Ess-Dämonen und Walgesänge

Diäten scheitern, weil sie funktionieren


Genauer gesagt: 95% aller Diätenden scheitern langfristig ihren durch die Diät herbeigeführten Gewichtsverlust zu halten. Ergo: Kurzfristig funktioniert Kalorienreduktion bzw. Erhöhung des Energieverbrauchs mittels Sport, Bewegung etc. zur Verringerung des Körpergewichts für die meisten zunächst (von einzelnen Ausnahmen wie Hormonstörungen etc. einmal abgesehen).


Was dann passiert ist Gegenstand eines doch recht stark ideologisch und emotional aufgeladenen Diskurs. Höchste Zeit also, die verschiedenen Optionen einmal mit rationalem Verstand zu durchleuchten und das logische Denkvermögen einzusetzen.


Über Ess-Dämonen und Opfergaben


Anschaulich wird das Ganze an einem Beispiel einer jungen Bodybuilderin, nennen wir sie Sophia, die grade den 1. Platz eines Bodybuilding-Wettkampfs errungen hat – was zugleich auch das Ende ihre Wettkampfdiät signalisiert.


Ebenso ist da die 47-jährige stolze Kleingartenbesitzerin Elke, die vor ihrem Mallorca-Urlaub noch eine Kohlsuppendiät gemacht hat und grade das Flugzeug besteigt und sich schon auf Heiner, ihr Single-Urlaubs-Date, freut.


Nun ist so eine Bodybuilding-Diät derzeit mehr en vogue als Kohlsuppe (aus verständlichen ökonomischen Gründen: Proteinpulver verkauft sich einfach besser – und teurer - als Kohl. Wiewohl letzterer dem Pulver bzgl. Blähwirkung, das manche als Sättigungswirkung begreifen, in nichts nachsteht). Zunächst zumindest konzentrieren wir uns einmal auf Sophia, die grade von der Bühne steigt. Was passiert nun?


Während das erste Essen mit Freunden im Restaurant nach dem Wettkampf noch eine echte Freude war, hat Sophia nach der Diät mit unaufhörlichen und für sie brutal wirkenden Essanfällen zu kämpfen. Sie fühlt sich wie ein wildes Tier, hilflos einer anderen Macht ausgeliefert. Wie eine Marionette, völlig fremdgesteuert.


Sophia macht die Erfahrung des Verlusts ihrer Autonomie, ihrer Selbststeuerung. Und wird damit auch zu einer gesellschaftlichen Gefahr, da unsere Gesellschaft auf der Annahme, sich selbst rational steuernder Individuen beruht. Der Souverän im Staat ist heute nicht mehr der Monarch. Jedes Individuum hat sich selbst zu regieren. In Diätgeschichten werden daher auch immer Menschenbilder ausgehandelt. Sie sind immer auch Geschichten über Autonomie oder Heteronomie von Menschen.

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Sehen wir uns also die verschiedenen Narrative (Erzählungen) darüber, wer der unsichtbare Puppenspieler ist, von dem sich Sophia gesteuert fühlt, einmal an. Wer sitzt da am Steuer und ‚verursacht‘ die Essanfälle von Sophia? Anders – und zu einer anderen Zeit - gefragt: der Donnergott macht Gewitter, der Sonnengott Licht – aber welcher Dämon macht die Essanfälle? Und durch welche Opfergaben und Rituale wird er zu zähmen und besänftigen versucht?

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Der Körper schlägt zurück


Im derzeit (unter Laien) wirkmächtigsten Narrativ heißt der Dämon: ‚Körper‘, wahlweise auch: ‚Biologie‘ oder ‚Gehirn‘. Dieses linear-kausale, reduktionistisch-biologistischen Erklärungsmodell, dass aufgrund seiner Einfachheit – aber eben leider nicht aufgrund seiner Wahrheit oder Logik – die Massen überzeugt, beruht auf dem cartesianischen Weltbild, indem sich Körper und Geist dualistisch gegenüberstehen. Eine völlige Beherrschung und Steuerung der Materie (des Körpers) wird als möglich betrachtet, sofern der rationale Geist der Natur ihre Geheimnisse entrissen und sich Wissen, über die in ihr herrschenden Gesetze aneignet hat. Dieses Wissen wurde ihr qua Experiment abgerungen – bis man in der Physik erkannte, dass die so gewonnenen ‚Gesetzte‘ vielmehr Interpretationen der Natur sind. Sie sind nicht 'da draußen' 'objektiv' zu erfassen, sondern menschliche Zuschreibungen (Konstruktionen bzw. Konstitutionen). Der beobachtende Forscher (und mit ihm dessen 'Subjektivität') lässt sich nie vom Beobachteten trennen. Ausgerechnet in der Psychologie (der Lehre vom subjektiven Menschen!) wehrt man sich seit Jahren gegen diese Einsicht und glaubt noch fest an den Mythos Objektivität, aber dazu später mehr.


