Essen oder Nicht-Essen

Das ist hier nicht die Frage



Allenfalls eine Nebenfrage, zumal oft riesengroßes Ablenkungsmanöver – das nur allzu leicht den Blick auf die eigentliche Frage verstellt. Die da – wenn wir Hamlet glauben - ist:


Sein oder Nichtsein - das ist hier die Frage!


Lässt frau diesen Einwand Hamlets gelten (was sie selbstverständlich nicht tun muss), so geht es bei Essstörungen nicht um Essen und Nicht-Essen, nicht um Nahrungsmittelauswahl, -verzehr, -menge und Abtrainierrate. Und auch nicht um das grade moderne Konzept des emotionales Essens, mit dessen Hilfe Über-Essen bzw. Nicht-Essen als Emotionsregulationsstrategie erklärt wird (also als Coping-Mechanismus für unliebsame Emotionen, andere 'Emotionsregulationsstrategien' sollen Abhilfe schaffen).


Nein, wenn wir Hamlet glauben, dann geht es um die existenzielle Frage:


Will ich in-der-Welt leben (mit allen ups und downs) - oder nicht?


Die Antwort ist dann natürlich mit Emotionen bzw. 'existential feelings' (Matthew Ratcliff) verknüpft, allerdings auch mit Fragen der Identität und Weltanschauung. Letztere geraten nur allzu leicht aus dem Blickfeld, wenn man sich allein auf (oberflächliche) Emotionen konzentriert oder meint, dass diese Frage mit dem rationalen ego cogito beantwortbar wäre. Identitäts- bzw. Selbstkonzepte sind meist (zunächst) nur implizit gegeben, und schwerer (rational) fassbar - was denn auch die Vernachlässigung im Diskurs über Essstörungen erklärt.


Gleichwohl ist Essen bzw. Nahrungsaufnahme mit Leben verknüpft:


Auf Ebene der Existenz hält Essen das Sein aufrecht. Nicht-Essen führt langfristig zum Nicht-Sein.

In der Anorexie verhält es sich mitunter umgekehrt: Nicht-Essen wird als Möglichkeit zum Sein, als einzige Möglichkeit zum Leben, erlebt. Essen kommt der Nichtung gleich.

Doch welches Sein wird hier genichtet - und welches ermöglicht?


Ontologie statt Diätologie


Statt diätologischer Fragen werden in der Anorexie - mitunter auch bei anderen Essstörungen - also ontologische, das Sein und das Nichts, betreffende Fragen berührt. Wie kann frau aber heute von Ontologie sprechen ohne gleich metaphysisch zu werden? Gott ist tot (Nietzsche) und zumindest in Frankreich wird auch schon das moderne Subjekt begraben (Foucault, Derrida etc). Auch der (Kern-)Familien-Roman von Freud verliert an narrativer Bindungskraft. Die Behavioristen glauben indes fest an objektive Fakten (von lat. facere: das vom Menschen gemachte) und Naturgesetze (die sie, im Gegensatz zu den Physikern, tatsächlich NICHT als Interpretation von Natur verstehen) und sind daher selbst die am wenigst Glaubwürdigen. Wer kann also helfen? Die Liebe – zur Weisheit.


Existenzialismus & Anorexie


(Der frühe) Sartre kommt mit nur ganz wenig Metaphysik aus und ist gut an die heutigen Individualisierungsbedingungen angepasst. Sartre unterscheidet zwischen An-Sich, der puren Existenz, und Für-Sich, dem Bewußtsein (und Für-Andere, dass uns für die heutigen Zwecke nicht zu interessieren braucht – auch wenn Essstörungen natürlich mit Bindung, Beziehung und dem Blick der Anderen zu tun haben. Ich folge hier Hilde Bruch, die dennoch die Individualtherapie an erste Stelle setzt).


