diagnosen vornehmen, von jeglichen Egoismen befreit und sind selbst keinesfalls Opfer einer Ideologie. Sie haben offenbar den Überblick. Aber von welchem Standpunkt aus eigentlich? Stehen sie jenseits der Welt?


Über Musik, Literatur oder Kunst wird oft gesprochen, als wären das höhere Formen menschlicher Erfahrung. Warum aber erscheint es kulturell wertvoller, stundenlang ein Musikstück auf dem Klavier zu üben, als stundenlang Kniebeugen zu machen? Es ist wohl auch eine Frage von Klassendistinktion und Habitus. Und einer langen westlichen Tradition, die es bevorzugt geordnet mag und den Körper primär als biologisches Objekt begreift; klar abgegrenzt von einer reinen Seele oder dem himmlischen Geist. Das bio-psycho-soziale Menschen/Manager-Modell etwa ordnet den Körper dem Bereich „Bio“ zu. Freilich werden auch „Interaktionen“ zwischen den Kategorien bedacht – die Kategorien selbst bleiben jedoch fein säuberlich voneinander getrennt. Wie wir es seit Platon und Descartes gewohnt sind.


Sport ist mehrdeutig


1966 hat (selbst) Theodor W. Adorno darauf hingewiesen, dass Sport keineswegs eine so eindeutige Angelegenheit ist. In seinem Vortrag Erziehung nach Auschwitz sagt er, dass

„die Rolle des Sports von einer kritischen Sozialpsychologie wohl noch kaum zureichend erkannt wurde. Der Sport ist doppeldeutig: auf der einen Seite kann er antibarbarisch und antisadistisch wirken durch fair play, Ritterlichkeit, Rücksicht auf den Schwächeren. Andererseits kann er in manchen seiner Arten und Verfahrungsweisen Aggression, Roheit und Sadismus fördern, vor allem in Personen, die nicht selbst der Anstrengung und Disziplin des Sports sich aussetzen, sondern bloß zusehen; in jenen, die auf dem Sportfeld zu brüllen pflegen. Solche Doppeldeutigkeit wäre systematisch zu analysieren.“

Sport durchdringt moderne Gesellschaften wie kaum ein anderes Phänomen – und der Körper war noch nie so präsent wie heute. Zumindest als Bild: auf Instagram, in der Werbung, im kulturellen Diskurs. Aber dieser sichtbare Körper ist nicht derselbe Körper, der trainiert. Zwischen Repräsentation und Erleben liegt eine Differenz, die in gängigen Sportdiskursen oft verschwindet: der Körper als optimierte Biomasse und Bild auf der einen, der subjektive Körper als von Kultur, Kraft, Sprache und Libido durchzogene Erfahrung auf der anderen Seite. Körper ist auch etwas, das schmerzt, begehrt, genießt oder erschöpft ist. Und sich trotzdem weiterbewegt. Das Herz schlägt, der Bizepspump pulsiert und die Glutes, Hams und Quads versagen ihren Dienst bei der 20. Kniebeugen-Wiederholung.


Diese gelebte Erfahrung – die subjektive lived experience – kommt in den gängigen Narrativen über Sport kaum vor. Wer Sport nur von außen betrachtet, sieht Bilder: Körper als Repräsentation, als Signal, als Code. Mittendrin ist etwas anderes. Natürlich gilt es, diese subjektiven Erfahrungen ihrerseits in gesellschaftliche und kulturelle Machtverhältnisse einzuordnen. Niemand erlebt seinen Körper außerhalb von Klasse, Geschlecht oder Kultur. Aber sie deshalb ganz auszublenden, wie es der Blick, der nur Bilder sieht, oft tut, empfiehlt sich dennoch nicht.


Mehrdeutige Erfahrungen kommen sonst erst gar nicht ins Blickfeld. Etwa warum Sport Menschen manchmal völlig vereinnahmt. Warum manche ihn als letzten Anker beschreiben. Warum Arnold Schwarzenegger im Film Pumping Iron sagte, das Training fühle sich für ihn fast sexuell an – und dabei nicht ganz so aussah, als würde er übertreiben. Kalt lässt das Thema kaum jemanden: entweder man ist hellauf begeistert, lehnt Sport entschieden ab, oder begreift ihn als lästige Pflicht.


Sport bringt uns näher an etwas heran, das wir sonst sorgfältig auf Abstand halten: den eigenen Körper. Nicht als Projekt und Bild, das optimiert werden will, sondern als leiblichen Ort, an dem etwas passiert, das sich der vollständigen Kontrolle entzieht. Einen analytisch kühlen Kopf zu bewahren, mag bei diesem Thema vielleicht auch daher ein wenig voraussetzungsreicher sein.


