IV Reanimation in Varanasi - Zu Besuch in Indiens heiligen Städten

Nach drei Monaten im Ashram stattete ich Rishikesh, dem Yoga-Hotspot (Nord-)Indiens – der schon 1968 die Beatles anzog – und dem benachbarten Haridwar, einem der sieben Pilger-Hotspots Indiens, einen kurzen Besuch ab. Doch mein Herz in Flammen zu versetzen, schaffte erst Varanasi: ein Hot-Spot der ganz besonderen Art.


Mother Ganga


Alle drei Städte – Rishikesh, Haridwar und Varanasi – haben zwei Sachen gemeinsam:

1. Sie liegen in Indien, d.h. sie sind unvorstellbar und pausenlos: laut, viel, chaotisch, schmutzig, intensiv, unübersichtlich, eng; habe ich chaotisch und viel (von allem: Menschen, Tieren, Gerüchen, Farben, Geräuschen, Staub, Lärm, Lächeln, Schreien, Hupen, Bellen...) schon erwähnt?!


2. Sie liegen am Ganges, der in Indien als heilige Flussmutter Ganga verehrt wird und einen Hinweis darauf gibt, wie dem ganzen Chaos zu begegnen ist: einfach ruhig weiterfließen, nicht anhaften, den Schmutz nicht die Essenz berühren lassen, das spirituelle Auge geöffnet halten (und die weltlichen - beide - fest zudrücken und nach innen richten, ohne die heran rasenden Roller ganz aus dem Blick zu verlieren).


Am Fuß des Himalaya, hoch im Norden Indiens, liegen Rishikesh und Haridwar. Neben allerlei westlich ausgerichteten Kaffees, Restaurants und Yogaschulen gibt es in Rishikesh zahlreiche Tempel und Ashrams, die daran erinnern, dass die Rishis – die Seher, Weisen und 'Meister-Yogis' – diese Stadt durchqueren, wenn sie zu ihren abgelegenen Meditations-Höhlen in den Bergen pilgern. Heute quillt die Stadt vor allem über von westlichen Yoga-Touristen. Die jungen Inder, die sich nicht allzu sehr für das Yoga, sondern eher für westlichen Lifestyle interessieren, gehen hier raften. Haridwar hat sich hingegen vor allem auf die Pilger eingestellt, die hier die zahlreichen Tempel aufsuchen und einen sog. „Ganga-Dip“, ein Bad im heiligen Fluss Ganges nehmen. Nahe an ihrer Quelle im Himalaya-Vorland ist Ganga auch noch vergleichsweise sauber – ganz anders als in Varanasi...



Reanimation in Varanasi


Varanasi ist eine der ältesten Städte – erbaut ca. 1200 v. Chr. (d.h. über 3000 Jahre alt!) – und heiligste Stadt Indiens. Was Rom für Christen und Mekka für Muslime ist, ist Varansi für Hinduisten – vor allem für die Anhänger Shivas, dem dionysischen Gott der Zerstörung und Erneuerung. In keiner anderen Stadt ist mir Shivas Lingam öfter begegnet. Ob die Stadt deshalb von dieser berauschenden Energie erfüllt ist, die mich – nach drei dunklen und körperfernen Monaten im Ashram – zurück ins pulsierende Erleben holte?


Selbst die zahlreichen Toten, die in diese Stadt kommen, werden noch vom Vibe der Stadt erfasst und durchlaufen hier ihre letzte Transformation. In Varansi öffentlich verbrannt und in Ganga beigesetzt zu werden, gilt als sicherer Weg Moksha, die Befreiung aus dem ewigen Kreislauf des Lebens, zu erlangen.


Doch die Asche der Verstorbenen ist nicht das einzige Treibgut, dass Mother Ganga, die die Stadt durchfließt, mit sich trägt. Auch gewaschen und gebadet wird im trüben Wasser von Ganga nach Herzenslust und in heiliger Ehrfurcht. Der Gesundheitsdiskurs, der bei uns tendenziell zu Überversicherung, lähmender Ängstlichkeit und Pseudo-Vernünftigkeit führt, lässt die Inder unbeeindruckt. Sie sehen hier statt trübem Wasser heiligen Nektar vorbeiströmen. Doch so groß meine Bewunderung für den kühnen Glauben auch ist – so ganz von der westlichen Sozialisation konnte ich mich nicht befreien und verzichtete daher auf ein Bad im Nektar der Unsterblichkeit.