Wenn in der Anorexie Nicht-Essen als Möglichkeit zum Sein erlebt wird, ist also nicht das existenzielle Sein (An-Sich), sondern das Für-Sich Sein gemeint. Hungern als Versuch die Existenz zu überschreiten, während Essen auf das An-sich, auf die Geworfenheit selbst, zurückwirft, weshalb die meist sehr intelligente und scharfsichtige, mitunter mit Nietzscheanischem Blick ausgestattete Anorektikerin (vergl. z.B. die brillanten Gesellschaftsanalysen der 13-jährigen magersüchtigen Valerie Valere in ihrer Pathographie Das Haus der verrückten Kinder) sich mitunter mit Roquentin, dem ‚Held‘ aus Sartres Der Ekel, verwandt fühlt:


„Und auch ich habe sein wollen. Ich habe sogar nur das gewollt; das ist das Schlüsselwort der Geschichte. Ich durchschaue die scheinbare Unordnung meines Lebens. Hinter all diesen Versuchen, die beziehungslos scheinen, finde ich den gleichen Wunsch: die Existenz aus mir zu vertreiben, die Augenblicke von ihrem Fett zu entleeren, sie auszuwringen, auszutrocknen, mich zu reinigen, hart zu werden, um endlich den klaren und genauen Ton einer Saxophonnote wiederzugeben. Das könnte sogar ein Gleichnis abgeben: es war einmal ein armer Kerl, der hatte sich in der Welt geirrt.“


Mauvaise foi


Doch worin hatte sich Roquentin geirrt? Mit der Figur des ‚mauvaise foi‘ entwirft Sartre eine Antwort auf die Frage, wie und ob wir uns selbst täuschen und dem Zwang zu Freiheit und Verantwortung entgehen können (Analytiker würden an dieser Stelle vermutlich den Abwehrmechanismus der Regression ins Spiel bringen - aber das ist ein ganz anders gelagertes Sprachspiel, n'est-ce pas?). Niemand wird wohl bestreiten wollen, dass dies in der Magersucht eine große Rolle spielt.


Auch Sheila MacLeod entging „die Ironie, die darin lag, zu hungern, um zu überleben“ nicht.

„Für mich“, so schreibt sie in „Hungern, meine einzige Waffe“ (S.114ff) weiter „stellt der psychosemantischen Fehlschluss eine sehr zutreffende Beschreibung der Magersucht dar – einer Krankheit, bei der sich die Vorstellung von der Person als Ganzes so verzerrt, dialektisch so gespalten ist, daß das „Ich“ sich gleichzeitig dazu entscheiden kann zu leben, wie das Selbst und auch dazu zu sterben, wie der Körper, wie unbewußt diese Entscheidungen auch sein mögen. (…) Was ich klarmachen möchte ist, daß sowohl Selbstmord der schizoiden Form und Magersucht mit einer Leugnung der Wirklichkeit verbunden sind, die auf der Anerkennung einer Spaltung zwischen Selbst und Körper basiert und nur durch ein Paradox möglich ist. Ein Paradox ist unter anderem ein sprachliches Mittel und kann von der Magersüchtigen als das ausdrucksstärkste in der Sprache ihrer Symptome eingesetzt werden. Das ist angenehmer als die Verwirrung, die eine Wirklichkeit darstellt, die als nicht zum Selbst gehörig angesehen werden kann oder als vielleicht zum Selbst gehörig, oder, wenn sie zum Selbst gehört, als ebenso unmöglich durch das Selbst zu assimilieren wie von ihm zu trennen ist.


Für den Verwirrten selbst muß der Tod einen der stärksten Übergriffe der Realität oder vielleicht deren verwirrendsten darstellen. Doch obwohl der schizoide Selbstmörder und die Magersüchtige beide die Realität des Todes leugnen, tun sie das für mich aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Weise. (…) Von zwei Gefangenen erhängt sich der eine vielleicht, der andere geht in den Hungerstreik: der erstere vollbringt eine positive Handlung, der letztere einen Akt passiven Widerstands. Die beiden Handlungen verkörpern unterschiedliche Einstellungen gegenüber Leben und Tod. (…). Meine Entscheidung gegen den Tod war weniger eine Leugnung als vielmehr ein Aufschub in der Erkenntnis seiner letztendlichen Realität. (…) Magersucht zieht jedoch die Verneinung der Biologie nach sich, besonders der Vorstellung von Biologie als Bestimmung.“


Davon abgesehen, dass auch Hilde Bruch auf den engen Zusammenhang zwischen Essstörungen und Schizophrenie hinweist (und daher Diäten bei Übergewicht als potentielle Auslöser für schizophrene Episoden nennt), ist die Parallele zwischen MacLeod und Roquentin doch sehr erstaunlich! Zwar schreibt MacLeod von Ablehnung der Biologie und nicht von An-Sich und Existenz und auch meint sie eine Spaltung zwischen Körper und Selbst auszumachen und nicht zwischen An- und Für-Sich – aber das sind nur Begriffe. Der Sinn ist doch ein unübersehbar ähnlicher.


