Problemzone Mund

Neulich machte die Meldung einer Art magnetischen Mundfessel die Runde, die an den Zähnen befestigt nur noch einen kleinen Spalt offen lässt und mit der ernsthaft Mehrgewicht bekämpft werden sollte.


Der Mund: Ort von Oralität, Weltaneignung, Sprache, Summen, Singen, von Küssen, Kommunikation, Lachen, Schreien, Stöhnen, Einverleibung, Aggression, Sinnlichkeit und, ach ja: auch von Essen. So viele Bedeutungen, so viel Symbolkraft.


Wer erst denkt, und dann spricht, ist in der Regel ein gutes, braves Mädchen. Nur noch liebe Worte werden zwischen fein geschürzten Lippen sanft artikuliert.


Was passiert, wenn das Mädchen den Mund nun anorektisch ganz verschließt: will sie dann nichts mehr rein lassen oder tut sie dies, weil nichts mehr raus soll? Welche Magersüchtige kennt sie nicht, die tobende Verachtung, die stumme Aggression… auch gegenüber der Vulgarität, gegenüber dem Primitiven. Schmatzen, Kauen, Verdauen…welch ein Kontrast zur reinen Leere!


Der Mund. Auch der Ort des Kontrollverlustes? Was passiert im Mund?


„Ein kleiner Bissen und ich bin verloren, verloren in dem Augenblick, in dem ich esse. Ich kann nicht kosten. Ich esse nicht um zu kosten, ich esse, um ein Loch zu füllen.“, schreibt Karen Margolis. „Bleib ruhig, sage ich zu meinem Herzen; aber es rast besinnungslos. Bleib still, sage ich zu meiner Seele, aber sie entgleitet mir, ist nicht zu halten. Der kleinste Krümel, und ich bin verloren, gefangen im Strudel meiner Begierden. Ich verliere mich im Mund, im Beißen, im Kauen eines gierigen Mundes.“


Der Mund. Ort der Gier, des Aufgehens, sich Entgrenzen im Kauen und Beißen, Schlucken, Schlingen, Saugen und Stopfen. Oder im Kotzen, Erbrechen, Spucken, Würgen.


Im Schweigen. Liebkosen. Schreien.


Sheila MacLeod schreibt, dass sie glaubt, dass sie, wenn sie „wie ein Tier“ hastig und schnell, ohne Genuss aß, „wie als fürchte sie, entdeckt zu werden“, von rachsüchtigen, sehr starken oralen Aggressionen getrieben gewesen sei. „Ich glaube, daß ich durch mein heimliches Essen alle die wütenden und feindseligen Dinge sagte, die ich über die Schule und das Leben im allgemeinen sagen wollte, ist doch das Sprechen auch eine orale Tätigkeit. Mein heimliches Essen brachte das zum Ausdruck, wozu mein heimliches Schreiben (eine mißlungene orale Tätigkeit) nicht in der Lage war: Meinen Haß auf diejenigen, die mich unterdrückten, mein verzweifeltes Gefühl der Einsamkeit. Auch brachte ich, auf allerwörtlichster Ebene, meine Entschlossenheit zum Überleben zum Ausdruck.“


Der Mund und der Wille zur Macht, der Wille zum Leben. Und Leibinsel des Begehrens.


Die alte Furcht also vor der Vagina dentata? Würden wir unsere Münder beim Essen anderes gebrauchen, dürften wir alles sagen? Wollen wir das? Wer darf den Mund zensieren? Was darf rein, was darf raus? Wer darf das bestimmen, wenn nicht: die Einzelne!



Literatur:

Sheila MacLeod (1983). Hungern meine einzige Waffe. München: Kösel-Verlag.

Karen Margolis (1985). Die Knochen Zeigen. Über die Sucht zu Hungern. Berlin: Rotbuch Verlag.

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