Echte Frauen haben Kurven?

Essstörungen und Ablehnung von Weiblichkeit


Ich sehe es vor mir: ein Professor für Medizin und Psychologie, an seinem imposanten Schreibtisch sitzend. Vielleicht hat er noch eine Pfeife im Mund. Eine nachdenkliche Rauchwolke durchzieht den Raum. Die Frau war und ist ein geheimnisvolles Mysterium für ihn. Faszination und Angst mischen sich in den Nebel. Und nun auch noch die jungen Mädchen!


Führen sich auf und verweigern die Nahrung, statt mit den Porzellanpuppen zu spielen, die ihre Spielzimmer bevölkern. Sehen selbst nurmehr aus wie halbe Püppchen! Wie soll aus diesen knabenhaft anmutenden Rotzbengeln je eine vollbusige Frau entstehen?! Ein echtes Weib, so wie es ihn in seinen Träumen besucht.


Mann muss ihnen das Weib-sein einfach wieder schmackhaft machen. Sie zu echten Frauen erziehen, die lächeln und nicken und vergnügt sind. Auch seine Frau, so überlegt er, könnte sich da noch eine Scheibe abschneiden. Ganz ausgemergelt sieht sie manchmal aus zwischen all den Wäschebergen. Und die Hände ganz aufgescheuert… Ach, wie sehnt er sich nach einem echten Weib! Dann schüttelt er den Kopf - ein Mann von Welt, soll sich tagsüber nicht zu sehr in seinen Träumen verlieren - streift sich den Regenmantel über und macht sich stolzen Schrittes auf den Weg zur Vorlesung. Endlich kann er dort das Geheimnis der hungernden Mädchen enthüllen!


So oder so ähnlich stelle ich mir vor, wie die Theorie, dass Essstörungen ein Ausdruck der Ablehnung von Weiblichkeit seien, in die Welt gekommen ist. Und weil das erstmal recht logisch klingt, konnte sich die Theorie ein Weilchen in den therapeutischen Hinterzimmern und psychosomatischen Besserungsanstalten für ungezogene Mädchen halten - und tut dies teils noch!


Nun fängt frau, wenn sie gefährliche Medien konsumiert - darunter Bücher, die unter der Sparte ‚Feminismus‘ rangieren - nicht umhin sich zu fragen, was Weiblichkeit ist und was es bedeutet eine 'echte Frau' zu sein.


Kurzum: Welche Art von 'Weiblichkeit' wird abgelehnt?


Die echte-Frauen-haben-Kurven(-aber-bitte-auch-nicht-zu-viel)-Weiblichkeit?


Die Ja-und-Amen-ich-räum-dir-alle-Socken-weg-Weiblichkeit?


Die ich-bin-zwar-einerseits-(d)ein-(Sex)Objekt -habe-aber-wenn-ich-keine-Gewalt-erleben-will-mich-nicht-so-aufreizend-anzuziehen-Weiblichkeit?


Die nehm-nicht-zu-viel-Raum-ein-und-sei-bloß-nicht-zu-anstrengend/ laut/ wütend/ intelligent/ dünn/ dick etc.-Weiblichkeit?


Die sei-immer-brav-angepasst-sexy-keusch-gefällig-Weiblichkeit?



Und dann würde frau, einmal derart ins gefährliche Nachdenken gekommen, weiter fragen:

Und Heilung würde dann bedeuten, diese Art von Weiblichkeit anzunehmen?


Therapie müsste dann darauf abzielen, zu lernen, wieder gefällig, brav und pflegeleicht zu werden? Zu lernen, alles widerstandlos und ohne viel Gezeter runterzuschlucken?


Und so ist es - unabhängig davon, ob es nun um Weiblichkeit geht oder nicht (denn wie wir wissen, gibt es nicht die eine Theorie, die für jede gilt) - immer auch legitim, den Zweck von Therapie zu hinterfragen (wozu und wohin soll ich therapiert werden) - und sich bei Interesse mit feministischer Theorie zu beschäftigen.

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