Für die Rückkehr meiner Lebendigkeit reichte die bloße Anwesenheit in dieser atemberaubenden Stadt ohnehin. Früh morgens zog es mich am Ganges entlang: eine heilige Badestätte (sog. Ghat) reiht sich an die nächste, hinter jeder Biegung offenbaren sich neue Welten und Einblicke in längst vergangene Zeiten. Stundenlang spazierte ich in der Hitze dieser heiligen, im Dauernebel liegenden Stadt dahin, ließ mich treiben und mir hin und wieder von jungen Indern ihre Stadt zeigen. So kam ich in Ecken und Gassen, die ich alleine nie gesehen hätte – wenngleich mir bewusst war, dass ich das meinen Eltern niemals sagen dürfte (Hi mum, hi dad: alles gut gegangen!) und ich wohl auch jeder anderen jungen Frau von diesem Vor- bzw. Mit-gehen eher abraten würde. Naiv war mein Vertrauen in die Welt dennoch nicht: etliche Angebote lehnte ich ab und folgte nur jenen, bei welchen meine Intuition mir ein unzweifelhaftes 'yes, you can (trust)' zurief.


Die jungen Inder waren stolz auf ihre Stadt und fassten es als Ehre auf, für eine junge, westlichen Frau – die sich tatsächlich ganz ohne Begleitung in Ihre Stadt getraut hatte – den Stadtführer zu spielen. Ganz besonders glücklich waren sie, wenn Nachbarn den Weg kreuzten und sahen, welch wichtige Rolle sie im interkulturellen Dialog einnahmen. Tatsächlich waren sie sehr interessiert an meiner Sicht auf Indien, wenngleich ich erahne, dass der interkulturelle Austausch nicht die einzige Motivation für das Sightseeing war. Dennoch: Jeder meiner jungen Wegbegleiter war äußerst respektvoll, keiner der jungen Männer wollte Geld und jeder akzeptierte, wenn ich meinen Weg allein fortsetzen wollte.



Abends pilgerte ich (alleine bzw. so alleine, wie frau in Indien eben sein kann) zum Dashaswamedh Ghat, wo allabendlich ein spektakuläres Arati stattfindet. Unzählige Männer, Frauen, Kinder und Kühe versammeln sich an Gangas Ufer, um die Götterfamilie zu feiern: neben mother ganga besteht diese zum Beispiel aus Ganesha, dem elefantenähnlichen Gott, der als remover of obstacles gilt und daher beim Gebet immer zuerst angerufen wird. Auch Shivas Feuer spielt beim vedischen Zeremoniell eine große Rolle und wird von jungen Brahmanen-Priestern kunstvoll, im Takt des aus metallenen Lautsprechern erklingenden Gebetsgesangs, geschwenkt, dass die Menge in rhythmisches Klatschen versetzt.


Auch frühmorgens findet hier ein Arati statt. Anschließend wird traditionelles Yoga geübt, das mit dem Yoga, das wir im Westen kennen, nicht viel gemein hat. Frauen und Männer üben außerdem streng getrennt, die Männer deutlich in der Überzahl. Für die Morgentoilette können außerdem Neem-Tree-Sticks, die sich zerkauen lassen, so ihre antibakterielle Wirkung entfalten und dann als Zahnbürsten mit integrierter Zahnpasta fungieren, nebst heiligem Ganga-Wasser, erworben werden.



Wer tief in die Kultur Indiens eintauchen will, ist in Varanasi genau richtig. Tod und Leben reiben sich hier so eng aneinander, dass Spiritfunken entstehen, die alle Worte und Vorstellungen sprengen und mich sprachlos, voller Liebe für diese wundervolle Stadt, zurücklassen.



Innerhalb von zwei Tagen hat mich diese Stadt komplett überwältigt und für sich eingenommen – aber auch erschöpft von der schwülen Luft, dem Nebel, der Hitze und dem Tod wieder ausgespuckt. Länger als eine Woche in Varanasi zu verbringen, kann ich mir auch im Rückblick nicht vorstellen. Auch der schönste Rausch dauert nicht ewig. Ganga lehrt: Alles fließt. Panta rhei.



Und so flog ich von Varanasi weiter in Richtung Süden. Noch am Airport begegnete mir ein zauberhaft zartes, zerbrechlichen Wunderwesen, mit dem ich meinen letzten Tropfen Chai teilte. Im Gegenzug sorgte es dafür, dass der Flug, vor dessen Abflug mich eine eigenartige, nie dagewesenes Unruhe beschlich, kurz vor Start abgebrochen wurde und veranlasste, dass alle Passagiere in ein anderes Flugzeug umstiegen. Dem Himmel so nah...: Incredible Varanasi !


Über meine folgende Zeit in Kerala bei meinem Wiedergeburtshelfer David Garrigues berichte ich hier.

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