Probier's mal mit Gemütlichkeit

Was ich im kürzlich veröffentlichten IG-Post ein bisschen flipsi-flapsig mit „Get in your comfort zone“ formuliert habe, hat einen durchaus ernst gemeinten Hintergrund bzw. lässt sich natürlich auch argumentativ belegen.


Schauen wir uns zunächst an, wie man das „Get OUT of your comfort zone“ verstehen kann, dass ja vor allem im Fitness-Kontext sehr beliebt zu sein scheint und Menschen dort zum Sport motivieren soll. Der Trainer sieht: die Menschen sitzen nur noch auf ihren Sofas! Machen es sich viel zu gemütlich! Vielleicht ist er tatsächlich besorgt um ihre Gesundheit. Und ganz unrecht hat er nicht: natürlich braucht der Mensch Bewegung. Doch ist tatsächlich Faulheit und zu viel Komfortabilität der Grund, sich dem natürlichen Bewegungs- und Explorationstrieb zu widersetzen? Meine These ist viel eher: Der Mensch braucht Bewegung - und wenn ihn nichts hemmt und blockiert, will er die in der Regel auch.


Behavioristischer Fehlschluss


Der Trainer unterliegt hier einem gewaltigen Fehlschluss: Er hat nämlich einfach von einem äußeren sichtbaren Verhalten (behaviour) auf einen inneren Zustand geschlossen: Mensch auf Sofa = der fühlt sich wohl zu wohl (Interpretation des Trainers, der hier ggf. von sich auf andere schließt/überträgt). Ob der Mensch dort vielleicht einfach sehr erschöpft ist, von bore oder burn out, vielleicht ganz entfremdet von Köperempfindungen lebt, um überhaupt überleben zu können, vielleicht Scham über den Körper, Ursache seiner Bewegungsmangels ist, kommt ihm garnicht in den Sinn. Manchmal meint er gar, Scham oder Erschöpfung ‚nachzugeben‘ sei komfort! Was für ein feindliches Menschenbild, das da zum Ausdruck kommt!


Ähnliches kann allerdings auch im Kontext von Essstörungen beobachtet werden: wer Symptome nicht wirklich als Symptome versteht, wird tendenziell Sätze sagen wie: „Nun sitzt sie schon wieder vor ihrem Teller und isst nichts/ Nun hat sie schon wieder einen Essanfall - und die will gesund werden! Na, ich sehe da aber nicht, dass da was passiert. Die macht es sich ganz schön bequem.“


Auch hier wird also von einem äußeren sichtbaren Verhalten auf einen inneren Zustand geschlossen. Die inneren Kämpfe und Zweifel, die sich ja alles andere als komfortabel anfühlen, bleiben unbeachtet – nicht selten von den Betroffenen selbst. Diese konnte mitunter ja grade auch deshalb so krank werden, weil der Zugang zu der Gefühls- und Selbstgewahrseinsebene etwas verstellt war oder ist. Insofern sie also auch selbst ihre eigenen inneren Kämpfe nicht wahrnehmen, ernst nehmen oder dafür wenig Empathie aufbringen, werden auch sie selbst dazu tendieren, sich dazu zu kommandieren, sich mehr anzustrengen. Mitunter führt das dann zu wilden Aktionismus und Zwangsanstrengungen, was der Heilung nicht unbedingt immer so förderlich ist. Ich denke, wir können uns doch zumindest darauf einigen, dass Essstörungen keine Comfort Zone, sondern allenfalls Coping Zones sind.


Foundation first


Um sich raus aus einer vermeintlichen comfort zone bewegen zu können, muss man sich ferner auch zunächst einmal in einer befinden bzw. eine schaffen. Und das allein ist schon eine gewaltige Herausforderung: lebt es sich doch recht unbehaglich in der Kultur (vergl. Freud). Und selbst den hedonistischen Anhängern Diogenes, die sich von zu viel ‚Kultur‘ frei machen, wird irgendwann bewusst, dass zu viel Lust zu Unlust führt. Lust ist flüchtig und polar. Um mit ihr spielen zu können, muss man sie und sich ein Stück weit beherrschen und kontrollieren können: das hat mit purem Hedonismus wenig zu tun.


Meist ist es ferner ohnehin das Leben, dass einen aus der comfort zone wirft. ‚Raus‘ ist einfach. Sich zu stressen ist easy. Klug ist, wer auch den Rückweg kennt. Entspannung (nicht Betäubung, Regression oder Dissoziation) ist da schon ein wenig anspruchsvoller.


Wachstum & Comfort Zones


Was bis jetzt deutlich geworden sein sollte: das, was von außen als comfort zone erscheinen mag, muss sich noch lange nicht so anfühlen und ist natürlich auch sehr individuell. Außerdem ist die Errichtung einer comfort zone garnicht so einfach, wie man denkt. Allein sich in seinem Körper wohl zu fühlen, kann sich mitunter als sehr herausfordernd erweisen.

