III Ashram-Lifestyle in Nordindien: I am still an Asana-Lover

Nach einem frühen Tagesbeginn, neigt sich der Tag langsam dem Ende entgegen. Statt aktiver Körperpraktiken stehen nun philosophische Studien und kontemplative Versenkung im Vordergrund.


17:00 – 18:00 Ayurveda/ Yoga Philosophy/ Bhagavad Gita/ Yoga Sutra


Ayurveda: Die uralte ‘Wissenschaft vom Leben‘ und Schwesterwissenschaft des Yoga war für mich eine absolute Offenbarung. Das lag mitunter an der beeindruckenden Ayurveda-Lehrerin, aber auch an dem unfassbar holistischen System, das ebenso komplex wie simpel, für mich absolut stimmig ist und in Indien, ebenso wie das Yoga und westliche Wissenschaften, regulär an Universitäten studiert werden kann. Ein Grundgedanke des Ayurveda ist, dass sich der Makrokosmos im Mikrokosmos widerspiegelt (et vice versa). Durch die unterschiedliche Zusammensetzung der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum ergeben sich die drei Grundkonstitutionen (Doshas) Kapha (Erde und Wasser), Pitta (Wasser und Feuer) und Vata (Luft und Raum), deren Ausprägung die Konstitution des Menschen, also sein jeweiliges Temperament, seinen Typ, bestimmen. Wohlbefinden und Gesundheit entsteht, wenn man im Einklang mit seiner Konstitution und der sich ständig wandelnden Umwelt lebt. Eine statische 'one fits all'-Lösung, Standard-Therapie und starre Lebensregeln sind im Ayurveda daher, bis auf wenige Ausnahmen, undenkbar. Medikamente werden grundsätzlich an das Individuum angepasst, eine Therapie körperlicher Leiden bezieht auch immer den Lebensstil und -kontext des Patienten ein.

Die Bibliothek des Ashrams - einer der wenigen Orte mit erhöhten Sitzgelegenheiten

Yoga Philosophy: Yoga ist nur eine der sechs klassischen Schulen (Darshanas) der indischen Philosophie. Die anderen Schulen sind Samkhya, Nyaya, Vaisheshika, Mimamsa und Vedanta. Samkhya ist eine mit dem Yoga und Ayurveda eng verwandte, und ebenfalls dualistische Philosophie, die davon ausgeht, dass die Welt aus 24 Elementen zusammengesetzt ist (prakriti), wohingegen die ewige Weltenseele (purusha) vom Tanz der Elemente unbeeinflusst ist. Demgegenüber geht die Tantra-Philosophie (die nicht zu den sechs klassischen Schulen zählt) von 31 Elementen aus. Dem Vedanta unterliegt wiederum eine monistische Philosophie.


In Indien ist es kein Problem, mehrere Philosophierichtungen in sich zu vereinen: wir leben in einer dualistischen Welt, die zunächst verstanden werden will. Hierfür eignet sich v.a. das (Hatha-)Yoga, das Tantra und das Samkhya. Im Reich der Materie wird die Balance, aber nicht die Aufhebung, zwischen den (dualen) Elementen und Energien angestrebt und mit den Gegensätzen gespielt. Im Reich des Geistes gibt es hingegen keine Gegensätze, weshalb im königlichen Raja-Yoga ('raj', das Königliche) und im Vedanta die geistige Kontemplation, Versenkung und Verschmelzung mit dem Meditationsobjekt, also der Aufhebung der Gegensätze zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Ich und Welt, geübt wird.

Bhagavadgita: Die Bhagavadgita, der Gesang (gita) des Erhabenen (bhagavad), ist Bestandteil des großen indischen Epos Mahabharata. Glücklicherweise hat in Indien die Schrift – und damit der Siegeszug des Visuellen – noch nicht ganz die orale Erzähltradition verdrängt. Und so lauschten wir bei Kerzenschein, im Halbkreis und Halbdunkel um unserer Lehrerin sitzend ihrem wahrlich erhabenen Gesang der Verszeilen (shlokas) und ihrer lebensbejahenden und ermutigenden Übersetzung und Interpretation des Gesprächs zwischen Krishna und Arjuna. Sanskrit ist eine wundervoll melodische Sprache, die aus reinem Herzen gesungen einfach magisch wirkt – und vielleicht auch ist. Ich – und alle um mich herum – waren nach der Stunde einfach verzaubert. Der Inhalt der Bhagavadgita ist ebenso bewegend und hat schon große Denker wie Schlegel und Schopenhauer zum Träumen gebracht. Für Gandhi war sie essenziell. Wilhelm von Humboldt soll über die Bhagavadgita geschrieben haben, dass sie das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht sei, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben. So ist es im Vorwort der Übersetzung von Helmuth von Glasenapp zu lesen, die zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört. Ich lege jedem dieses knapp 100-seitige Reklamheftchen ans Herz. 4 € sind selten so gut investiert wie in dieses Büchlein.



