Intuitiv Essen ist die größte Lüge aller Zeiten

Intuitiv Essen ist die größte Lüge aller Zeiten

Kodo Sawaki, adapted


Fängt frau an, sich mit Zen zu beschäftigen, wird sie schnell auf den Zen-Meister Kodo Sawaki treffen, der mit Sätzen wir „Zen ist gut für nichts“, „Im Zen gibt es nichts zu erreichen“ oder eben: „Zen ist die größte Lüge aller Zeiten“ imponiert.

Was für Zen gilt, trifft auch auf das Intuitive Essen (IE) zu.


Ebenso wie wir bereits alle in der Gegenwart verkörpert sind (mithin diese nicht erst in der Meditation erreichen müssen, weil wir ohnehin nur Jetzt sind), ernähren wir uns bereits intuitiv. Ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Selbst Menschen mit Essstörung ernähren sich höchst intuitiv. Die Magersüchtige verweigert intuitiv das Essen, die Bulimikerin folgt ihrer Intuition bis auf die Toilette. Auch die Diätikerin folgt intuitiv einem Regelsystem. Und die emotionale Esserin folgt intuitiv ihren emotionalen Essimpulsen.


Intuition und Moral: das sind zwei unterschiedliche Phänomene.


Natürlich neigen wir Menschen des 21. Jhds noch dazu, unsere Handlungen ex post rational (und meist im Sinne des common sense) zu begründen. Danach gefragt, warum heute Abend keine KH zu sich genommen würden, mag manche antworten, weil dass so nicht auf ihrem Plan stehe oder sie sich das verboten hat. Warum aber sich an Pläne halten? Warum sich selbst etwas verbieten? Weil die Intuition meint, dass es richtig ist. Vielleicht gaben Pläne in der Traumazone (die tragischerweise immer noch viele als ComfortZone bezeichnen) Orientierung, Halt und ein Versprechen auf Sicherheit. Da ist es erstmal intuitiv richtig, sich daran festzuhalten, wenn man denkt, dass man sonst untergeht.


Protect me from what I want


Wir handeln stets höchst intuitiv – weil wir gar nicht anders können. Nur ist uns das eben selten bewusst, weil wir, unter altem Paradigma sozialisiert, noch meinen, dass unsere Entscheidungen rational-transparent für uns und mit uns als Entscheidungschef ablaufen würden. Dass das nicht so ist, wissen wir seit über 100 Jahren (der sog. Osten war da im Übrigen knapp 2500 Jahre früher dran.. naja, besser spät als nie :).

Hier zeigen jedenfalls Ergebnisse aus Psychoanalyse und Neurowissenschaften in die gleiche, eindeutige Richtung. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der 3. Kränkung der Menschheit:


Erst musste der Mensch ertragen, dass die Erde (und mithin er selbst) nicht Mittelpunkt des Universums ist (Kopernikanische Wende), dann soll er auch noch vom Affen abstammen (vgl Darwin und co) und nun wir ihm noch zugemutet, dass er noch nicht mal Herr im eigenen Haus ist, sondern von ubw Trieben und polyvalenten Motivlagen beherrscht wird (vgl Freud)! Diese Erkenntnis macht v.a. den kontrollfixierten westlichen Herren (und sicher auch einigen Frauen..) Angst. V.a. auch den Mainstream-PsychologInnen und anderen Verhaltenswissenschaftlerinnen (vgl Devereux). Diese wehren diese Erkenntnis daher (ubw) ab und halten weiterhin an ihren Handlungsmodellen starker Autonomie fest. Ein Paradigmenwandel braucht Zeit. Das war bei der kopernikanischen Wende nicht anders.

Zurück zu IE und uns heutigen:

Mit neuem Paradigma wird deutlich, dass es bei intuitiver Ernährung nichts zu erreichen gibt, weil wir es ohnehin tun. Das, so hoffe ich, kann nun für Entspannung bei all jenen sorgen, die sich zB als essgestört identifizieren und das Ziel „IE“ als nächstes zu erreichendes Ziel auserkoren – und sich damit im selben Atemzug wieder einen Vergleichsmaßstab und Ichideal ausgesetzt – haben. IE wird dann einfach zur nächsten Karotte, die dem Esel vor der Nase baumelt. Der Esel kann nur scheitern. Daher ist es besser, die Karotte ganz abzuschneiden. Dann hört auch das Rennen im Kreis auf.


Diese, zugegeben wieder mal etwas gegen den common sense gebürstete Perspektive auf IE kann dann, hat sich der Schwindel vom Im-Kreis-Irren erstmal gelegt, als Ausgangspunkt genommen werden, um neugierig auf die eigene bzw. das Phänomen Intuition zu werden: warum verbiete ich mir KH am Abend? Vielleicht auch weil man das mal in einer Frauenzeitschrift gelesen hat, dies ‚in die Intuition gesickert ist‘, diese mit-beeinflusst hat, aber man dieses Wissen nie wirklich hinterfragt hat. IE, so wie ich es verstehe, führt also zum Hinterfragen von Wissen und Bauchgefühl. Vielleicht stellt frau dann sogar fest: KH kennen ja gar keine Uhrzeit! Statt zu sagen, was richtig ist (und jedes ‚IE Konzept‘, dass das tut, ist nur ein neues Dogma), kann IE so zur Dekonstruktion und Selbst-Erkenntnis einladen.


Andere Fragen - als die nach der Chronobiologie von KH - sind nicht so leicht zu beantworten: wozu verbiete ich mir Essen fast komplett? Warum ist die Vorstellung von Essen bzw. etwas in mir zu haben, so Angst-besetzt? Woher kommt die Panik, Nahrung in mir zu spüren? Das sind Fragen, die keine einfache Antwort haben. Aber es lohnt, sie zu stellen. Wenn IE dazu einlädt, diese Fragen zu stellen, sich diesen Fragen zu stelle und sich und seine Intuition also dermaßen in Frage stellen zu lassen, finde ich das allemal besser als Versuche, seine Intuition umzutrainieren. Dann sich doch lieber von einer der größten Lüge aller Zeiten immer weiter ent-täuschen lassen. Frei werden von Täuschungen. Das wäre doch was! Vielleicht kann dann auch ein bisschen Wahrheit hindurchscheinen.

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