Nun ist noch zu begründen, wie Wachstum und Comfort Zones zusammenhängen. Deutlich wird das am Besten an ein paar Beispielen:


BSP 1: Botanik


Beginnen wir mit einem kleinen Pflanzen-Quizz. Auch wenn die Natur sehr robust ist und sich immer ihren Weg zur Sonne suchen wird – man denke an Blümchen, die sich noch durch die schmalsten Asphaltspalten kämpfen – mal grundsätzlich betrachtet: Wenn du Gärtnerin wärst: Würdest du deine Blümchen gut pflegen, sie in die Sonne stellen, vielleicht ein Liedchen vorsingen – ihnen also eine ‚Comfort Zone‘ schaffen, oder würdest du sie vertrocknen lassen und dann eher im scharfen Kommandoton dazu ‚motivieren‘ sich aus dem Erdmatsch, ihrer ‚Comfortzone‘ mal heraus zutrauen?! Ist ersteres der Fall, hast du vielleicht ein eher systemisches Verständnis und meinst, dass bei günstigen Umgebungsfaktoren der Eigendynamik des Systems Pflanze gut vertraut werden kann - glaubst du das auch bei Menschen? In letzterem Fall blühst du ggf. in militärischen Umgebungen so richtig auf ;)


BSP 2: Krabbelerfahrungen & sichere Häfen


Tendenziell ist die Mutter (bei sicherer Bindung) oder eine andere Bezugsperson der sichere Hafen für das Krabbelkind; sie ist die ‚comfort zone‘. Von dort aus unternimmt das Kind Expeditionsreisen in die Umwelt, versichert sich aber immer wieder, ob der Hafen noch da ist. Krabbelt hin und her. Jedes Mal ein Stücken weiter. Sammelt auf diesem Weg, wertvolle Erfahrungen und Selbstvertrauen: langsam wächst seine Comfort Zone. Sie expandiert in alle Richtungen. Entfernt sich der Kleine zu weit weg von seiner mum, wird er unsicher, bekommt Angst, fängt an zu schreien – ist sie wieder da, fühlt er sich wieder sicher, ist wieder gut reguliert. Er kann neue Kraftressourcen schöpfen, und sich bereit machen für neue Erkundungstouren. Eine Comfort Zone ist für seine Entwicklung ganz wesentlich. Ist das im Erwachsenen-Alter, wenn man bestenfalls gelernt hat, sich selbst zu regulieren, anders?


BSP 3: Maslow baut Pyramiden


Maslows Bedürfnispyramide ist zwar viel kritisiert, aber doch zeigt sie tendenziell etwas Wichtiges an: solang es an der Erfüllung an wichtigen Bedürfnissen mangelt, ist es um die Selbstaktualisierung und -Verwicklung recht schlecht bestellt. Je breiter, sicherer und komfortabler die Foundation, je tiefer die Wurzeln, desto höher kann die Pyramide wachsen.


BSP 4: Einstein genießt die Horizontale


Albert Einstein kamen seine genialen Ideen in der Horizontalen. Also in seiner Badewanne – in seiner Comfort Zone. Um sie aufzuschreiben, musste er dann natürlich raus aus der Badewanne. Aber ob er das als Verlassen seine Comfort Zone bezeichnet hätte? Ich bezweifle es! Wahrscheinlicher ist es doch, dass er so sehr darauf brannte, seine kreativen Ideen nieder zu schreiben, dass ein längeres Verweilen in der Badewanne kein Komfort für ihn mehr gewesen wäre. Zu viel Bade-Lust, wird ganz von allein zur Verschrumplungs-Unlust. Lust macht dann, sich wieder an den Schreibtisch zu setzen. Für kreativ-intuitive Glanzstunden sind Comfort-Zonen im engeren Sinn eine feine Sache.


Da zeichnet sich ein Trend ab, si? Vielleicht ist es doch ganz gut, sich eher in comfort zones zu bewegen und sich das eigene Leben angenehm zu gestalten...Blicken wir noch auf zwei weitere Beispiele:


BSP 5: Toleranzfenster, Affekt- & Stressregulation


Als Toleranzfenster bezeichnet man jene Range, Spannweite, in der man sich, seine Affekte bzw. sein Nervensystem gut regulieren kann (das ist va in der Traumatherapie - aber auch in Hinblick auf Yoga & Meditation - ziemlich relevant, führt hier aber zu weit). Natürlich sind wir als Menschen mehr als Nervensysteme, dennoch ist nicht abstreitbar, dass wir langfristig leistungsfähiger sind, wenn wir cool mit uns sind (uns in einem Zustand ventral-vagaler Aktivierung befinden). Kurzfristig ist ein bisschen Stress (sympathische Aktivierung) leistungsfördernd – wenn man langfristig aber nicht mehr runterkommt, hat das meist ungünstige Folgen.