Kampf der Dualismen


Während also in solchen dualistischen Diät-Modellen der Geist zunächst über den Körper siegt, schlägt nach der Diät der vom Geist gequälte Körper zurück und rächt sich. Warum er genau am Tag nach dem Wettkampf ‚zurückschlägt‘ (und beispielsweise nicht 2 Tage früher oder später) kann mit diesem Modell jedoch nicht erklärt werden. Erklärungen über nachlassende ‚Willenskraft‘ sind inkonsistent, da Wille eine im Modell fehlende Variabel ist: ist Willenskraft dem Körper (als KRAFT und Energie) zuzuordnen oder im Geist zu verorten? Wie kann dann aber Geist auf Materie wirken? Warum lässt die Willenskraft plötzlich nach? Ist es einzig der Körper (die Materie), der essen will? Aber woher und wie kommt dann der Wille in der Materie? …. Schon diese wenigen Überlegungen zeigen, wie ungenügend das Modell eines sich rächenden Körpers ist.


Ebenso kann in diesem Modell nicht erklärt werden, warum ca. 5% aller Diäten langfristig gelingen. Würde es sich hier um ein Naturgesetzt handeln (Kalorienreduktion führt immer zu Essanfällen), müssten das für alle Diätenden gelten. Das tut es aber nicht und widerlegt den Schluss damit hinreichend: schon ein schwarzer Schwan genügt, um die Annahme, dass alle Schwäne weis sind, zu widerlegen.


Die Studie, auf die sich derart reduktionistische Vorstellungen meist stützen, ist die Minnesota Starvation Study, die ich bereits an anderer Stelle kritisiert habe (vgl. den Post ‚MSS – eine Kritik‘). Rein logisch betrachtet darf hier nämlich nicht vom beobachteten Verhalten der Studienteilnehmer kausal auf die vorhergehende Kalorienreduktion geschlossen werden, weil das normabweichende Verhalten der Männer zB auch aufgrund des Studiendesigns mitbedingt sein könnte. Für meine Freunde aus der Statistik: wir könnten es hier also mit moderierenden Variablen zu tun haben.


Wissenschaftlich legitimierte Verantwortungsabwehr


Vorteil an diesem Modell: Es bietet eine leichte ENT-Schuldigung, spricht also von Schuld - und damit auch Verantwortung, und damit auch von Freiheit - frei. Sophia kann sich sagen: nicht ich bin es die handelt, sondern der Körper, mein Gehirn – oder: wenn sie hinreichend viel bei Insta ist oder schon beim Psychologen war: meine Essstörung macht das (über die Essstörung als Handlungssubjekt vgl. den zugehörigen Post).


Leben in der Dauer-Prävention


Sophia begreift sich also weiterhin als hochgradig von einer fremden Macht gesteuert. Aus alten Kulturen kennen wir Regentänze zur Götterbesänftigung. Ein Wissen das sich bis heute gehalten hat: können wir doch auch heute noch in Verhaltenstrainings-Manualen nachlesen, welche Rituale - darunter auch 'hüpfen, tanzen, springen' - die Essanfall - Dämonen besänftigen sollen. Zum Tanzen ist Sophia aber nicht zumute. Sie versucht die Zähmung des Dämons daher mit sorgsamen Einhalten von Essensplänen, All-in-Recovery und ‚self-care‘: Sie kümmert sich nun gut um ihr Körperding – in der Hoffnung, dass es ihr dann wieder wohlgesonnen ist und aufhört mit den Essanfällen. Um sich gut um ihr Ding zu kümmern, eignet sie sich viel 'Wissen' an (speichert sich die Self-Care-Posts auf Insta ab) und ist recht dauerbesorgt, ob sie denn auch alles richtig macht. Und nach Meinung der vielen: zu Recht!