Yoga Sutra: Die Yoga Sutras von Patanjali gehören ebenfalls in den Kanon klassischer Yoga-Literatur. In seinen Sutras (übersetzbar als 'verdichtete Formeln') fasste Patanjali ca. 200 n. Chr. das schon damals alte und bewährte ‚bulletproof‘ Wissen der Yogis systematisch zusammen und zeigt einen achtfachen Pfad zur Klärung des Geistes und Erreichung von Samadhi (Absorbtion) und Kaivalya (Befreiung) auf. Ganz pragmatisch wird dabei im 'Außen' angesetzt und zunächst mit sichtbaren Verhalten (Yama und Niyama), dem Körper (Asana) und dem Atem (Pranayama) gearbeitet, bevor sich dann (mittels Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi) nach 'Innen', ins Reich des Geists und des Unsichtbaren gewagt wird.

Patanjali gibt zahlreiche Hinweise darauf, welche Gefahren in diesem Reich lauern, mit welchen Hilfsmitteln und Meditationstechniken diesen begegnet werden kann und welche Siddhis (Schätze und Superkräfte) dort darauf warten, gefunden zu werden.

Die Sutras sind keine religiöse Schrift. Zwar regt Patanjali an, dass Gott bzw. eine höhere Entität als man selbst es ist, als Meditationsobjekt besonders geeignet ist – die Konzentration auf eine Kerze, ein Mantra oder den eigenen Atem ist jedoch ebenso zielführend.


Die Sutras werden seit ihrer Entstehung rege interpretiert. Mit der Auslegung der Sutras durch den Vorsteher der Ashrams konnte ich mich allerdings nur wenig anfreunden. In der Auseinandersetzung mit zahlreichen anderen Interpretationen und eigenen Überlegungen, lese ich die Sutras heute als lebenspraktische Anleitung zum Umgang mit bzw. zur Beruhigung des Geistes. Für mich sind die Sutras eine Wissenschaft über die Natur des Geistes, eine echte 'Geistes-Wissenschaft' – die es so im Westen (noch) nicht gibt (da die (empirische) Erforschung geistiger Phänomene aufgrund des Introspektions- bzw. Qualiaproblems aus dem Mainstream der Naturwissenschaften ausgeschlossen werden. Fündig wird frau allenfalls in der Phänomenologie oder bei William James).


18:00 – 19:00 Abendessen

Das Abendessen ähnelte dem Mittagessen – sowohl hinsichtlich Form (sitzend auf dem Boden eingenommen) als auch Inhalt, der unter westlicher Brille als ‚Kohlenhydrate und Fett‘ subsumiert werden kann. Hypertrophe Protein-JüngerInnen geraten da schonmal in große Verzweiflung, da auch außerhalb des Ashrams keine 'figurfreundliche' Nahrung erworben werden konnte. Selbst Haferflocken suchte ich vergeblich!


Glücklich sind diejenigen, die nicht nur einen materiellen, sondern auch einen energetischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Körper ihr eigen nennen. Mit östlichen Augen betrachtet, leuchtet uns Prana-reiche Nahrung als bekömmliches Geschenk der Götter, als Symbol der Fülle und des Reichtums der Erde, entgegen. Die Kalorienlehre tritt in Indien zugunsten einer lebensfreundlichen, ganzheitlichen Perspektive in den Hintergrund, die um das Zusammenspiel zwischen Körper, Geist, Seele und Umwelt weiß, welches numerisch nur schlecht abgebildet und verstanden werden kann. Auch bei der Bestimmung der 'Makronährstoffe' wird über den Tellerrand geblickt: nicht Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß spannen das Universum auf, sondern die drei Gunas (Qualitäten) Sattva (Leichtigkeit, Licht, Klarheit), Tamas (Trägheit, Dunkelheit, Stabilität) und Rajas (Bewegung, Energie, Rastlosigkeit) bilden die Grundlage des Seins.

19:00 – 20:00 Arati

Der Tag wird am Feuer begonnen und mit Feuer, diesem gewaltigen Element der Reinigung und Transformation, verabschiedet – ähnlich dem großen Feuerball der uns tagtäglich morgens begrüßt und uns abends verabschiedet, wenn wir uns auf unserer Erdbahn von ihm ab- und der Mondruhe zuwenden.


Yoga ist mehr als Asana


Wie anhand des Stundenplans deutlich geworden ist, ist Yoga weit mehr als 'nur' Asana-Praxis. Yoga umfasst auch andere Praktiken, wie beispielsweise Reinigungspraktiken (Shatkarma), Atemtechniken (Pranayama) oder Meditationspraktiken (Dharana, Dhyana). In aller erster Linie ist Yoga also eine Praxis: um zu erfahren, was es ist, muss es am eigenen Leib erlebt werden. Das Studium der überlieferten Schriften sowie die Anleitung durch einen Lehrer ist ungemein hilfreich, die Praktiken zu erlernen und einzuüben. Letztlich ist jedoch die eigene Erfahrung entscheidend. Da diese immer subjektiv ist, gibt es heute zahlreiche Interpretationen sowie Diskurse und Diskussionen darüber, was Yoga eigentlich ist. Eine allgemein gültige Definition von Yoga gibt es – auch in Indien – nicht.

