Kleine Phänomenologie des Körperhass

Die Vielfalt ablehnender Körpererfahrungen


Während mit William James über die Vielfalt religiöser, mithin annehmender Welterfahrungen, nachgedacht werden kann, möchte ich im Folgenden eine umgekehrte Richtung einschlagen.

Die Begriffe des 'Körperhass‘ oder der ‚Ablehnung des Körpers‘ fungieren als generalisierende Oberbegriffe, von dessen Verallgemeinerungsanspruch frau sich nicht blenden lassen sollte.


Ob frau das eigene Fleisch hasst oder sich vor dem Fremden, dass sie nicht ist, ekelt, ist ein Unterschied, der einen Unterschied, macht und im Diskurs über Essstörungen viel zu selten beleuchtet wird. Ich folgenden möchte ich diese zwei Extrempositionen entwerfen, die gewissermaßen ein Spektrum aufspannen – welches sich entlang der Dimension der Identität bewegt – und exemplarisch verdeutlichen sollen, worauf sich die Ablehnung des Körpers beziehen kann.


Körperselbsthass

Das erste Phänomen beschreibe ich als Körperselbsthass. Um das Selbst zu hassen, muss frau es zunächst als Identität erkannt und angenommen haben. Frau sieht in den Spiegel, sieht dort sich selbst - auch in der materiellen Manifestation: ihrem Körper. Sie sieht in den Spiegel und sieht: sich. In unserem Kontext sieht sie dann ihr Fett - und hasst sich dafür. Sie hasst sich, sie hasst ihr Fett.


Körperekel

Das Phänomen, welches ich mit ‚Körperekel‘ zu beschreiben versuche, ist anders gelagert. Auch hier sieht die Frau in den Spiegel und sieht: nicht sich. Das bin ich nicht! Hinter oder unter dem Fett liegt mein eigentliches Ich begraben. Das (Fett) bin nicht ich. Ganze Körpermassen, die in der Anorexie zunehmend schrumpfen, werden als Ich-fremd erlebt (nicht nur bewertet; auch dies ein viel zu oft vernachlässigter Unterschied). Folglich überwiegt nicht der Hass, sondern der Ekel vor dem Fremden (das ich nicht bin). Mit bedeutenden Implikationen, insofern die Anorexie, die mit schrumpfender Fremd-Masse einhergeht, erlaubt, sich dem eigentlichen, eigenen Ich anzunähern. Folglich nicht von einem Ablehnungs- (wie im Hass), sondern Annäherungsmotiv her zu verstehen ist.


Zuletzt sei noch auf zwei verwandte Phänomene hingewiesen. Während sich Selbsthass und Körperekel eher um die Beziehung zwischen der Person und ihrem Körper bzw. um Identität kreisen, also eher enger gelagert sind, beziehen letztere im stärkeren Ausmaß auch andere Mit-Menschen ein.


Körperscham

Für die Entwicklung eines Schamgefühls ist der (imaginierte) Blick der Anderen bedeutsam. Nehmen wir an, dass sich frau, wenn sie nur für sich ist, relativ gut mit sich befreundet ist. Sie spaziert alleine umher, in Gedanken verloren. Plötzlich erscheint eine Gruppe von Menschen, an der sie vorbeigehen muss. Automatisch wird sie sich ihres Körpers, der vorher nicht präsent war, als Objekt bewusst. Sie wird sich bewusst, dass sie geht, wie sie geht und kommt aufgrund der Hyperreflexivität just in dem entscheidenden Moment, in dem sie besonders cool wirken möchte, ins Stolpern.

Was ist passiert? Während sie ohne den Blick der anderen, sich leiblich gegeben war, hat sie nun – durch Übernahme des imaginierten Blicks der anderen – auf einmal dieses Körperding. Imaginiert oder erlebt sie den Blick der anderen als abwertend, ist sie plötzlich mit diesem Mangelobjekt, dem sie nicht entfliehen kann, konfrontiert, das zwar ihres, aber doch auch von ihr entfremdet ist (da es ihr vor allem durch den Blick der anderen gegeben wird). Übernimmt sie den Blick der anderen, ist der restliche Spaziergang gestört. Sie stolpert nach Hause und kann sich bzw. die Dimension des Körper-Habens erst nach einiger Zeit des Allein-seins wieder vergessen, was ihr erlaubt wieder in der - hier (im Unterschied zum Ekel) als wohlig erlebten - leiblichen Dimension aufzugehen. Mitunter erreicht sie diese - mit Schmitz gesprochen: protopathische, weil in der leiblichen Dimension aufgehende - Wiederaneignung mit einem Essanfall (wohingegen - wieder im Hermann Schmitz - der Blick der Anderen sich eher spitz, epikritisch, verhält oder erlebt werden mag).


