Erfolgsfaktoren für digitales Coaching

Auch der digitale Raum bietet wundervolle Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Neben der örtlichen und zeitlichen Flexibilität hat ein digitales Coaching den Vorteil, dass Kernprobleme deutlicher hörbar werden, grade weil Augenkontakt vermieden wird. Um maximal von einem digitalen Coaching zu profitieren, müssen jedoch einige Aspekte beachtet werden. Bevor ich diese erläutere, ist es wichtig zu verstehen, was digitales Coaching ausmacht.


Digitales Coaching ist dadurch gekennzeichnet, dass entweder das ganze Coaching oder Teile des Coachings via digitalen Medien stattfinden. Diese digitalen Anteile können anstelle oder zusätzlich zum persönlichen Coaching stattfinden. Je nach Design (kompletter oder partieller Ersatz oder Ergänzung der persönlichen Komponente durch die Online-Komponente) ergeben sich verschiedene Herausforderungen an den Coach und Klienten.


Bereits während meines Studiums habe ich mich intensiv mit hybriden Behandlungsformaten in der Psychotherapie auseinandergesetzt. Unter anderem schrieb ich meine Bachelorarbeit über gemischte, sog. ‚Blended Therapy‘-Formate bei Depressionen und Angststörungen. Ich konnte zeigen, dass Blended-Therapy-Formate der Effektivität von traditionellen Therapieformen in nichts nachstehen müssen und - je nach Design - sogar effizienter (das heißt die gleiche Wirksamkeit in kürzerer Zeit oder eine höhere Wirksamkeit in gleicher Zeit) als reine face-to-face-Therapien sein können.


Bemerkenswert ist außerdem, dass selbst die traditionellste Form der Psychotherapie, die Psychoanalyse, ohne Augenkontakt zwischen Analysanden und Analytiker stattfindet, wodurch das Akustische gegenüber dem Visuellen in den Vordergrund tritt, so wie dies auch vielfach im digitalen Raum passiert (beispielsweise bei Coaching über Telefon und Sprachnachrichten). Hinzukommen im digitalen Coaching, je nach Themengebiet, auch schriftlich vom Klienten zu verfassenden Aufgaben, die in der Gesprächspsychotherapie eher die Ausnahme sind und allenfalls in kognitiv-behavioralen Therapieformen genutzt werden.


Auch wenn sich Coaching und Therapie in wichtigen Punkten unterscheiden, sind die Herausforderungen hinsichtlich Verlagerung eines Teils oder der kompletten Dienstleistung ins Digitale ähnlich.


Voraussetzungen für das Gelingen eines digitalen Coachings


  • Vor Beginn des Coachings müssen technische Voraussetzungen, wie ein funktionsfähiger Internetzugang sowie Kenntnisse über den Zugang zu digitalen Medien sowohl beim Coach als auch beim Klienten vorhanden sein. Tendenziell korreliert die Affinität für den Gebrauch digitaler Medien negativ mit dem Alter: je älter die Person, desto wahrscheinlicher benötigt sie vor dem Start des eigentlichen Coachings ein Coaching für die Verwendung der digitalen Medien.

  • Datenschutz: wie auch im persönlichen Coaching ist auf den Schutz der Daten des Klienten zu achten. Bei Nutzung von externen Online-Diensten kann dies eine besondere Herausforderung darstellen.

  • Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses kann bei primär internetbasiertem Coaching mit stark reduzierten oder gar keinem persönlichen Kontakt zwischen Coach und Klient, vor allem zu Beginn, erschwert sein. Es empfiehlt sich daher ggf. zumindest ein persönliches Treffen und Kennenlernen vor Start eines gänzlich digitalen Coachings vorzuschalten.

  • Der Austausch über digitale Medien erfordert von beiden Seiten ein gutes Ausdrucksvermögen. Durch Wegfall der nonverbalen Kommunikation kann es sonst leicht zu Missverständnissen kommen. Findet das Coaching auch über das Telefon statt, kann ein gut geschultes Ohr jedoch Zwischentöne heraushören. Dies ist bedeutsam, um auch den emotionalen Zustand des Klienten richtig einschätzen zu können.

  • Ein weiterer kritische Faktor ist die die Reflexionsfähigkeit und emotionale Reife des Klienten, der in der Lage sein sollte, seine emotionale Lage selbstreflexiv einschätzen und artikulieren zu können. Außerdem sollte der Klient sowohl kognitiv als auch motivational in der Lage sein, Aufgaben, die ihm der Coach im digitalen Raum stellt, selbstständig durchzuarbeiten.

  • Ein digitales Coaching zusätzlich zu persönlichen Einheiten kann sehr intensiv werden. Hier gilt es die Grenzen und Ressourcen des Klienten genau einzuschätzen, damit es zu keiner Überforderung kommt. ‚Viel hilft viel‘ gilt nicht immer. Manche Prozesse brauchen Zeit, um verarbeitet zu werden und ihre volle Wirkung zu entfalten.

