Diätkultur & Essstörungen

Von der der Tracking App zur Cyborg von Willendorf


Schönheitswahn, Diätkultur, Social Media – wenn ein Schuldiger für Essstörungen gesucht wird, sind diese drei Akteure meist mit von der Partie. Während Betroffene selbst immer wieder hervorheben, dass die Heidis und Pamelas allenfalls als Einstiegsmotivation - Thin- oder Fitspirations - dienten und andere betonen, dass der Schönheitskult aber auch wirklich rein gar nichts mit ihrer Essstörung zu tun hat, ist doch zu beobachten, dass es heute mehr Menschen mit Essstörungen gibt als früher.


Selbst Hilde Bruch, DIE Essstörungsforscherin, macht in ihrem Buch „Essstörungen – Zur Psychologie und Therapie von Übergewicht und Magersucht“ 1991 darauf aufmerksam, dass bereits die Römer Fettsucht genauso wie die Griechen verabscheut haben (ebd., S.33). Die römischen Damen hätten „genauso zu leiden, wenn nicht noch mehr, wie das bei jungen Mädchen heute der Fall ist. Sie wurden buchstäblich ausgehungert, damit sie dünn wie Bohnenstangen wurden“ (ebd).


Um den Anstieg der Prävalenz von Essstörungen zu verstehen, erachte ich auch daher die Schön- und Schlankheitsideale, auch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, viel weniger relevant als die Tools, Techniken und das Wissen, welches die modernen Medizin- und Mediendiskurse her- und bereitstellen sowie die, auf diesem Wissen basierende, produzierten Produkte der Diätindustrien. Schönheitsideale mögen eines dieser Produkte sein oder dienen zumindest dem Marketing der eigentlichen Produkte: den Kalorien- und Proteinoptimierten Nahrungsdingen sowie den zahlreichen Apps und Trackern. Wobei letztere wohl auch vielfach v.a. dem Marketing dienen, insofern sie uns verstehen lassen, da es da noch viel 'Raum zur Potentialentfaltung nach oben' gibt.


Dieses Gemisch bereitet das kulturelle Klima, indem so manche Essstörung erst richtig aufblühen kann.



Wissen – Macht – Subjekt

Was den Römern und Griechen fehlte, waren keine Schönheitsideale, sondern das Wissen um die Kalorienlehre, der bio-medizinische Blick auf und in den Körper (noch war keine Leiche aufgeschnitten) und natürlich jene Art von Subjektivierungsverhältnis, welches überhaupt erst ermöglicht, den Blick auf den einzelnen Menschen zu richten.


Die Römer kannten wohl allenfalls das Fasten und Hungern (verfügten also über das Wissen über einen basalen Zusammenhang zwischen Nahrung und Körperumfang) und – als Erfinder der Purgatorien (in Festsälen aufgestellt Behälter für das Übergeben) – die Technik des Erbrechens. Letztere wurde jedoch nicht im heutigen Sinne von der Einzelnen fürs Schlankwerden und -bleiben oder im Rahmen einer Bulimie (die es damals auch noch nicht gab) eingesetzt, sondern diente den - in die Gemeinschaft eingebundenen - Fress-Orgien, zu welchen aber auch nur die römische Oberschicht Zugang hatte. Heute wurde das demokratisiert, wenngleich man zum Alkohol als primären Purging-Stoff übergegangen ist. Als Purgatorium fungiert dabei in München im Oktober regelmäßig die Wiese hinter den Festzelten. Ein Prosit der Gemütlichkeit!


Aspartam versüßt das Leben


Old school Hungern, ohne zu ahnen, dass die Gurke weniger kcal hat als die Torte, ist zweifellos etwas anderes als mit diesem Wissen zu Hungern. Im Gegensatz zur Römerin kann sich frau heute mithilfe dieses Wissens das Hungern ungleich ‚angenehmer‘ gestalten. Die heimische Küche wird zum bio-chemischen Labor, der Körper zum Verbrennungsmotor. Diätgetränke füllen den Magen und koffinieren die müden Glieder. Die Auswahl zwischen 0,1-Jogurt mit Kirsch-, Schoko- und Zimtgeschmack machen das Nicht-Essen abwechslungsreicher. Der Kreativität, neue kcal-arme Rezepte zu erfinden sind keine Grenzen gesetzt, wenngleich frau sich dann doch meist - phasenweise - auf ein bestimmtes Repertoire begrenzt und die Rezepte lieber für die Zeit sammelt, in der sie wieder essen darf. Warten auf Godot 2.0, female edition.