Die Psychoanalyse bietet andere Fragen und Perspektiven als der Common Sense. Sie fragt nicht nur, was der Körper leistet, sondern auch was er erlebt. Was er begehrt, abwehrt, wiederholt. Sie geht davon aus, dass der Mensch kein rein rationales Wesen ist und bezieht das Unbewusste sowie Erfahrungen von Lust und Schmerz und Schmerzlust, die Jouissance, mit ein.


Das Unbewusste ist im Übrigen nichts, das irgendwo tief unten oder weit hinten in der Vergangenheit vergraben liegt, sondern findet tagtäglich, direkt vor unseren Augen statt. Ganz besonders auch im Sport. Die sportliche Arena, das Gym, der Fußballplatz, das Yogastudio ebenso wie Fitness-Influencer-Accounts, lassen sich dabei als so etwas wie Tummelplätze des Unbewussten verstehen: als Bühnen, auf welchen unbewusste Wünsche, Aggressionen und kollektive Phantasien über Identität, Geschlecht und Machtverhältnisse inszeniert, performt und konstituiert werden.


Daneben sind auch andere Perspektiven hilfreich, um über das Phänomen Sport nachzudenken: Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller etwa argumentiert, dass Bodybuilding gar kein Sport ist, sondern eine Kunstform. Ebenso wie der Maler seinen Pinsel nutzt, um ein Bild zu erschaffen, nutzt der Bodybuilder den Sport, um sich selbst zu erschaffen.

Und auch beim Yoga kann man sich fragen, ob Yoga überhaupt ein Sport ist, da viele Praktizierende hier von Erlebnissen berichten, die sie, anders als Schwarzenegger, nicht als sexuelle, sondern als spirituelle Erfahrungen beschreiben.


Körpererfahrung ist sprachlich und kulturell vermittelt


Sprache, Kultur und Körper hängen eng miteinander zusammen. Der Körper ist kein unmittelbares Naturphänomen. Wie wir unseren Körper erleben, was wir spüren und wie wir dieses Erleben deuten, hängt davon ab, welches Vokabular uns zur Verfügung steht, um dieses Erleben überhaupt in Sprache zu fassen und in welchen kulturellen Zusammenhängen wir uns bewegen.


Ein Gedankenexperiment macht das deutlich:

Hätte Schwarzenegger seine Erfahrungen nicht im sonnigen Kalifornien gemacht, sondern in einem Raum, in dem Buddha-Statuen stehen, Mantras gesungen und hin und wieder auf das Yogasutra von Patanjali hingewiesen wird, hätte er sein Erleben womöglich ebenfalls als spirituelle Erfahrung beschrieben.


Körpererleben ist also nicht einfach unmittelbar gegeben, sondern immer schon durch Sprache, kulturelle Deutungsmuster, gesellschaftliche Kontexte sowie frühe Beziehungserfahrungen mitstrukturiert. Ob es so etwas wie einen vollkommen authentischen Körperbezug gibt, bleibt daher fraglich. Begriffe sind nie bloße Beschreibung, sondern eröffnen Möglichkeiten, Erfahrungen anders zu verstehen und manchmal überhaupt erst bewusst erleben zu können.


Erleben in Sprache zu fassen, hat daher schon immer auch therapeutische Effekte – allerdings nur dann, wenn die sprachlichen Kategorien, derer man sich bedient, das Subjekt nicht eindeutig festschreiben und fixieren, sondern das „Heer von Metaphern“ (der Begriffe und Bedeutungsnetze, derer wir uns bedienen) beweglich halten. Gewisse dekonstruktivistische Verschiebungen gehören dazu. Die Diagnose des narzisstischen Selbstoptimierers, von der eingangs die Rede war, gehört eher zur Gattung der Fixierungen — nur eine, die sich selbst nicht als solche erkennt.


Es gilt also Begriffe und Perspektiven zu (er)finden, die den Blick nicht einseitig verengen und so der Polyvalenz, der Mehrdeutigkeit des Erlebens gerecht werden: die Sport weder blind glorifizieren noch vorschnell als Kompensationstechnik narzisstischer Selbstoptimierungsopfer abtun. Im Sport geht es nicht nur um Gesundheit, Leistung oder Disziplin, sondern auch um Lust, Identität, Sinn, Gemeinschaft, Aggression, Stolz, Schmerz – ebenso wie um Geld, Macht und Politik.


Man sieht, Friedrich Nietzsche verstand es wie kein Zweiter das zu formulieren, nur mit vielen Augen gut:


„Es giebt nur ein perspectivisches Sehen, nur ein perspectivisches ‚Erkennen‘; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“

Freud & Fitness ist ein Projekt, das den Anspruch hat, mit vielen Augen zu sehen und genau hinzuhören: offen, analytisch und ohne vorschnell zu wissen, was Menschen im Sport eigentlich erleben.



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Freud & Fitness ist ein Podcast über Sport, Körper und das Unbewusste überall verfügbar, wo es Podcasts gibt.

 
 

Dr. Senta Brandt

Dr. Senta Brandt ist Psychologin, Autorin und promovierte Sozialwissenschaftlerin.​

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