Wenn die Grenzen gewahrt, die Herausforderungen eines Coachings im digitalen Raum gemeistert und ein zum Coaching-Thema passendes Design gefunden wird, dass weder Klient noch Coach zeitlich und psychisch weder unter- noch überfordert, lassen sich aus der Kombination von persönlichen und digitalen Coaching Synergieeffekte erzielen. Die Kombination ist dann hinsichtlich Wirksamkeit, Zeit und Kosten einem rein persönlichen Coaching überlegen.


Neben der örtlichen und zeitlichen Flexibilität bieten digitale bzw. gemischte Coaching-Formate weitere Vorteile:


  • Bei Kommunikation über digitale Medien ist eine geringere Hemmschwelle im Vergleich zu persönlichen Einheiten zu beobachten. Bei fehlendem Augenkontakt können kritische Blockaden daher u.U. offener zu Tage treten, weil Abwehrreaktionen oder beispielsweise das Bestreben ‚sein Gesicht zu wahren‘, weniger stark ausgeprägt sind. Dies erleichtert die Arbeit an Prozessen zur Überwindung der Blockaden und fördert die Weiterentwicklung des Klienten wesentlich.

  • Verbesserte Möglichkeiten der Vor- und Nachbereitung: durch die Bereitstellung von Informationsmaterial, zu bearbeitenden Aufgaben für den Klienten oder durch eingestreute Feedback-Abfragen zwischen den persönlichen Coaching-Einheiten, können sich sowohl Klient als auch Coach besser auf die persönlichen Einheiten vorbereiten, wodurch diese dann noch effizienter gestaltet werden können.

  • Das Teilen von Informationen, auf die sowohl Coach als auch Klient Zugriff haben, ist ein weiterer großer Vorteil des digitalen Coachings, da es die Zusammenarbeit auf Augenhöhe und ohne Informationsasymmetrien begünstigt.

  • Förderung des Selbstmanagements der Patienten: ein Coaching im digitalen Raum fördert außerdem das Selbstmanagement der Klienten, beispielsweise wenn im digitalen Raum gestellte Aufgaben selbstständig zu bearbeiten sind.

  • Auch der Übertrag der im Coaching gewonnenen Einsichten in den Alltag kann durch zusätzliche digitale Einheiten und die kurze Abfrage von Zwischenerfolgen erhöht werden. Dies ermöglicht effiziente Feedback-Schlaufen, die sowohl Klient als auch Coach zeigen, was schon gut funktioniert - und was nicht. So können Fehlentwicklung rasch festgestellt und abgepuffert werden und Erfolge durch das zeitnahe Bereitstellen von positivem Feedback verstärkt werden. Auf diesem Weg können positive Erfolgsspiralen in Gang gesetzt werden, die Lernprozesse aktivieren und zu erhöhter Motivation und Selbstwirksamkeit des Klienten beitragen.


Pragmatische Umsetzung


Wie bei jeder Therapie und Coaching das primär über die Sprache abläuft, besteht die größte Herausforderung ins Handeln zu kommen. Was nutzt das beste Coaching wenn es im Leben wirkungslos bleibt?! Wenn das Ego frei dreht und während einer Redekur im akustischen Raum die Bodenhaftung verliert, können allerlei interessante Einsichten gewonnen werden. Es liegt dann im Aufgabengebiet des Coaches und der Verantwortung des Klienten dafür zu sorgen, dass die gewonnen Einsichten auch pragmatisch umgesetzt werden. Neben dem Einsatz von zusätzlichen Coaching-Einheiten im digitalen Raum und dem Einsatz von Feedback-Mechanismen, ist auch die Yogamatte ein wertvolles Werkzeug, um die gewonnen Einsichten praktisch umzusetzen. Das Erleben auf der Matte führt nicht nur zur Gewinnung von bewussten und vorbewussten (also noch nicht sprachlichen) Einsichten, sondern dient auch der Übung und praktischen Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse im kleinen und geschützten Raum.



Die Qualität der Beziehung ist entscheidend


Analog zu den fünf Wirkfaktoren von Psychotherapie nach Grawe (mit dem Faktor ‚Qualität der psychotherapeutischen Beziehung‘ auf Platz 1 jener Faktoren, die für die Wirksamkeit von Psychotherapie entscheidend sind), ist weniger das Wo und Wie des Coachings, sondern die persönliche Beziehung und Resonanz zwischen Coach und Klient entscheidend. Ist die Qualität der Beziehung hoch, lassen sich auch im digitalen Raum wertvolle Impulse setzen, die das ganze Coaching effektiver sowie effizierter machen können als ein rein persönliches Coaching und sich auf diese Weise mit durchschlagendem Erfolg auf das analoge Leben auswirken.

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