Ist der Feminismus ein Essentialismus?

Um die Frage zu beantworten, ob Essstörungen ein Ausdruck der Ablehnung von Weiblichkeit seien und wie das neuerdings wieder lauter gewordenen ‚Zurück zur Weiblichkeit-Aufrufe‘ eingeordnet werden kann, müssen wir uns zunächst darüber verständigen, was ‚Weiblichkeit‘ denn eigentlich ist.


Zunächst bietet es sich vielleicht an, Weiblichkeit als Gegenstück zur Männlichkeit zu begreifen. Wenn die Frau und der weibliche Körper gegen den Mann bzw. männlichen Körper ausgespielt und qua Biologie bestimmt wird, handelt es sich meist um eine Art von Essentialismus. Also der Annahme, dass es so etwas wie ein weibliches oder männliches Wesen tatsächlich gibt (als ontologische Entität). Im Zuge der 2. Welle des Feminismus war diese Vorstellung u.U. hilfreich. Mit dem Appel, den man als ‚Frauen der Welt, vereinigt euch‘ fassen könnte, übersah man jedoch, dass es DIE Frau gar nicht gibt. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, wusste Simon de Beauvoir; über die Konstitution und Performativität von Geschlecht klärt uns Judith Butler auf.


Wenn man also postuliert, dass Frauen diese fühlenden, spürenden, sinnlichen Yin-Wesen seien und Männer die rational-vernünftigen Yangs und dass frau sich also Kraft des Yoga etc. auf ihre weiblichen Qualitäten besinnen solle, die im Patriarchat unterdrückt würden und man sich nur dann zur ‚ganzen Frau‘ entwickeln könne, wenn man auch diese weiblichen Qualitäten entfaltet, verfestigt das eher bestehende binäre Geschlechterklischees, statt die Emanzipation, iS einer Befreiung, sich jenseits von trennenden Mauern entfalten zu können, voran zu treiben.


Die Qualitäten der Sanftheit, Rationalität und Sinnlichkeit etc. sind jenseits der binären Geschlechterkategorien zu denken (und dann selbstverständlich – je nach Gusto – zu entwickeln).


Eine Frau ist nicht ‚weniger Frau‘, weil sie sich ‚burschikos‘ kleidet, keine Eierstöcke, Brüste oder andere Geschlechtsmerkmale (mehr) hat, keine Kinder will oder einen ausgeprägten Willen zur Macht in sich verspürt, der es ihr verunmöglicht unbezahlte Haus-, Schönheits- und Carearbeit weiterhin nett und liebevoll, eben weiblich lächelnd zu verrichten ‚weil es doch in ihrer Natur liegt‘.


Die einem derartigen Essentialismus diametral gegenüberliegende (eher existenzialistische) Position, dass jedeR alles werden könne und muss und sich völlig frei entwerfen könne, ist selbstverständlich ebenso wenig hilfreich, da reale Grenzen unter dieser Perspektive erst gar nicht ins Blickfeld kommen. Ebenso machen Menschen, die sich als Frauen verstehen doch mitunter recht ähnliche Erfahrungen.


'Kultur' und 'Natur' sind vielmehr untrennbar miteinander verschränkt und bringen in ihrem Tanz die einzigartigsten Phänomene hervor. Daher lieber diese Vielfalt feiern, statt bestehende Mauern aus Angst zu verfestigen!


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