Bei zu viel Stress verengen sich nicht nur die Blutgefäße, sondern auch der Blick: kurzfristig mag das gut sein, für kreative Abenteuer, langfristiges Wohlbefinden und Wachstum ist eine Balance zwischen Fokus und Weitsicht empfehlenswert.

Wenn wir uns außerhalb unserer Toleranzfenster befinden, haben das Gefühl die Kontrolle über uns zu verlieren oder erkennen uns zumindest nicht recht wieder: "Du bist nicht du, wenn du hungrig bist." lässt zwar die Frage offen, wer ich dann bin, aber trifft einen wahren Kern.

Wer Menschen dazu motiviert, sich raus aus ihrer Komfort Zone zu bewegen und sie dann mit einem dysregulierten State of (body-)mind zurücklässt, handelt also nicht unbedingt in ihrem Sinn.


Beispiel 6: Comfort & Egoismus


Ich liege in Indien am Strand: herrlich! Komfort! Ist das nicht egoistisch? Es sich gut gehen lassen? Aber warum sollte ich es mir schlecht gehen lassen?

Entscheidend ist doch vielmehr, wie die Grenzen der Komfort-Zone beschaffen sind: sind es Mauern oder permeable, luftdurchlässige Membranen? Membranen die erlauben abgegrenzt-autonomes Individuum zu bleiben und gleichzeitig besuchbar-berührbare Verbindungen einzugehen. Ist man in seinem Komfort noch ansprechbar oder hat sich (ängstlich) eingemauert (und kann letzteres überhaupt komfort sein - schneidet man sich selbst doch auch die Luft ab!)?

Es sollte denn auch nicht lange dauern, da blickten mich durstige Augen an, die mich nach einem Schluck Wasser fragen.. Mein Herz zieht... Das Mensch-sein funktioniert noch!

“Aber du kannst doch hier nicht jedem helfen“- Nein, das tue ich auch nicht. Unschuldig kommt hier niemand raus... Aber mich noch existenziell berühren zu lassen (was nicht abstrakt, sondern konkret-situativ stattfindet), (wieder) in einer Haut zu leben, die kein (Charakter-)Panzer ist, ist denn doch für meinen Komfort recht wesentlich. An den Rändern zu tanzen, berührbar bleiben, nicht immer gelingt es.


Moralisch-ethische Fragen beantwortet frau sich am besten subjektiv, idiosynkratisch, individuell (universelle Weltverbesserungsbestrebungen sind geschichtlich meist schief gegangen), zeigt jedoch exemplarisch auf, dass ‚Egoismus‘, sofern der eigene Komfort das Berührbar-bleiben bzw. werden einschließt, gar nicht unbedingt verwerflich ist. Nicht jedenfalls verwerflicher als Jener der „Guten und Gerechten“ (FN) die jegliche egoistische Motive abstreiten und das Leid der anderen brauchen und instrumentalisieren, damit es ihnen, den Helfern, besser geht. Zugespitzt formuliert: Ihr Komfort basiert auf dem Leid der anderen.


Nein, da ziehe ich doch die Springbrunnen vor, die vor Komfort überfließen und das Leid der anderen nicht brauchen, um sich komfortabel, tugendhaft und gut zu fühlen!

Selbst zum Springbrunnen werden - ein übermenschlicher Gedanke (... weiteres dazu findet frau bei Zarathustra).


Summa summarum wird also recht deutlich:


Willst du heilen, wachsen, tanzen, spielen:


GET IN YOUR COMFORT ZONE


Und frage dich hierzu: was bedeutet Komfort eigentlich wirklich für mich - konkret, hier und jetzt? Und dann versuche einmal, dir diese Frage nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Haut, Bauch und Herz zu beantworten. Fragen, die den Komfort betreffen, sind doch eher mit der 'großen Vernunft des Leibes' (FN) zu beantworten.


Ob Nietzsche sich da wohl von Balu inspirieren ließ ;)

Die weisesten Lieder kommen doch seit jeher aus dem Dschungel:


Probier′s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit

Jagst du den Alltag und die Sorgen weg.

Und wenn du

Stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir egal von welchem Fleck.


...


Na und pflückst

Du gerne Beeren und du piekst dich dabei,

Dann laß dich belehren: Schmerz geht bald vorbei!

Du

Mußt bescheiden aber nicht gierig im Leben sein, sonst tust du dir weh,

Du bist verletzt und zahlst

Nur drauf, darum pflücke gleich mit dem richt'gen Dreh!


Hast du das jetzt kapiert? Denn mit Gemütlichkeit

Kommt auch das Glück zu dir!

Es kommt zu dir!

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Typische, Atypische und Einzigartige

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus. Zarathustras Vorrede (Friedrich Nietzsche) Es war einmal, vor langer Zeit, da leb

Auf eine Tasse Fenchelaniskümmel-Tee

Wer bei einer Erkältung husten muss, wird das Husten nicht einfach abstellen können – selbst wenn er weiß, dass das den Hals reizt. Anständig wäre es dann, nicht den Erkrankten auszuschimpfen, warum e