Ich habe im Ashram daher nur eine der zahlreichen Interpretation kennen gelernt, die aufgrund der Abwertung des Körpers nicht die meine ist. Da die Menschen glücklicherweise verschieden sind, kann ich andere Interpretationen des Yoga aber zumindest nachvollziehen und ebenso gelten lassen. Umgekehrt galt dies leider nicht. Je länger ich im Ashram war – und damit auch je deutlicher die unterschiedlichen Auffassungen zu Tage traten – desto mehr wurde sowohl meine Auffassung des Yoga, ich als Person sowie pauschal der ganze Westen als 'spirituell minderwertig' abgewertet. Zweifellos gibt es verschiedene Entwicklungsgrade zwischen den Menschen – doch wer kann sich anmaßen, diese zu beurteilen? Die Abwertung Anderer zugunsten der eigenen Selbsterhöhung ist für mich jedenfalls kein Zeichen von (spiritueller) Reife.

Spiritueller vs. Materieller Eskapismus


Ferner bietet sich ein Ashram natürlich als Rückzugsmöglichkeit vor der ‚realen‘ Welt an. Hinter geschützten Mauern muss man sich nicht mit dem weltlichen Treiben und materiellen Existenzsorgen beschäftigen. Das kann geballte Energie für geistige Höhenflüge freisetzen. Grundsätzlich bin ich daher spirituellem Eskapismus viel positiver gegenüber eingestellt als materiellem Eskapismus, wie er sich in Netflix- oder Konsumräuschen äußert.


Entscheidend ist, aus welcher Motivlage die Weltflucht gewählt wird: aus Angst in der Welt nicht bestehen zu können (die oftmals mit Minderwertigkeitsgefühlen und Neid korreliert) oder aus Liebe zum Leben, das in der Höhle mitunter intensiver genossen werden kann als im Neonlicht der Großstadthektik. In einem Ashram lassen sich Vertreter beider Motivlagen finden. Erstere – Nietzsche nannte sie die „Guten und Gerechten“ – kann man meist an der Verurteilung der weltliche Welt und allem Willen und Wollen erkennen, wohingegen die Höhlenekstatiker per se nichts gegen das ewig gleiche Schauspiel des weltlichen Treibens einzuwenden haben, es nur grade für sich persönlich und der Balance wegen, gegen eine Schatzsuche im Inneren eingetauscht haben.


Bei einem Blick hinter die Kulissen wird außerdem schnell deutlich, dass sich die Welt auch aus einem Ashram nicht völlig aussperren lässt. Ich hatte oft den Eindruck, dass es im Ashram oft noch viel weltlicher und menschlicher, ja geradezu allzu menschlich zugeht: Tratsch und Klatsch, geheime Liebesaffären und Eifersüchtelein spielten sich innerhalb der Ashram-Mauern ebenso – und vielleicht sogar noch ein wenig intensiver und geballter ab – als außerhalb der Mauern.


Zu Besuch in einer echten 'Yogi-Höhle'


Namaste

Und so bin ich heute einerseits sehr dankbar, für all die Begegnungen, die ich im Ashram machen und die Erfahrungen, die ich hier sammeln durfte. Ganz zweifellos wurden mir zahlreiche neue Perspektiven auf das Phänomen Yoga eröffnet. Wie wirkmächtig einige von ihnen sind, begreife ich erst im Nachhinein. Außerdem habe ich – ex negativo – deutlich erkannt, welche Perspektiven nicht die meinen sind und wie wichtig mir ein freies Leben außerhalb von (Denk-)Mauern ist. Das gemeinsame Durchlaufen dieses Erkenntnisprozesses war weder für die Ashram Community noch für mich leicht und die Trennung verlief nicht ohne Schmerz auf meiner Seite.

Letztlich gehe ich gestärkt aus dieser Zeit hervor, da sich in diesem Feuertest der innersten Selbst- und Weltanschauungen nur die stabilsten Überzeugungen halten konnten. Ganz deutlich hat sich dabei für mich herauskristallisiert, dass spirituelle Versenkung für mich immer in affirmativer Vereinigung mit meinem Körper geschieht.

It's okay to be an Asana-Lover

Diese körper- und lebens- bzw. lebendigkeitsbejahende Interpretation des Yoga teile ich glücklicherweise mit anderen erfahrenen Yogapraktizierenden und -meistern. So sollte ich nur wenige Tage nach meinem Aufenthalt im Ashram den Lehrer David Garrigues in Südindien finden, der in seinen ersten Philosophy-Talks darüber sprach, wie wunderbar es ist, ein „Asana-Lover“ zu sein. Freude und Spaß an der körperlichen Yogapraxis sind kein Zeichen 'spiritueller Minderwertigkeit', sondern können dazu eingesetzt werden, die Asana-Praxis soweit auf die Spitze zu treiben, dass sie zur moving meditation wird. Yoga ist zwar mehr als Asana, aber in jedem Asana, ist alles Yoga enthalten.



Doch bevor ich den Weisen aus den USA in Kerala fand, besuchte ich einige von Indiens heiligsten Städten – und fand in Varanasi zurück ins Leben. Meine Re-animations-Erfahrung schildere ich hier.

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