II Ashram-Lifestyle in Nordindien: Yoga ist mehr als Asana

Kaum habe ich den Studienabschluss in der Tasche, den Mietvertrag gekündigt, die Möbel verkauft und meine Wohnung aufgelöst, steige ich in das Flugzeug Richtung Delhi. Ziel ist ein Ashram, der fünf Autostunden von Delhi entfernt, im sog. Ashram-Belt zwischen Rishikesh und Haridwar liegt. Hier, wo Ashram neben Ashram liegt, am Fuße des Himalayas, will ich meine jahrelange Yogapraxis vertiefen und eine 500h-Ausbildung zur Yogalehrerin machen. Der Ashram versprach einen Einblick in die uralte Tradition des Yoga zu geben und warb mit einer körperlich herausfordernden Ausbildung mit bis zu sechs Stunden Training am Tag. Genau das, was ich suchte!

Ashram_Mypersonalyogini

Doch die indischen Götter hatten offenbar anderes mit mir vor. Herausfordernd war die Zeit im Ashram allemal – nur ganz anders als ich mir das vorgestellt hatte. Noch verband ich mit dem Begriff 'Yoga' vor allem eine Körperpraxis und war weit mehr an den Asanas (den Körperpositionen des Yoga) interessiert als an Mantra und Meditation. Ich hatte keine Ahnung davon, dass grade meine geliebte Körperpraxis, die ich in Südindien ein paar Monate zuvor noch intensiv vertiefen konnte, im Ashram kein hohes Ansehen genoss. Die ganzheitliche Einführung in das Yoga, die ich im Ashram erlebte, ließ mich meine Einstellung gegenüber dem Yoga überdenken. Wie und warum ich letztlich dennoch am körperleiblichen Erleben als Weg zur Erfüllung festhalte, beschreibe ich in den folgenden beiden Artikeln.



Yoga almost 24/7


Ein typischer Tag im Ashram beginnt morgens um 4 Uhr und endet abends gegen 8 Uhr. Für angehende YogalehrerInnen hatte die Ashram-Crew ein tagfüllendes Yogaprogramm zusammengestellt. Um von der internationalen Yoga Alliance zertifiziert zu werden (um entsprechende Urkunden an ‚fertige‘ Yogalehrer ausstellen zu dürfen), müssen allerlei Auflagen erfüllt und u.a. ein Stundenplan ausgewiesen werden. Die Vorstellung, man könne das Yoga in nur wenigen Monaten erlernen und dafür auch noch ein (amerikanisiertes) Zertifikat erhalten, ist nicht nur für viele der alten Yoga-Meister sehr befremdlich. Die alten Meister haben ihr ganzes Leben dem Yoga gewidmet und erhielten die Erlaubnis bzw. Anweisung zum Unterrichten persönlich von ihrem Guru. Andrerseits fängt jeder mal klein an und um die Kostbarkeit des Yoga weiterzugeben, kann es eigentlich gar nicht genug Lehrer geben. Einen authentischen Yogalehrer zeichnet ohnehin vor allem seine eigene, konsistente Übungspraxis aus.

Eine moderne Yogaausbildung, die das Yoga ernst nimmt – und das war im Ashram zweifellos der Fall – steht also vor der Herausforderung, den Spagat zwischen Tradition und den Anforderungen der Moderne zu schaffen. Wie gut, dass Yoga die Hüfte so flexibel macht!

Die Kombination aus regulärem Ashram-Betrieb und den Anforderungen einer modernen Yogalehrer-Ausbildung, führte zu einem vollen Stundenplan, der für mich drei Monate lang wie folgt aussah:


4:00 – 5:00 Arati

Eine vedische Feuer-Zeremonie, die täglich morgens und abends praktiziert wird und das Singen von heiligen hinduistischen Texten umfasst.

Die Feuerstellen des Ashrams, um die sich morgens und abends die Ashram Community versammelt. Zu Voll- und Neumond werden hier zusätzliche Zeremonien abgehalten, um die neuen Zyklen einzuleiten. Neben dem Mond spielt auch die Astrologie in Indien eine große Rolle.


5:00 – 6:00 Shatkarma und Suksma Vyayyam

Shatkarma sind yogische Reininungstechniken, die alle Körperöffnungen durchspülen. Die bekannteste ist Neti, die Nasendusche.


