Eine Essstörung ist keine Gewohnheit

Vokabelarbeit


Präambel zum Instagram-Beitrag ('die caption')

Heute mal kein langer Text, sondern nur ein bisschen Vokabelarbeit, da ich immer mal wieder lese, dass Essstörungen ‚ja (auch) Gewohnheit seien‘. Natürlich kann es den Anschein erwecken, dass sich bestimmte Verhaltens- und Denkweisen während einer Essstörung immer und immer wieder wiederholen oder nach einem ritualisierten Schema ablaufen. Dennoch ist eine Essstörung einfach keine Gewohnheit. Lasst uns da ein bisschen sensibel mit Begriffen umgehen. Merci

Der Instagram-Beitrag


Gewohnheit


Was der Duden (duden.de) sagt:

Ge­wohn­heit, die

Ge|wohn|heit

SUBSTANTIV, FEMININ


durch häufige und stete Wiederholung selbstverständlich gewordene Handlung, Haltung, Eigenheit; etwas oft nur noch mechanisch oder unbewusst Ausgeführtes.

Beispiele: gedankenverlorenes Zähneputzen, Auto oder Rad fahren, Gehen


Gut. Das sollte soweit klar sein. Sehen wir uns nun an, was eine Essstörung ist.



Essstörung


Essstörung, die

Ess|stö|rung

SUBSTANTIV, FEMININ


ICD/DSM: schwere psychosomatische Erkrankung


Jede Mahlzeit wird zur Hölle. Sofern es noch Mahlzeiten gibt. Automatisch-gewohnheitsmäßiges Essen? Das war einmal!

Gedanken kreisen hyperbewusst um Essen und Körper. Kein Bissen bleibt unbeobachtet.

(Nicht-)Ess-Entscheidungen laufen grade nicht unbewusst, automatisiert ab.

Trigger können re-traumatisieren und dann Coping-Verhalten begünstigen. Auch das ist keine Gewohnheit. Oder würden wir Panikattacken, die durch best. Trigger ausgelöst werden, als Gewohnheiten bezeichnen? Nein, würden wir nicht. Der durch best. Situationen begünstigte Essanfall ist es also auch nicht.

Auch zwanghaftes Verhalten ist keine Gewohnheit.


Weitere Anwendungsbeispiele (I)

Wer vor dem Fernseher Abends täglich eine Chips-Tüte nebenbei wegmümmelt, weil das so dazu gehört, hat wahrscheinlich eine 'Abends-Chips-Mümmeln'-Gewohnheit.

Wer (fast) jedes Mal beim Nachhause kommen einen Essanfall hat, hat nicht einfach eine schlechte Gewohnheit.


Weitere Anwendungsbeispiele (II)

Wer sich morgens ohne viel Nachzudenken immer aufs Radl zur Arbeit schwingt, hat es sich angewöhnt morgens mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wer jeden Morgen wie besessen seine km-Runden dreht oder Pams Workouts abturnen muss, weil sonst die Welt zusammenbricht, hat nicht einfach eine schlechte Gewohnheit.


Weitere Anwendungsbeispiele (III)

Wer sich am Esstisch automatisch an 'seinen' Platz setzt, sitzt vermutlich gewohnheitsmäßig dort.

Wer seine Mahlzeiten immer zur selben Uhrzeit, mit dem selben Minibesteck in der genau vorgegebene Reihenfolge isst, hat nicht einfach eine schlechte Gewohnheit.


Implikation

Eine Essstörung ist kein Verhaltensmuster, das sich mal so mir nichts, dir nichts, eingeschlichen hat, und dann mit ein bisschen Umkonditionierung wieder verlernt werden könnte.

Eine Essstörung ist auch keine 'besonders hartnäckige' Gewohnheit. Und auch sehr langjährige oder chronifizierte Essstörungen sind keine Gewohnheiten.

=> Eine Essstörung ist schlicht und einfach: keine Gewohnheit.

Sondern - tadaaa : eine Essstörung!