Dämonen-Dressur


Schon eine ausgefallene Mahlzeit kann fatale Konsequenzen haben und das wilde Tier in ihr so richtig wütend machen. Das will sie doch nicht riskieren, oder?! Am besten sie hält sich bzw. ihr Körper-Dämon-Ding daher in einem Modus der Dauerüberwachung. Das ist zwar anstrengend, aber auch dafür gibt es jetzt Lösungen. Schnelle Entspannung in der Mittagspause mittels Meditationsapp und dann ein Mind-Set-Training um den Geist so richtig scharf zu stellen. Das klingt nach einem ziemlich guten Plan: Fütter- und Schlafenszeiten einhalten und sich gleichzeitig zum scharfen Gefängniswärter optimieren. Das wird das wilde Tier schon zähmen!


Unzweifelhaft gilt: wer auf eine heiße Herdplatte fast, wird Brandblasen bekommen; wer lange diätet, wird irgendwann, Mangelerscheinungen bekommen. Wild wütende Essanfälle über die Schmerzgrenze hinaus mit einem wilden, dämonisch und allmächtigen Körperobjekt zu begründen, was nun zurückschlägt und sich für die Zeit der Entbehrung rächt, halte ich für eine sehr wacklige Idee. Gegen gute Geschichten (und an Material hierzu mangelt es nicht: junge Frau, wilder Dämon und zahlreiche Bewerber, die mit evidenzbasierten Rettungsanträgen um sie werben) habe ich persönlich nichts. Nur sind Geschichten, die diesem einen (dann doch recht langweiligen) Schema folgen, eben nicht mal besonders kreativ. Freisetzend sind sie ohnehin nicht (Stichwort: Verantwortungsabwehr) und der dualistischen Körper-Geist-Spalt wird dadurch auch noch weiter vertieft.


Psycho-Logik


Um eine bessere Geschichte erzählen zu können, ist es daher sinnvoll, auch die Feinheiten des Narratives herauszuarbeiten. Statt am unmittelbar sichtbaren Verhalten selbst anzusetzen, wird sich hier auch nach ‚unsichtbaren‘ Motiven und Gründen für Tanjas Verhalten gefragt: Warum und wozu hat Tanja überhaupt den Wettkampf begonnen? Deutet nicht schon die Absicht, den Körper im Bikini objekthaft vor einer Jury auszustellen und in einem 10 Punkte System bewerten zu lassen, nicht schon auf eine gewissen Kluft zwischen Seele und Körper hin? Was verführt Tanja dazu, ihren Körper zu instrumentalisieren und ihn zum formbaren Objekt zu degradieren? Was erhofft und wünscht sie sich davon?


Zoomen wir noch einmal ganz genau heran:


Nach langer Diät steht sie endlich auf der Bühne: in der alten Turnhalle riecht es nach Sportschuhen und Bräunungsspray. Die Zuschauerreihe fast leer. Irgendwie hatte sie sich das anders vorgestellt. Immerhin: es gibt tolle Bilder für Insta! Doch wenn sie ganz ehrlich ist: ein bisschen enttäuscht ist sie schon. Für eine Millisekunde spürt sie sie wieder: Diese Leere, diese unglaubliche, nagende Leere in ihr. Die zu spüren: das ist zu viel. Also schnell wegrationalisieren: sie hat doch alles. Bloß nicht diese Enttäuschung spüren. 1. Platz ist doch super! Die vielen Likes auf Instagram! Der Applaus hält sie noch ein wenig im high, bevor sie erkennt: geändert hat sich nichts. Wieder breitet sich die endlose Leere vor ihr aus. Mit voller Wucht ist sie wieder da. Nichts gelingt mehr. Keine Kontrolle mehr. Wie ein Tier vor dem Buschfeuer wegrennt, rennt Sophia vor der sich ausbreitenden Leere weg. Essen. Essen. Essen… Dieser be*** Körper! Macht ihr alles kaputt. Nächste Saison macht sie alles anderes. Sie ist nur zu unvorsichtig gewesen. Reverse dieting. Noch härter werden. Mehr an sich arbeiten. Mehr Disziplin!! Nächstes Mal! Natürlich gibt es ein nächstes Mal!



