Die Liebe sieht das Unsichtbare

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Antoine de Saint-Exupéry


Uns allen ist das schöne Zitat aus dem kleinen Prinzen gut bekannt. Die meisten würden von Herzen zustimmen.

Doch warum ist das eigentlich so? Was entgeht dem Blick, der ohne Herzgeist schaut?


Auch wenn das Samariter-Gleichnis das moderne, säkulare Subjekt ein wenig verschrecken mag, erklärt uns das doch keine schöner als Simone Weil (Gnade und Schwerkraft, H.d.V):


Christus hat uns gelehrt (im Gleichnis vom Samariter), dass die übernatürliche Nächstenliebe der Austausch des Mitgefühls und der Dankbarkeit ist, der wie ein Blitz stattfindet zwischen zwei Wesen, von denen eines mit dem menschlichen Personsein ausgestattet und das andere dessen beraubt ist. Einer von beiden ist nur ein Häufchen nacktes Fleisch, leblos und blutend an einem Straßengraben, ein Namenloser, von dem niemand etwas weiß. Die an diesem Etwas vorübergehen, bemerken es kaum und haben einige Augenblicke später schon vergessen, dass sie es überhaupt wahrgenommen haben. Ein Einziger hält inne und wendet ihm seine Aufmerksamkeit zu. Was hierauf an Handlungen erfolgt, ist nur die automatische Wirkung dieses Augenblickes der Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit ist schöpferisch.
Da die Nächstenliebe auf der schöpferischen Aufmerksamkeit beruht, so gleicht sie dem Genie. Die schöpferische Aufmerksamkeit besteht darin, dass man wirklich aufmerksam ist auf das, was nicht existiert. Das Menschsein ist in diesem leblosen anonymen Fleisch am Rande der Straße nicht sichtbar. Der Samariter, der innehält und schaut, wendet dennoch diesem Nicht-Menschsein seine Aufmerksamkeit zu, und die daraus folgenden Handlungen sind ein Beweis, dass es sich um wirkliche Aufmerksamkeit handelt.
Der Glaube, sagt Paulus, ist das Schauen dessen, was wir nicht sehen. In diesem Augenblick der Aufmerksamkeit ist der Glaube ebenso gegenwärtig wie die Liebe.
Die Liebe sieht das Unsichtbare.

Der klare Blick des Samariters durchschneidet die Mauer der Physis, dringt ins Meta-Physische vor und lässt sich vom Unsichtbaren berühren. In die Offenheit und schwarze Tiefe seines Auges, die aus dem Herzen kommt, bricht das Elend herein. Der Samariter handelt unmittelbar. Ohne Zögern. Ohne vermittelndes Denken. Erkennen ist Tun.


"Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.“

Maturana und Varela: Der Baum der Erkenntnis


Im Gegensatz zum Achtsamkeitsdispositiv, das 'Liebende-Metta-Güte for everybody' © fordert, lässt sich wirklich achtsames Leben von der konkreten Situation ansprechen und antwortet darauf entsprechend den Umständen. Der Samariter braucht keinen Regelkatalog, an dem er sein Verhalten ausrichtet. Mit geübten Herzensgeist antwortet er spontan und intuitiv. Wir alle würden sein Verhalten als richtig bewerten. Und - als dualistische Denker - das Verhalten der anderen als falsch. Doch aus richtig folgt nicht automatisch falsch. Wie wäre es, wenn eine der Vorbeigehenden selbst so verstrickt in eigenes Elend wäre, der ihren Blick nach Innen zwingt?


Müssen wir nicht vielmehr auch die mit verschlossenen Augen Vorbeigehenden, die so auf sich selbst zentriert sind, dass ihnen die Wahrheit der Situation entgeht, mit Herzensgeist anschauen?


Ob man also aus dem Verhalten des Samariters einen Imperativ, eine universelle Regel, die für alle überall und jederzeit gilt, aufstellen soll, bleibt fraglich. In einer polykontexturalen Welt haben es universelle, dogmatische Regelkataloge (zu Recht) schwer. Eine Einladung zur differenzieren und präsenten Wahrnehmung dessen, was ist, ist es allemal.


Unser Da-Sein, das Mensch-Sein, geht über den Bereich dessen, den wir mit unseren physischen Augen sehen können, hinaus. Das Auge der Selfie- und Überwachungs-Kamera sieht nur die Konturen des Fleisches. Der menschliche Blick ist hingegen ein Blick, der durchschneiden und ins Offene durchbrechen kann. Ein Blitz. Der ins Geborgene holt. Das menschliche Auge ist reziprok, auf das und den Anderen, das Du, angelegt. Und kann auch sich selbst nur im Auge des anderen begegnen. Von Augenblick zu Augenblick:


"Alles wirkliche Leben ist Begegnung."

Martin Buber


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