Metaebene I Was mir missfällt: der leicht oberlehrerhafte Ton, in dem der Beitrag daherkommt. ‚Vokabelarbeit‘ - als ob wir in der Schule wären! Aber es IST Begriffsarbeit! Und da wir in einer Welt der Sprache lebend sind, ist diese so unfassbar wichtig, weil weltgestaltend. Verschiedene Phänomene müssen verschieden bleiben dürfen. Schluss mit der Gleichmacherei! Auch meinen es die VerfasserInnen von ‚Essstörungen sind Gewohnheiten‘/‘Ändere deine Gewohnheiten‘ etc. nicht böse. Wer kann es ihnen, die auch im Zeitalter der Konditionierung sozialisiert sind, verübeln?! Aber kann frau denn auf jede Befindlichkeit Rücksicht nehmen? Sie käme nicht mehr zum Schreiben. Das Blatt würde weiß bleiben. Unschuldig rein. Schreiben: sich mit Buchstaben beschmutzen? Worte haben Macht. Buchstaben sind spitz und kantig. Ist es nicht genau das, worauf ich mit der Vokabelarbeit hinweisen will? Ein Plädoyer dafür, Sprache bedacht einzusetzen. Ja, das wäre vielleicht ein erster Schritt! Ein wirklich guter erster Schritt.



Metaebene II: Nachbesprechung mit Foucault

Ist es nicht erstaunlich, welcher Ordnungswerke ich mich bedient habe?! Für die Definition von Alltagsbegriffen (die Gewohnheit) greift frau zum Duden. Sie versucht es auch für die Essstörung. Doch dort versagt der Duden, also wird sich - trotz Befremden (das kurze Zögern beim Schreiben war nicht zu übersehen) - ICD und DSM zugewendet (‚eine schwere Erkrankung‘). Glücklicherweise fängt frau die schwerkräftigen Wortbrocken gleich wieder phänomenologisch auf, indem sie auf das subjektive Erleben überschwenkt. Doch auch hier bediene ich mich psychiatrischem Vokabular wie ‚Trigger‘ oder ‚Coping‘. Ich bemerke es während des Schreibens, aber schließe die Augen und schreibe schnell darüber hinweg.


Ebenfalls stößt mir schon beim Schreiben das ganze Konzept der Gewohnheiten übel auf, da es auf der Annahme beruht, dass es gleiche Situationen, gleiche Reize gibt, die zu gleichen Reaktionen führen. Gleichmachererei. DEN Tag gibt es nicht. Schon die einzelne Wolke, die vorbeizieht, ist anders. Aber das wissen die Menschen, die sich als Gewohnheitstiere bezeichnen, nicht. Das Differenzierungsvermögen darf eben nicht vorausgesetzt werden.


Ferner: Der Satz „Eine Essstörung ist kein Verhaltensmuster, das sich mal so mir nichts, dir nichts eingeschlichen hat (...)“ ist irreführend. Auch hier bemerke ich bereits beim Schreiben einen Stich, der aber weggeschoben wird, weil frau ja sonst auch noch in den Anti-Ödipus einführen müsste. Richtig ist: „Eine Essstörung ist kein Verhaltensmuster. Und sie ist nichts, was sich so mir nichts, dir nichts...“

Gibt es Muster im Verhalten? Oder nur in maschinellen Systemen? Gibt es starre Systeme?

Verschiebt sich nicht alles ständig. Knoten lösen sich auf und formen sich neu. Das flüssige ich. Anti-Ödipus eben. Aber den auszubuchstabieren… und das in einer Zeit, in der Bücher darüber, wie man sich Gewohnheiten antrainiert, Bestseller sind! In welcher die Menge ruft:


„Gib uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra«, – so riefen sie – »mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!“


Und doch gibt es in der Menge Einzelne, die nicht schreien. Die mir leise ein Herzchen für den Beitrag gegeben haben. Ob dies nun sei, weil das Leiden im Beitrag einen großen Auftritt bekam oder nicht ist unwesentlich, aufgrund folgender Frage:


Hat Zarathustra die leisen Stimmen in der Menge überhört?

Wurde er deshalb so traurig und zum Totengräber?




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