Körperschuld

Während das Phänomen der Scham für mich eine Konnotation des Intimen hat, weist Schuld einen different taste auf. Schuld, am Leben zu sein, Gewicht zu haben, Raum einzunehmen und beanspruchen, Platz haben dürfen, eigene Bedürfnisse haben dürfen. Nicht falsch sein. Keine Sünde, keine Fehler gemacht haben. Im Unterschied zum Hass, der es grundsätzlich erlaubt Bedürfnisse zu haben, aber deren Erfüllung versagt, ist hier schon das pure Wollen und Wünschen schuldhaft. Mitunter ist die Schuld auch vermischt mit dem Ekel: sich die Schuld geben, das Fremde so nah an sich herangelassen zu haben; kein nein, keine Grenze gesetzt zu haben. Das Fremde, das nun das ich verhüllt, gefangen hält, einschließt oder es paradoxerweise fast schützend vor der Welt umschließt, verschließt.


Die Vielfalt der ablehnenden (Welt- und) Körper-Erfahrungen


Ebenso müsste über eine Verknüpfung von Hass und Scham nachgedacht werden. Und all die anderen Kombinationen und Zwischenphänomene, die niemals allgemein, sondern nur situativ zu verstehen sind. Auch ob der ganze Körper, der Leib oder Körperleib, oder eher einzelne Körperleibinseln, also welche Stelle – Bauch, Beine, Po, der Oberarm oder primär das Gesicht – abgelehnt, aversiv bewertet oder erlebt werden, ist von Relevanz. Schließlich sind auch die Mittel, mit welchen die Ablehnung ausgedrückt wird, zu beachten und zu differenzieren, inwiefern es sich vorrangig um Phänomene des Ausdrucks oder der Performanz handelt.


Die Ablehnung des Körpers kann so unterschiedlich sein, sich so unterschiedlich anfühlen. Und btw: um diese Unterschiede sichtbar zu machen, muss frau nicht einmal in die Vergangenheit reisen, Ursachen suchen, oder Familien-Systeme aufstellen. Erstmal geht es nur darum, sich dem, was ist, zuzuwenden. Die genaue Wahrnehmung dessen, was ist. Alles andere ist Interpretation zweiter Art.


Ferner gäbe es noch zahlreiche unterschiedliche Arten des Hungerns, Erbrechens, Abführens, Sportelns, Nicht-Essens und Über-Essens zu erkunden. Die typische Magersucht, die typische Bulimie, die typische Essstörung – was soll das sein?!


Und bitte, lieber homo psychologicus, ich spüre förmlich, wie es dich schon jetzt in den Fingern juckt, das Lineal zu zücken, den Körper-Hass, den -Ekel, -Scham und -Schuld zu operationalisieren und dabei jedes sprachlich-menschliche Feingefühl auszuklammern. Der ‚lingustic turn‘ hat dich noch nicht erreicht. Noch weißt du nicht, dass Wörter nur im Kontext zu verstehen sind. Dass Sprache mehr zum Spielen, denn zum Messen, ist. Epoché ja. Aber bitte umklammere ausklammernd deine metrische Urteilshaltung!


Dies gilt nicht nur im Bereich der Forschung, sondern auch und vor allem in der Therapie. Bevor du Frauen und Mädchen dem kalten Spiegel exponierst, wäre es doch ratsam, zunächst zu erkunden, worum es eigentlich geht. Wer oder was soll da im Spiel akzeptiert werden? Das zu große Ich, das Fremde, das Zuviel oder das Verbotene oder oder oder?! Mit welchem Recht, auf welcher Basis erlaubt man sich, Interventionen, Expositionen und Operationen im Mentalen vorzunehmen? Auf Basis von Zahlen, Anamnesekästchen und Durchschnittswerten? Wie kann man Menschen zur Akzeptanz des Unverstandenen auffordern? Wie kann man annehmen, dass Selbst- und Fremdannahme aus bloßem kognitiven Umdenken resultieren würden? Ach, lass dich doch wenigstens vom ‚body turn‘ berühren!

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