Der mauvaise foi, das verdrehte Bewusstsein, kann als Kunst mit Faktizität und Transzendenz, Existenz und Bewusstsein, An-Sich und Für-Sich, zu spielen verstanden werden – dies allerdings auf Kosten der Beziehung zur Realität. Aber was ist schon real?!


Im vollen Bewusstsein kann sie sich jedenfalls nicht betrügen. Mit Sartre lässt sich sagen, dass man sich unaufrichtig werden lässt – in etwa so wie man einschläft. Sie will ja essen, aber dann, wenn es so weit ist: hoppla, doch nicht...ein anderes Mal…vielleicht. Oder im Essanfall: eigentlich will sie ja nicht mehr, aber noch ein Bissen, hoppla, noch einer, jetzt geht’s aber schnell,… und noch einer noch einer noch einer, eh schon egal…


Dem Zwang zur Freiheit, entgeht frau aber auch dann nicht! Auch sich unaufrichtig werden zu lassen, ist letztlich eine Wahl. Sie bleibt für ihr Handeln, auch im mauvaise foi, doch selbst verantwortlich. Wäre der Begriff der Verantwortung nur nicht so stark mit jenem der Schuld verknüpft! Hier zu differenzieren tut gut - Nietzsche kann da ggf. weiterhelfen.


Zuletzt verdreht sich sonst die Anorexie in ihr Gegenteil: die extreme Flucht aus der Existenz bindet noch enger an sie, bis am Ende fast nur noch Kreatur übrig bleibt. Ein hungerndes Fleisch ist immer noch Fleisch. Auch dem Bewusstsein, dem Zwang zur Freiheit, ist lebend nicht zu entkommen.


Roquentin: „Er existierte. Wie die andren Leute, in der Welt der Parks, der Kneipen, der Handelsstädte… und er wollte sich einreden, er lebte woanders, hinter der Leinwand der Gemälde…“


Die postmoderne Existenz ist absurd, banal und zweckfrei. Grade das lädt aber auch zum Spielen ein…


Hungern & Hedonismus


Genau genommen, ist in der Anorexie auch eine große Gier spürbar: ein großer Hedonismus. Askese zur Steigerung der Lust. Wer schon einmal gefastet hat, kennt vielleicht den erhebend-erhabenen Hungerrausch - und dann den ersten Apfelbissen: köstlich. Stellen Sie sich vor, Sie könnten das täglich haben... Göttlich! Eben. Nicht menschlich.


Karen Margolis schreibt in Die Knochen zeigen. Über die Sucht zu Hungern:

„Das Gefühl war real, keine Einbildung. Warum preisen wohl Mystiker die euphorischen Zustände des Fastens? Wenn man nichts ißt, fühlt man sich nach einiger Zeit wirklich wie auf Wolken. (...) In diesem Zustand ist es viel einfacher, sich in sich selbst zurückzuziehen, die Häßlichkeit des menschlichen Daseins auszuschließen. (…)

Ich bin gierig nach Leben - nicht nach Essen – in einer Gesellschaft, die Selbstbeherrschung sehr hoch bewertet. Ich habe gehungert, um meine Angst vor dem Urteil andere zu verstecken. Indem ich fastete, stand ich jenseits jeden Urteils, habe aber meine Individualität behalten.“


Um sich diese Gier nach Leben, nach lebendigem Leben und Ekstase, aber eingestehen zu können, braucht es Mut auch zum Profanen, Banalen, zum ‚Häßlichen des menschlichen Daseins‘, zur Existenz selbst - und damit auch zum Tod.