Kcal-Tracker, Diätprodukte, Schritte-Zähler – selbst die Körper- und Küchenwaage – sind alles mehr oder weniger moderne Erfindungen, die - wie sich im Folgenden zeigen wird - auch nicht einfach ‚vom Himmel gefallen sind‘ - wiewohl die Götter in Weiß sie gerne nutzen, um BMIs und Gesundheitsverhalten zu bestimmen. Sind es also doch genuin himmlische Techniken - die allein von den teuflisch- dionysischen Hungerkünstlerinnen, in einem ungeheuren Willen zur Macht - zur Steigerung ihrer Hungerlust - missbraucht werden?


Jedenfalls werden die himmlisch-höllischen Techniken heute von fast allen Frauen mit Essstörung genutzt und verleihen der ganzen Causa Selbstaushungerung nochmal eine besondere Dynamik. Statt nur grob die Nahrungs-Quantität zu reduzieren, kann sie heute jede einzelne Kalorie reduzieren, jeden einzelnen Schritt messen, jedes einzelne geschmolzene Gramm genau beobachten. Sie kann mit den verschiedenen Parametern spielen und bis ins letzte Detail verfeinerte Zwangskonstrukte errichten.


Und da denkt frau, sie wäre in ihrer Nahrungsverweigerung von ihrer Umgebung unabhängig und übersieht, wie sehr sie doch auf die von der Kultur bereit gestellten Techniken (und wenn es nur der geliebte 0,1er Quark ist) angewiesen ist; wiewohl ich auch die Künstlerinnen nicht vergessen will, die beteuern auch langfristig ganz ohne Waage und Magerquark hungern zu können und zu wollen.


Meist sind wir doch ‚Gefangene‘ der Kultur (zumindest der Sprache) – auch und grade in der Rebellion gegen sie. Emanzipation und Freisetzung fängt gemeinhin damit an, dass zumindest zu bemerken.


Haben uns die Zahlen heute vielleicht anders im Griff als die Sprache, die doch – mit Wittgenstein - eher ein Spiel mit uns treibt. Welche Spiele spielen wir mit Zahlen? Platonische? Und welche Spiele spielen sie mit uns? Wenn die Sprache spricht, schweigt dann die Mathematik? Totenstill? Oder lacht sie am Ende gar doch noch ein klirrend-klares Lachen? Ein ewiges Lachen. Ohne Wiederkehr?


Malen nach Zahlen


Natürlich machen nicht die Farben und Leinwände den Maler zum Maler. Gleichwohl ist er auf sie angewiesen, wenn er ein Bild malen möchte. Die Hungerkunst ist etwas anders gelagert, insofern sie prinzipiell auch ohne Farben auskommt. Dennoch ermöglichen die neuen Techniken (die kcal-App, der 0,1-Joghurt, das Proteinpulver, die dietcoke etc.) vielen Aspirantinnen den leichteren Einstieg und haben sicher auch die Hungerkunst selbst verändert und ausdifferenziert. Neben den Klassikern werden nun auch Bilder in grellen Farben ausgestellt. Bunter wird es dadurch nicht. Manchmal sind die Hungerkünstlerinnen der alten Garde auch kaum noch von den Diätkünstlerinnen zu unterscheiden. Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Habe ich mich gar in der Kunstgattung geirrt: Ist die Hungerkunst – in einem Butlerschen Sinn - nicht Ausdrucks-, sondern vielmehr Performanz-Kunst?


Post-moderne Hungerkunst


Jedenfalls lernen wir, unabhängig von der Kunstform, durch die Diättechniken, Tracker und Apps, die mit dem Handy ins Leben einziehen, uns selbst als messbare und quantifizierbare Objekte wahrzunehmen. Fernab aller Romantik ist z.B. das handschriftlich geführte Ernährungstagebuch, in welchem G-u-r-k-e-n-s-a-l-a-t aufgeschrieben wird, Ausdruck einer anderen Beziehung, als das Antippen von ‚Gurkensalat (hausgemacht)‘ in der App, was ohnehin schon ein Problem darstellt, insofern kein eindeutiger Kaloriengehalt ausfindig gemacht werden kann. Da ist der Joghurt mit eindeutigem Label aus dem Supermarkt verlässlicher. Hausgemacht wird vermieden. Nicht aufgrund der Verwertbarkeit für den Organismus – die Trackbarkeit für die App ist entscheidend. Der Name des Joghurts ist nebensächlich, die Bedeutung des Begriffs verweist nur noch auf einen kcal-Gehalt, eine Zahl, einen Brennwert. Eindeutige Bezüge. Was würde Lacan dazu sagen?


