Jedes Sein ist ein Gewordensein

Ihr jetziges Sein ist ihr Gewordensein. Ihr Gewordensein ist ihr jetziges Sein.

Martin Heidegger


‚Jedes Sein ist ein Geworden-Sein‘ – so habe ich mir das mal gemerkt und wende diesen Merksatz gerne sowohl dazu an, um zu verdeutlichen, dass es kein absolutes Wissen gibt – also auch Erkenntnisse der Naturwissenschaften immer historisch (mit)bedingt sind (das nennt sich dann zB Paradigma, Weltanschauung, Denkstil etc.) – als auch auf mich selbst :)

Wie im letzten Post deutlich geworden, verhalten sich Personen nicht wie Teile, die von Ursachen linear durch die Welt gestoßen werden, sondern sie handeln. Handeln basiert auf Sinn und Bedeutung. Dieser immens wichtige Unterschied kann gar nicht oft genug betont werden.


Ich betone das u.a. auch deshalb, weil der Glaube noch recht verbreitet ist, dass es so etwas wie die Ursache der eigene Essstörung gibt (die gefunden werden müsse, damit sich dann die Heilung einstellt; & btw: mit Tiefenpsychologie oder Psychoanalyse hat Ursachen-Suche auch nichts zu tun. Leider sind die beiden Verfahren, ebenso wie Essstörungen, im kollektiven Bewusstsein ziemlich fehlrepräsentiert. Aber darum solls jetzt erstmal nicht gehen).


Die eine Ursache einer psychischen Störung gibt es schlicht nicht. Und selbst wenn, wäre damit niemanden geholfen, weil wir ja schlecht in die Vergangenheit reisen und die ‚Ursache‘ beheben können.


Handlungen (auch solche die wir gewohnt sind, als essgestört zu klassifizieren) basieren auf Sinn und Bedeutung, nicht auf Ursachen. Der Reflex ist ein-wertig, ein-dimensional, hat eine Bedeutung. Je höher entwickelt eine Handlung ist (dazu gehört auch Denken, Fühlen, etc.), desto MEHR Bedeutungen hat EINE Handlung, desto komplexer wird es.


Werfen wir zur Veranschaulichung kurz einen Blick in die Literatur, zB zu Schuld & Sühne von Dostojewski, in meiner Ausgabe über 700 Seiten stark. Unbestritten eines der besten Bücher der Geschichte. Hätte Dostojewski jedoch an die Ursache geglaubt, das Buch wäre wohl recht kurz geraten:


Raskolnikow tötet eine alte Frau, weil (Ursache:) er ihr Geld haben will.


Hm, recht kurzes Lesevergnügen.


Glücklicherweise war sich Dostojewski der Komplexität des Psychischen bewusst und hat zudem noch verstanden, dies in sprachliche ansprechender Weise darzustellen. Und mal ehrlich: wäre es nicht eine wahnsinnige Verachtung alles menschlichen, ließen sich solch komplexe Erkrankungen wie Essstörungen, die ganze Leben oder Lebensjahrzehnte gefangen nehmen, durch ein-fache, mono-kausale Erklärungen, durch eine Ursache, erklären?!


Es mag bestimmte Auslösesituationen geben, aber auch diese lassen wenig verstehen, warum genau eine Essstörung entfaltet wird.


Wer Ursachen sucht, dem geht’s ums Erklären. Wer nach Sinn und Bedeutung fragt, will verstehen. Erklären und Verstehen, das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen.


Beim Erklären ist man mit Ursachen und Faktoren zufrieden und versucht möglichst sparsame Erklärungen zu finden. Also mit möglichst wenigen Faktoren viel (Varianz) erklären.

Beim Verstehen ist es tendenziell genau andersrum: je mehr Bedeutungen eines Phänomens erkannt werden, desto mehr versteht frau. Statt Reduktion geht es um Anreicherung der eigenen Geschichte.


Weiters ist Erklären ein gänzlich rationales Phänomen. Verstehen beinhaltet grundsätzlich und im Falle von Personen v.a. auch das emotionale Verstehen. Es nutzt daher auch recht wenig den eigenen CV runter zu rattern.. Sich selbst verstehen lernen bzw. Verstehen allgemein ist ein wahnsinnig komplexer Prozess und eine super spannende Reise, mit open end.


Die Bäume vor lauter Wald nicht mehr sehen können


Jedenfalls: Nach der Ursache für eine ES zu suchen, muss -aus erkenntnislogischen Gründen- in die Irre führen. Es ist, als ob man unbedingt einen Wald finden will und man dann, vor lauter Konzept ‚Wald‘ im Kopf, die Bäume nicht mehr sieht. Beginnt frau an ihrer eigenen Geschichte zu weben, ist es daher ratsam, Konzepte (zB jenes nach der einen Ursache) fallen zu lassen. Wie viele Motivlagen, Erzählebenen, Rückblenden, HeldInnen, Beziehungsmuster, Spannungsbögen gibt es zu entdecken. Welches Detail hat Bedeutung? Darf frau sich radikal ernst nehmen? Jede Erinnerung, die zunächst vielleicht noch so banal scheint, annehmen, wichtig nehmen…Warum ploppt grade sie im Bewusstsein auf und nicht all die anderen Tage aus 1994? Sie muss eine ganz besondere Bedeutung für sie haben… ja, nur für sie…! Für niemand anderen sonst. Ihr einzigartiges Gewordensein.


Wie viele Tränen gibt es dabei zu weinen,

wie viel Wut laut rauszuschreien!


Und wie viel dann auch zu lachen,

wie viel sich zu wundern…


und ganz vielleicht ab und zu ein leises Amor Fati zu flüstern. Alles musste genau so sein, damit jetzt diese Augen über diese Buchstaben gleiten, Wörter, Sätze, Bedeutungen formen, leises Gemurmel.

Dieser Augenblick: nur für Dich.


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