Suksma Vyayyam ist eine indische Gymnastikpraxis zur Gelenksmobilisation und für den freien Prana-Flow.


6:00 – 7:00 Pranayama, Pratyahara und Meditation

Pranayama: Unter Pranayama werden yogische Atemtechniken verstanden. Mit Prana wird – ähnlich dem chinesischen Qi bzw. Chi – die Lebensenergie bezeichnet, die im Atem (und in der Sonne, und – darüber – in frischen Nahrungsmitteln) enthalten ist. Das leuchtet ein: ohne Atem, kein Leben. Ayama kann mit Ausdehnung übersetzt werden, yama mit Kontrolle. Pranayama ist also eine Form sich mit der Lebensenergie auseinanderzusetzen und die Kunst, diese zu kontrollieren. Dies befähigt geübte Yogi-Meister beispielsweise dazu, willentlich ihren Herzschlag für mehrere Minuten bis Stunden zum Stillstand zubringen – und ihr Herz anschließend wieder erfolgreich zum munteren Schlagen zu animieren.


Außerdem sind Atem und Geist untrennbar verbunden – wie, so heißt es treffend in der Hatha Yoga Pradipika: Milch und Wasser. Daher kann durch Kontrolle des Atems indirekt Einfluss auf den Geist genommen werden – der ohnehin niemals direkt kontrolliert werden kann. Oder versuchen Sie einmal, lieber Leser, ab jetzt für die nächsten 2 Minuten an absolut nichts zu denken. Zu schwierig? Dann ein neuer Versuch: konzentrieren Sie sich ganz auf Ihren Atem. Versuchen Sie zu spüren, wie er ganz ohne Ihr Zutun in Ihren Körper strömt (wohin eigentlich? Können Sie ihn eher in der Nase spüren? In welchem Nasenloch? Oder empfinden Sie eher ein Rauschen in der Kehle? Dem Brustkorb? Oder bemerken Sie, wie sich ganz entspannt die Bauchdecke hebt?), kurz in Ihnen verharrt, wieder ausfließt, erneut eine kurze Pause einlegt, geduldig wartet, bis er erneut eintritt... Je öfter Sie üben, Ihren Atem zu beobachten, desto leichter können Sie Ihren Geist an den Atem binden. Im Hintergrund können Sie dann das süße Nichtstun genießen, während der Geist-Atem-Rhythmus ganz ohne unser Zutun weiterläuft.


Pratyahara: Als Vorbereitung auf die Meditation wird mit der Praxis des Pratyahara die Kontrolle bzw. das Zurückziehen der Sinne geübt. Um sich auf ein Meditationsobjekt konzentrieren zu können und Eka Grata (single-pointed consciousness) zu entwickeln, ist es wichtig, sich nicht von äußeren Reizen ablenken zu lassen. Wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, werden die Sinne in sich selbst zurückgezogen und der Kontrolle des Geists unterstellt.


Meditation (Dharana, Dhyana, Samadhi): Die Konzentration auf einen Gegenstand, z.B. eine Kerze oder den eigenen Atem – so wie wir das grade geübt haben – beruhigt den Geist. Im Gegensatz zur Praxis des Pranayama, bei welcher noch eine gewisse aktive Kontrolle des Atems erfolgt (beispielsweise könnten wir versuchen die Pausen zwischen der Ein- und Ausatmung zu verlängern), steht während der Meditation zunehmend das reine Gewahrsein im Vordergrund.

Zunächst wird mit 'aktiver' Konzentration und Kontrolle das Meditationsobjekt im Bewusstsein gehalten (Dharana). Auf diese Weise beruhigt sich der Geist und die Gedanken werden langsamer und langsamer, bis sie allmählich ganz verebben und Platz machen für eine weitende Stille und das Reich hinter den Worten. Zunehmend tritt 'passives' Gewahrsein ein (Dhyana) und frau wird Beobachterin ihres eigenen Konzentrationsprozesses. Wird von dieser (höheren) Regentinnen-Bewusstseinsstufe aus (der Fokus auf) das Meditationsobjekt losgelassen, gibt es nur noch reines Bewusstsein (Samadhi) und die Trennung zwischen Subjekt und Objekt existiert nicht mehr. Der Zustand des Yoga ist eingetreten und wir können verstehen, warum Yoga vielfach als "Vereinigung" übersetzt wird (abgeleitet von 'yog', etwas anjochen, addieren, zusammenführen).