Nein?!
Sie soll nicht?
Okayyy. Warte mal… Ich soll mal Insta checken? …
Ahhh! Trendwende! Alles klar: Körperding zurichten ist nicht mehr angesagt. Heute soll man das Körperding lieben…. Belohnung funktioniert besser als Bestrafung zwecks Gouvernementalität moderner Psychen. Ach, Foucault, was ist das doch für eine tricky Zeit…


Trotz dieser scheinbaren (!) Trendwende ändert sich für Sophia also nicht viel. Eigentlich garnichts. Ihr Körper ist weiterhin Mittelpunkt ihrer kleinen Welt, nur die Drehrichtung hat sich geändert: war es früher Objekt ihrer Zurichtungsbemühungen, ist es nun das Objekt ihrer Self-Care-Bemühungen. Gab sie früher Diät-Tipps, gibt sie heute Einkaufstipps gegen Essanfälle. Motivierte sie früher zu Gym-Höchstleistungen, predigt sie heute über Fürsorge.




Moment mal!
Schon wieder?!
Ja, sorry, du weißt ja bei Begriffen bin ich genau: Fürsorge bedeutet eigentlich immer Sorge für jemand anderen. Aber Sophia sorgt sich ja nur um sich.
Ah, ok. Verstehe. Ja, das war ungenau... und ist doch richtig: denn für Sophia ist ihr Körper ja immer jemand anderes geblieben: etwas Fremdes, Äußerliches: ein Anderer. Der Begriff also ganz richtig....

Sophia und ihr Körper – was anderes gibt es in ihrem Leben nicht.


Wie sich der Köper anfühlt, wenn sie die Augen schließt? Schrecklich! Nichts schlimmer als zu spüren. Bloß schnell wieder die Augen aufmachen: der Spiegel hält sie sicher. Ohne die Versicherung im Spiegel ist sie verloren vor dem dunklen, wild-wütenden Chaos in ihr. Wie schön, dass sie nun auch wissenschaftlich bestätigt bekommt, dass die ausgiebige Beschäftigung mit ihrem Spiegelbild hilfreich dafür ist, um zu lernen, ihr Körperding zu akzeptieren.


Die Vorstellung, dass sie selbst die Essanfälle produziert, dass sie es ist, die isst – das ist zu schmerzhaft. Und hochgradig gesellschaftlich tabuisiert. An old story: nicht das keusche Mädchen hatte Sex, es war der Teufel, der sie ritt… nicht das junge Mädchen wird zur gewalttätigen Wütenden, sondern der Dämon isst (es). Die Scham ist hoch. Tabus dienen dazu die Gesellschaft am Laufen zu halten. Was nicht sein darf, muss abgespalten werden. Sowohl aus dem individuellen, als auch – wichtig!: - dem kollektiven Bewusstsein. Die angebotenen Narrative halten die kollektive und individuelle Verdrängung aufrecht: sie ist krank. Kann nicht anders. Ein fremder Dämon hat Besitz von ihr Ergriffen. Ab zur Teufelsaustreibung zum Priester bzw.: wer hat diese Rolle heute gleich übernommen...


Substanzmonismus & Aspektdualismus


Aber Hopfen und Malz bzw. Körper und Leib sind, selbst außerhalb Bayerns, glücklicherweise noch nicht ganz verloren: es gibt noch Perspektiven, die Menschen als ganze Menschen begreifen. Die den Dämon nicht als fremden Dämonen, sondern als Teil von Sophia begreifen (sind also aspektdualistisch, aber substanzmonistisch) und sie ‚dennoch‘ nicht ablehnen – für Sophia ist das zunächst ganz unvorstellbar. Der Dämon ist garnicht ihr Körper, eine ‚Störung‘ in ihrer 'Psyche' oder eine fremde Macht, die Besitz von ihr ergriffen hat, sondern die Manifestation abgespaltener und ins dunkle Reich des Unbewussten, des Unsichtbaren, verdrängter Inhalte und Energien, die in ihrer Welt nicht sein dürfen. Daher auch diese Leere, dieses Nicht-Spüren, diese Taubheit: das Abgespaltene ist Unberührbar, nicht spürbar.


Erinnern wir uns noch daran, dass der Puppenspieler unsichtbar war? Sophia hält sich selbst in der Hand. Zwei Möglichkeiten:

a) das ganze Leben mit der Faust führen. Oder:

b) Loslassen. Die Hand öffnen. Das kann nur sie. Doch wenn unter ihr der Abgrund lauert? Wildes Tier in den Urwald entlassen: das macht Spaß.