Und die Weisheit, dass zu viel des Guten, meist nicht gut tut. Wer mit den Extremen - Askese und Ekstase - spielen will, ist gut damit beraten sich zunächst zum Gravitationszentrum seiner Selbst zu machen:


Existenzielle Therapie


Das Bewusstsein wieder umzudrehen und zurecht zu rücken, ist keine einfache Operation. Hilde Bruch beschreibt es gar (freilich ohne auf Sartre zu verweisen) als Ziel von Therapie: „Wenn er [der Klient] beginnt, sich selbst in realistischer Weise zu sehen, das heißt weniger mit Selbstverachtung und Abscheu, dann wird er zu guter Letzt auch den Mut fassen, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.“ Und weiter: „Es ist nicht tunlich, pauschale Feststellungen zu treffen, doch wenn ich ein Problem herausgreifen sollte, das allen psychotherapeutischen Patienten gemeinsam ist, dann liegt es darin, daß ihnen die Überzeugung abgeht, ein Individuum zu sein, daß ihr ‚Gravitationszentrum‘ nicht in ihrem Inneren liegt (…)“


Die Gefahr der übermäßigen Externalisierung von Essstörungen (ich habe es bereits an andere Stelle mithilfe von Bourdieu kritisiert), wirkt dem mauvaise foi nicht entgegen, sondern, so meine Vermutung: verstärkt ihn und die Verantwortungsdelegation noch! Nicht die Essstörung tut das, nicht der Extremhunger, nicht ein verhungertes Gehirn: stets isst, hungert, frisst und kotzt der GANZE Mensch. Niemand handelt in Teilen. Descartes hatte sich geirrt.


"Es gibt kein ‚Sein’ hinter dem Thun, Wirken, Werden; „der Thäter” ist zum Thun bloss hinzugedichtet, - das Thun ist Alles.” (Nietzsche)


Den Menschen in Teile zu zerlegen war eine der gewalttätigsten Operationen der Geschichte: so wird er impotent, um sich kreisend und mit sich kämpfend – und garnicht merkend, dass längst andere die Zügel in der Hand halten...


Und so gilt es zu verstehen: Obwohl es keinen Täter hinter der Tat gibt, muss sie doch zunächst wieder sagen können:


„Ich bin es, die sterben wird“ (und dann tatsächlich an den Tod zu glauben...).

„Ich bin es, die hungert“ – und niemand sonst.

„Ich bin es, die frisst“, während sie vor dem Kühlschrank kniet.

„Ich bin es, die kotzt.“

Ich bin es – ich tue das.


… wenn sie das sagen kann – ohne Abscheu, mit Verantwortung – und so wieder selbst zum Gravitationszentrum wird, dann hat sich der mauvaise fois ausgespielt. Sie kann dann auch wieder sagen: Ich bin es, die lebt und tanzt. – und muss sich dazu jedes Mal wieder neu entscheiden. Aber was für eine Unwahrscheinlichkeit: zu leben, zu existieren: das ganze bunte, aufregende Schauspiel, all die Höhen und Tiefen, all die Farben! Sie kann sagen: wie banal. Oder: wie großartig!


Noch eine Bemerkung zum Schluss:


Das Ich soll hier, auch wenn es groß geschrieben wird, nicht als Ausdruck starker Subjektivität verstanden werden. Gemeint ist also nicht der harte Seelenkern, das ego cogito, sondern eine schwache, durchlässige Form von Subjektivität, die sich berühren und durchströmen lässt.


Kein starkes, sondern ein waches, anwesendes, bewusstes Ich. Ein leeres Ich. Ein Ich, das eher formeshalber, der Struktur nach übernommen, aber nicht inhaltlich ausgefüllt wird (weil es nur in der Negation zu 'haben' ist).


Aber vielleicht muss man auch zunächst einmal das Ich gehabt haben, um es dann loslassen zu können? Ich bin ich. Ich bin verantwortlich (und damit frei). Aber wer dieses Ich ist, bleibt offen.


„Du sollst dir kein Bildnis von deinem Ich machen.“


Das Ich bleibt Spiegelfläche. Diamantenschimmer. Glatter See. Großes Fragezeichen im Sternenhimmel. Das Gravitationszentrum als leeres OM und schwarzes Loch.

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