7:30 – 9:30 Hatha-Yoga-Asana-Praxis

Im Hatha-Yoga wird eine Balance zwischen ‚ha‘, der männlichen Sonnenenergie und ‚tha‘, der weiblichen Mondenergie angestrebt (ähnlich dem chinesischen Yin & Yang). Die Energie fließt im Körper durch Nadis (Energiekanäle, vergleichbar den chinesischen Meridianen), die mittels verschiedener Körperpraktiken manipuliert werden können. Die Asana (und Pranayama-Übungen) dienen auf energetischer Ebene dazu, Blockaden in den Nadis aufzulösen, sodass ein freier Energiefluss entstehen kann, der dann unter Zuhilfenahme von Mudras (Energieverschlüssen) zu höheren (meditativen bis hin zu ekstatisch erlebten) Gleichgewichtszuständen und Samadhi führt.

Das Körpermodell im Hatha-Yoga. Die Nadis (hier rot und blau dargestellt) kreuzen sich in 7 Chakren.

Mit dem Begriff Hatha-Yoga werden – in Abgrenzung zu Yogastilen, welche sich ausschließlich auf die Schulung des Geists konzentrieren – vor allem jene Stile bezeichnet, die primär Körpertechniken als Werkzeug zur Erleuchtung einsetzen. Heute haben sich diese körperlichen Yoga-Stile auf die Asana-Praxis als primäre Körpertechnik fokussiert und weiter ausdifferenziert in eher dynamische Stile wie das Ashtanga Vinyasa Yoga (das aber ebenfalls 'Hatha' ist, weil es auf den Körper fokussiert) und statische Stile, die weiterhin als Hatha-Yoga bezeichnet werden.


Im Ashram wurde ein eigenes Yoga-System entwickelt, in welchem die Asanas statisch gehalten und lange Pausen zwischen den Asanas gemacht werden, weshalb die Praxis als "Hatha" bezeichnet wurde. Bemerkenswert ist, dass das Yoga-Asana-System des Ashrams zwar eigens vom Vorsteher des Ashrams neu entwickelt wurde, aber ihm qua seiner Herkunft eine höhere Legitimität zugesprochen wurde, das wirklich wahre, traditionelle Yoga treuer wiederzugeben als andere Stile. Dieser Autoritätsanspruch der eigenen Interpretation von Yoga ist repräsentativ für den Konkurrenzkampf, der in der modernen Schulenvielfalt des Yoga herrscht und zeigt, dass es so etwas wie das eine, wahre, 'traditionelle' Yoga – auch in Indien – schlicht nicht gibt.


Ich konnte dem Asana-Stil, der im Ashram vermittelt wurde, leider nicht viel abgewinnen, da er vor allem auf Yoga-Anfänger fokussierte, welche die Praxis durchaus als körperlich anspruchsvoll erlebt haben mögen. Allerdings bedarf es, um auch die Pausen zwischen den Asanas als meditative Pausen zu verstehen und nicht in bloßes 'mind-wandering' zurückzufallen, einen geschulten Geist, den gerade Anfänger oft noch nicht mitbringen.

Eine über die Beherrschung der 'Asana-basics' hinausgehende Verfeinerung der Körperkontrolle und - wahrnehmung wurde im Ashram nicht nur nicht angestrebt, sondern auch als Ausdruck eines 'großen Egos' und 'spiritueller Minderwertigkeit' verurteilt. In diesem Sinne war das im Ashram vermittelte Yoga-Asana-System also keinesfalls 'Hatha'.


9:30 – 10:00 Frühstück

Das Frühstück bestand meist aus einem sehr süßen Getreidebrei oder einer Art herzhaftem Palatschinken/Pfannkuchen.