Aber Aufprallen auf harten Asphalt?!

Wer würde da Loslassen?!


Selbstbefreundung heißt daher immer auch Weltbefreundung


Und welche Welt wäre uns näher, als unsere unmittelbar UM-Welt. Die da heißt: unser Körperleib.


Nicht der objekthafte Asphaltfeste-Körper, den wie im Spiegel betrachten. Gemeint ist die unendliche Weite, in die wir tauchen, wenn wir die Augen schließen und ins Spüren kommen. Da zuckt und blitzt es zunächst, Donnergrollen und Gewitterwolken ziehen vorbei, bleierne Schwere, taube Nebelschaden, pochende Feuerherde. Aber schau! Dort! Eine Schäfchenwolke, eine sanfte Frühlingsbrise. Ein frischer Atemzug. Die klare Stille, die sich ausbreitet. Hörst du die Stille klingen? Lauschen. Spüren. Dann plötzlich Blitze. Donner. Dunkel. Gefangen im faradayschen Käfig . Fast unaushaltbar. Aufspringen? Atmen. Atmen. Atmen. Atemnot. Brustenge. Enge im Hals. Enge. Krampf. Kampf. Loslassen. Weite. Diese Weite! Freiheit. Vogelflug.


Ja, man muss noch viel Chaos in sich haben….

Diese chaotische Dimension, unser unmittelbar subjektives Spüren, kann von keinem Mainstream-Psychologen erfasst werden. Man munkelt, dass sich der Mythos Objektivität (und seine Freunde Validität und Reliabilität) in den Humanwissenschaften nur deshalb so lange hält (wenngleich ihn selbst die Physik schon seit über 100 Jahren verabschiedet hat), weil er PsychologInnen (und den Verwandten: also Kognitions- und NeurowissenschaftlerInnen) als Schwimmflügel dient, um sich an der sicher überschaubaren Oberfläche zu halten. Hier versucht man alles Subjektive auszuschließen und ‚dingfest‘ zu machen.


Angstabwehr vor dem Chaos. Davon, sich von der Lebendigkeit berühren zu lassen. Eine Angst die sie mit Sophia teilen - doch wie wollen sie sie dann heilen?!?!!!


Was zählt ist das Spiegel- bzw. Gehirnbild. Das Feste. Das, was gesagt, in Begriffe, Operationalisierungen und Kästchen verpackt und anschließend akkurat abgemessen werden kann. Daher erschient das meiste von dem, was sie produziert sehr oberflächlich zu sein. Ohne Tiefe, mit Nonsense- Charakter. Der Schein trügt nicht. Um das spürende Subjekt geht es dort schon lange nicht mehr.


Freie Vögel reisen daher weiter: Beyond Psychology. Schwingen sich auf und tauchen tief ein: dort wo sich Leiblichkeit und Unendlichkeit berühren. Die mutigsten wagen gar ein Tänzchen mit dem Leibhaftigen.



Happy End also? Ende gut. Alles gut?
Halt!
Hast du nicht noch was wichtiges Vergessen? Einmal kurz Auftauchen noch bitte: Was ist denn nun mit Elke?


Elke fühlt sich grundsätzlich wohl und gut verbunden mit ihrem Körper und Leben. Aber mit ein paar Kilo weniger fühlt sie sich einfach anziehender für Herbert (oder war es Heiner? Trifft sie sich gar mit zwei Männern ...?!! Wer hätte das von Elke gedacht?!). Daher macht sie eine Kohlsuppen-Diät vor jedem Urlaub. Essanfälle hat sie keine. Über Weihnachten schmeckts ihr dann aber wieder sehr. Sie genießt auch das. Aber weil sie sich auch im neuen gelb-grün-gemusterten Neon-Bikini sexy fühlen will, macht sie davor ein bisschen Suppenkur - für sich! Davon, wie Heidi auszusehen, ist sie weit entfernt, aber das ist ihr auch ziemlich egal. Ihr geht es allein um das super knackige Körpergefühl und den Badespaß, den sie dann am Pool hat mit H. (und H.). Beide H.s beteuern im Übrigen, dass sie Elke sowohl kurz nach Weihnachten als auch im Bikini einfach hinreißend finden. Nur während der Kohlernte-Zeit im Kleingartenverein von Elke, nimmt der Kontakt spürbar ab. Elke schimpft dann ("unzuverlässige Erntehelfer!") und es herrscht erstmal dicke Luft. Die klärt sich aber meist von ganz allein, sobald Elke den letzten Suppenlöffel verköstigt hat. Dann stehen beide Männer wieder vor der Tür und bieten Elke ihre Hilfe bei der Gartenpflege an. Verstehe einer diese Männer!


