Habe Mut, Dich der Meditation zu bedienen!

Mit „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ rief Kant 1784 dazu auf, kritisch zu denken und den eigenen Kopf einzuschalten, statt im trägen Massenstrom mit zu schwimmen. Dem ist nur zuzustimmen. Aufklärung tut auch heute Not. Aber damit ist die Reise noch längst nicht zu Ende: für ein wahrhaft freies Leben und pure Lust am Sein gilt es, auch den Kopf noch zu überwinden! Mit Meditation gelingt genau das.


Was ist Meditation?


Meditation bezeichnet eine spirituelle Praxis, die auf die Erreichung eines Bewusstseins-zustands abzielt, der sich vom Wachzustand, dem Traumschlaf und dem  traumlosen Schlaf unterscheidet. In Indien wird dieser vierter Bewusstseinszustand als Turiya (Sanskrit für 'das Vierte') bezeichnet. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Ebene hinter bzw. über dem Geist erreicht wird, von welcher man dem bunten Treiben hier auf Erden zusehen kann. Aus dieser Beobachterposition heraus werden Spaltungen – zwischen Körper und Geist, Subjekt und Objekt, Innen und Außen etc. – überwunden, weshalb Meditierende oft von einem All-Einheits-Erleben berichten.


Erleuchtung, Selbstaktualisierung und Flow


Kann dieser Zustand ohne Unterbrechung aufrechterhalten werden, spricht man im Yoga von Erleuchtung bzw. Samadhi. In diesem Zustand, der mit Worten oder Logik nur mehr schwer greifbar ist – da er die Welt der Sprache und Logik übersteigt – identifiziert man sich weder mit dem bunten Treiben noch mit dem Beobachter. Das Ego ist nicht mehr; pures Sein, reine Wahrheit und vollkommene Glückseligkeit (‚sat chit ananda‘) bleiben übrig.


Samadhi kann auch mit Absorption, also dem völligen Aufgehen in der Welt, übersetzt werden. Viele Personen beschreiben ähnliche Zustände, wenn sie einer geliebten Tätigkeit nachgehen und sich vollkommen in ihr verlieren. Kinder beim Spiel können das meist besonders gut, aber auch Erwachsene können Umstände kreieren, in welchen sie ihr Ego bzw. Ich-Gefühl vergessen und ganz im Handeln aufgehen. Der bekannte Psychologe mit dem komplizierten Namen Mihály Csíkszentmihályi prägte hierfür den Begriff des Flow-Erlebens und beschreibt damit das, was Abraham Maslow, ein anderer und noch bekannterer Psychologe, schon in den 1950ern mit dem Begriff 'Selbstaktualisierung' umschrieb: jene Momente, in welchen wir zu Höchstleistungen auflaufen, unser Potential voll ausschöpfen und mit den schönsten Glücksgefühlen überströmt werden. Im Unterschied zum Flow-Erleben geht man im Samadhi im Nicht-Handeln auf und wird so unabhängig von der jeweiligen Tätigkeit. Außerdem wird die bewusste Beobachterposition zu keinem Zeitpunkt verloren. Das (Vor-)Gefühl ist jedoch ein ähnliches.


Now-Moments im Alltag machen frei von alten Gewohnheiten


Zur Erzielung des höchsten Geistes-Zustands wurden zahlreiche Meditationstechniken entwickelt, die als Nebeneffekt die Konzentration und bewusste Wahrnehmung schulen. Die gestiegene Achtsamkeit verschafft kurze ‚Erleuchtungsmomente‘ im Alltag, in welchen man nicht mehr vom Strom des Treibens bestimmt wird, sondern aus einer Beobachterposition heraus autonome Entscheidungen treffen kann. Kumulieren sich diese kurzen Now-Moments, fällt es leichter, sich von maladpativen, lästig gewordenen Verhaltensmustern zu lösen und resonant sowie zunehmend frei von Vorprägungen auf das Jetzt reagieren zu können. Durch die Schulung des Geistes und Lenkung der Konzentration auf das Hier und Jetzt breitet sich außerdem eine von äußeren Umständen unabhängige innere Ruhe aus, die zu langfristiger innerer Stabilität, Balance und Zufriedenheit führt.


Primat der Praxis


Unabhängig davon, ob Sie ganz pragmatisch Ihren Geist trainieren wollen, um sich beispielsweise besser konzentrieren zu können oder von lästigen Gewohnheiten zu befreien, Entspannung suchen oder Erleuchtung anstreben, ist es – wie bei allen Vorhaben – wichtig, sich nicht in der Theorie zu verlieren. Meditation ist eine Praxis. Ein guter Lehrer, der bei der Auswahl der passenden Technik und Umsetzung der Theorie ins Praktische hilft, ist daher oft essenziell. Aber auch im Alleingang lässt sich die Tiefe des Seins wunderbar selbst erforschen. Das Einzige, das Sie benötigen, ist ein wenig Geduld und Mut, sich in die innere Stille zu trauen. Vertrauen Sie darauf, dass Sie – nachdem sich das anfängliche Chaos gelichtet hat – zu einer wundervollen Kraftquelle finden werden.

Das verspreche ich Ihnen mit heiligem Yogini-Ehrenwort!


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