10:30 – 11:30 Karma Yoga

Karma Yoga bedeutet eigentlich 'Yoga der Tat' und ist – neben dem Pfad des Wissens, der Hingabe und der Geisteskontrolle – einer der vier Wege um den Zustand des Yoga, also die Vereinigung von Körper, Geist und Seele, zu erreichen. Im Karma-Yoga fokussiert man auf die Handlung selbst, ohne auf die Ergebnisse zu schielen. Diese Achtsamkeit auf das Jetzt begünstigt Flow-Zustände, in welchen Handelnder, Behandeltes und Handlung verschmelzen und zur Einheit werden. Karma Yoga kann während der Asana-Praxis geübt werden – oder beim Fegen des Hofes, dem Wischen der Böden oder dem Ausmisten des Kuhstalls. Ausgelobt war Karma Yoga als ‚Selfless Service‘ im Ashram auf freiwilliger Basis – in der Realität war die Serviceleistung semi-freiwillig: implizit (durch gruppendynamisches Verhalten), aber auch explizit (mittels Ermahnung von den LehrerInnen), herrschte ein hoher Druck sich regel- und gruppenkonform zu verhalten.


11.30 – 13:00 Anatomie/ Sanskrit/ Yantra Painting

Anatomie: Neben allgemeiner Anatomie lag der Fokus darauf, welche Rolle die Knochen, Muskeln, Sehnen, Gelenke sowie die verschiedenen Kreislaufsysteme (Atmung, Hormone, Lymphe, Nerven etc.) bei der Asana- und Pranayama-Praxis spielen und wie diese durch das Yoga gezielt beeinflusst werden können. Dem Yogalehrer selbst war Anatomie fremd. Er verstand die Asanas vor allem unter energetischen Aspekten, die wiederum für so viele von uns im Westen zunächst unverständlich sind – bis wir sie selbst erlebt haben.


Den Anatomie-Unterricht übernahm daher eine Yogalehrerin, die in beidem eine Meisterin war und sowohl ein umfangreiches Wissen über den materiellen Körper hatte, aber auch ein Verständnis vom Un-Sichtbaren – aber nicht Un-Erlebbaren und daher ebenso wirklichen – energetischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Dimensionen des Körpers hatte, die im Yoga als Körperhüllen, sog. 'Koshas', bezeichnet werden. Im Deutschen haben wir statt fünf Körperhüllen immerhin zwei Begriffe – Körper und Leib –, um zwischen dem objektiven Körper-Haben und dem subjektiv fühlbaren Leib-Sein differenzieren zu können. Faszinierend war für mich auch die ayurvedische Sicht auf die verschiedenen Kreislaufsysteme des Menschen, die glasklar deutlich macht, dass der Mensch ein ganzheitliches, in verschiedene Kontexte eingebettetes Wesen ist und daher auch nur als solches verstanden und geheilt werden kann.


Sanskrit: Die ‚Sprache der Götter‘ reicht weit bis 1500 v. Chr. zurück und wird heute mittels der Devanagarischrift verschriftlich. Gemäß der Überlieferung haben die alten Yogis das Sanskrit in ihren Meditation empfangen. Jeder Laut schwingt anders, die Zusammensetzung der Laute zu Silben und Mantra berühren den leiblichen Körper von Innen auf je eigene Weise. Das A entstammt der Tiefe des Unterleibs, des U entschwingt dem Hals und das M summt zwischen den Lippen – so wird der ganze Körper durchmassiert, im Klang des Universums: AUM bzw. OM. Ein anderes bekanntes – und mein derzeitiges Lieblingsmantra – ist das Gayatri Mantra: ein Loblied auf das Licht der Sonne.


Yantra Painting: Yantras sind geometrische Diagramme, die traditionell mit Zirkel und Lineal angefertigt werden. Das Zeichnen erfordert höchste Konzentration. Fertige Yantras dienen der Meditation. Grundsätzlich symbolisieren nach oben zeigende Dreiecke den männlichen Pol und unendliches Bewusstsein (Shiva), nach unten gerichtete die weibliche, kosmische Energie (Shakti).


13:00 – 15:00 Mittagessen und Hausarbeit

Das Mittagessen wurde schweigend und - wie auch jegliche Unterrichtsstunde - auf dem Boden sitzend, eingenommen. Es gab: Chapati (Fladenbrot) und Reis, dazu Dal (Linsen) oder Gemüse in Öl; bei Zeiten ein bisschen frischer Salat. Anschließend blieb Zeit, Wäsche zu waschen (selbstverständlich per Hand), Hausaufgaben zu machen, Präsentationen für Zwischenprüfungen vorzubereiten und um für die Abschlussprüfung zu lernen.