Nur eines beunruhigt Elke: Neuerdings spürt sie ein gewisses Tabu, mit dem ihre Diät belegt ist. Auch mit Komplimenten zum Aussehen von anderen Frauen ist sie sehr vorsichtig geworden. So eine gewisse Verunsicherung findet sie ja gut: das regt mal zum Nachdenken an und wie sehr manche Frauen leiden, war ihr davor wirklich nicht so bewusst. Dennoch findet sie den Ton, indem der Diskurs geführt wird, zunehmend befremdlich. Manchmal hat sie den Eindruck, als ob ihr manche die Diät am liebsten verbieten und vorschreiben würden, was sie zu wem zu sagen hat! Und da dachte sie, das Mittelalter und strenger Moralkodex wäre passe. Jedenfalls fragt sie sich da schon sehr häufig: wir leben doch in einem freien Land und ich bin eine erwachsene Frau, die mit ihrem Körper machen darf, was sie will. Oder etwa nicht?!


Ich teile den Eindruck von Elke. Wie immer, wenn es um Frauenkörper (und dh zumindest in 2021 noch: Reproduktion der Menschheit), um Autonomie und Seelenheil geht, wird viel mehr verhandelt, als es auf der Oberfläche scheint. Mächtige Interessen kämpfen darum, sich durchzusetzen - kämpfen um Macht, Ansehen, Geld - und positionieren sich lautstark an den Extremen.


Das Individuum ist gut damit beraten, sich davon allenfalls inspirieren, aber nicht gefangen nehmen zu lassen. Letztlich geht es darum, einen eigenen und authentischen Lebensweg, der nur ein individueller sein kann, zu gehen.


Das Eintauchen und meditative Versenken in den Körperleib kann sich dabei als wertvoller Kompass erweisen. Hier geht es sehr viel stiller zu als in den aufgeheizten Diskursen (die dann doch den immergleichen Skripten folgen).

Aber auch chaotischer, subjektiver. Intensiver: Lebendiger!


Wer würde sterben wollen, ohne je einen Sonnenaufgang beobachtet zu haben?


Wer würde sterben wollen, ohne zu erleben, wie sich der eigene Körper anfühlt?


Wie er sich -wie du dich – anfühlst wenn du jung bist, alt bist, durch die Zeit und Gefühlslagen reist. Wie und wo fühlst du dich, wenn du traurig bist? Wer fühlt wen? Wie spürt sich dein kleiner Zeh an, wenn du die Augen schließt? Da warten Universen darauf, erkundet zu werden!


Du findest das nicht wichtig? Du suchst Selbstfindung in deinem Kopf? Glaubst du, du findest dich in deinem GEHIRN?!! In deinen Gedankenkreisen? In deinen smarten Zielentwürfen? Kraftlose Kopfgeburten. Woher weißt du, dass es DEINE sind? Du kennst noch nicht einmal deinen kleinen Zeh...


Small steps. Erstmal runter vom hohen Ross. Foundation first. Erdnah bleiben. Kleinen Zeh in den Schlamm bohren. Wie fühlt sich das an? …

Nicht bewerten. Fühlen.

Nass. Matsch. Platsch. Kinderspaß.

Be. Here. Now.

Ein erster Schritt.


Und dann: noch tiefer Tauchen. Allein oder mit Reisegefährten.


Noch gibt es sie: die weisen Reiseführer. Die durch die Galaxien schweben. Die mit in schwarze Löcher tauchen. Gelegentlich sanft und leise Flüstern: weiteratmen. Die in deinen Ohren klingen. Wie Wale im Ozean neben dir schwimmen. Beruhigende Vibrationen verströmen. Tiefe Walgesänge, die dich immer tiefer rufen… die wie Obertöne leuchten. Wie Klangwellen tragen. Kosmische Klänge, die nur im leeren Chaos tönen können.


Wie tief?


Reise zum Nullpunkt.


And beyond.


Immer beyond.






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