15:00 – 15:30 Chai Tee Time

Inder lieben ihren Masala Chai, der mit viel Jaggery (unraffinierten Zucker) und Milch zubereitet wird. Als ich eines Tages bei der Herstellung dabei war, fiel mir angesichts der beigemengten Zuckermenge fast die Teetasse aus der Hand. Wie mir die Köchin erklärte, ist Jaggery jedoch sehr gesund – also kein Grund zur Beunruhigung.

Zucker gilt zudem als förderlich für die Erleuchtung, da er die Person auch innerlich süß und sattvisch (lichtvoll, erhaben) macht. Auch Milch und Milchprodukte der heiligen, sanftmütigen Kühe gelten als sattvisch und sind in Indien sehr beliebt. Das gilt v.a. für das Ghee, die geklärte Butter, die eine der wenigen ayurvedischen 'Allzweckwaffen' ist.

Die Qualitäten von Tamas (Ruhe, aber auch Trägheit), enthalten in fettreichen Speisen, und Rajas (Bewegung, aber auch Unruhe), z.B. Bestandteil vieler scharfer und würziger Gerichte, sind für Yogis bei der Nahrungsmittelauswahl eher zu vermeiden.


Wie es sich für jeden guten Ashram gehört, umsorgte man seine eigene Kühe im hauseigenen Kuhstall. Leider geht es nicht allen Kühen in Indien so gut. Mehrmals beobachtete ich, wie sich freilaufende Kühe ihre Nahrung in brennenden Müllbergen suchten. Das Kalb im rechten Bild hatte Glück und hat inmitten des Mülls eine Heuspende gefunden. Spendabel war der Ashram auch mit der von den Kühen produzierten Milch: gaben die Kühe mehr Milch, als im Ashram gebraucht wurde, wurde der Überschuss kostenlos an Bedürftige in der Umgebung verteilt.


15:30 – 17:00 Asana-Adjustment

Im Asana-Adjustment-Unterricht lernten wir, die einzelnen Asanas mittels taktiler und verbaler Korrekturen zu verbessern und an das Individuum anzupassen. Dafür notwendig ist u.a. ein profundes Wissen in funktioneller Anatomie, aber auch bezüglich der Psyche des Praktizierenden.

Ich konnte in Ost und West eine unterschiedliche Adjustment-Philosophie beobachten: Während im Westen oft großer Wert darauf gelegt wird, bloß nichts falsch zu machen und anatomisch exakt zu arbeiten, fokussiert man im Osten eher darauf, energetische Blockaden aufzulösen. Dabei kann der materielle Körper auch mal in Mitleidenschaft gezogen werden, der jedoch ohnehin wieder heilt – oder daran zugrunde geht: das Motto "next life, next try" verleiht eine Perspektive, die es ermöglicht sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und sich locker zu machen. Die unzimperlichen Adjustments führen daher zu, auf den ersten Blick, erstaunlich wenig Verletzungen. Tatsächlich kann der Körper meist viel mehr, als Praktizierende sich vorstellen können und zutrauen. Ein guter Lehrer erkennt das und führt den Schüler mithilfe des Körpers über mentalen Blockaden hinaus.

Bei psychischen Blockaden, die sich auch immer im Körper manifestieren, ziehe ich einen Mittelweg vor: Traumata werden nur selten mit Härte überwunden. Hier ist es wichtig, die Grenzen genau auszuloten und sich behutsam an diese heranzutasten. Wichtig ist allerdings, nicht im vorsichtigen Zögern zu verharren. Einengende Grenzen wollen schließlich überwunden werden.

Darüber hinaus ist das taktile Adjusten über Körperkontakt immer auch abhängig von der zwischenmenschlichen Sympathie und der aktuellen Tagesverfassung: es gibt Tage, da möchte man nicht berührt werden, an anderen freut man sich über jegliche Korrekturen und Hilfestellungen zur Vertiefung der Positionen. Daher ist es wichtig, als Lehrer ein Gefühl dafür zu entwickeln und im Zweifel immer nachzufragen, ob und in welchem Modus Adjustments gewünscht werden und zu signalisieren, dass ein 'Nein' absolut ok ist und nicht als persönlich kränkend empfunden wird (was es dann tatsächlich auch nicht sollte).



Wie der Tag im Ashram weitergeht, was es zum Abendessen gibt, wie die Welt im Tantra entsteht und was sich hinter geschlossenen Ashram-Mauern noch abspielt, erfahren Sie, lieber Leser, in Teil III: I am still an Asana-Lover.

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