Durch den Gebrauch der quantifizierenden Techniken verändert sich die Subjektivität, das Verhältnis zu bzw. die Vorstellung von sich selbst – ohne dass es auf deren Inhalt ankäme. Ob wir Kalorien, Makronährstoffe, Schritte, Meditationsminuten oder Schlafstunden zählen, macht keinen Unterschied. Wesentlich ist, dass wir zählen, messen, optimieren und gelernt haben, uns als vermessbare Wesen wahrzunehmen – und uns als diese konstituieren.


Noch ist dies allerdings mit gewissen Reibungsverlusten verbunden, insofern wir (noch) daran scheitern, uns der Vermessungslogik völlig anzupassen. Das zeigt sich in all jenen Fällen, in welchen wir mit Widerstand auf sie reagieren, z.B. indem wir uns nicht an das festgesetzte kcal-Budget halten.

Zur modernen Selbststeuerung brauchen wir also noch viel mehr Wissen über das zu steuernde Objekt. So weiß man über das Objekt Frau nun, dass dieses in der lutealen Phase mehr Wärme abstrahlt, weshalb das erlaubte kcal-Budget in PMS-Zeiten vorausschauend und präventiv etwas höher angesetzt wird. Lineare Pläne für Jedermann sind von Gestern, die Entwicklung eines eigenes Gespürs von vorgestern. Heute wird adaptiv, spezifisch und individuell geplant. Und das möglichst Neurospezialisiert und Gastroempathisch.


Ein Fehler wäre es nun allerdings die Anorexie als perfekte Beherrschung oder Anpassung an die Techniken bzw. als ihren logischen Ausgang zu betrachten. Viel zu oft wird sie fälschlicherweise als ‚außer Kontrolle geratene Kontrolle‘ gedeutet. Mitunter gibt es Formen, für die das zutreffen mag, bei anderen Formen nicht. Die meisten Magersüchtigen begnügen sich auch mit nur ein oder zwei Maßeinheiten (Kalorien, Körpergewicht, ggf. noch Schrittzähler). Keep it simple - Das Motto der wirklich großen Künstler.


Das Medium IST die Botschaft


Marshall McLuhan (1911 - 1980), einer der bekanntesten Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts, meinte, dass das Medium nicht Übermittler der Botschaft, sondern selbst die Botschaft ist. Er erklärt u.a. den Wechsel vom lesenden, visuellen Sinn auf den (für die auditiv-vermittelte Propaganda) ‚unvorbereiteten‘ Hörsinn durch plötzliche Einführung der Radiotechnik als Kofaktor für die Entstehung des 2. WK. Es liegt daher nahe, dass die Diättechniken - der Wechsel vom Schreiben zum Zählen, von der Schrift zur Zahl - selbst zumindest Teil der Botschaft sind, die im postmodernen Krieg gegen die Körper mitzudenken sind. Was ist die Bedeutung der Zahl? Worauf verweist sie? Von Spielarten der Zahlenmagiker und Synästhetiker abgesehen, verweist die Zahl, anders als die Sprache, auf etwas Eindeutiges? Der Baum kann tausend Bäume meinen, aber die 2 meint nur die 2?


Besonders interessant ist es, wenn frau nach dem Ursprung der Techniken fragt. Und diese v.a. in den medizinischen Diskursen findet. Mithin sind das grade jene Disziplinen, die auch an der Heilung des modernen Subjekts beteiligt sein wollen, dabei aber auch Allianzen mit kapitalistischen Diskursen eingehen: der messbare Körper lässt sich nicht nur medizinisch und staatlich gut überwachen und steuern (sofern man hier eine Trennung machen will), sondern auch für andere Zwecke optimieren – fragt sich nur: in welchem Interesse?!


Die Kalorie als Mikrodispositiv


Wenn wir über Diätkultur sprechen, dürfen wir den Hauptakteur, mit dem wir gelernt haben, die Nahrungsdinge zu messen und zu ordnen nicht vergessen: die Kalorie.


Die Maßeinheit der Kalorie ist DAS Steuerungsinstrument – Foucauldianer führen an dieser Stelle gern Begriffe wie Governementalität, Selbsttechnologie oder Biopolitik ein – und so wundert es uns nicht, dass sie just in dem Zeitalter der Industrialisierung ‘erfunden‘ wurde.


Dr. Nina Mackert (Universität Erfurt) schreibt hierzu (in: Die Karriere der Kalorie. Eine Geschichte des Essens und Messens in den USA der 1860er bis 1930er Jahre - Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung - LMU München (uni-muenchen.de)):

Um 1900 erlangte die Kalorie zunächst Bedeutung als Einheit, über die erstmals die Ernährungsweisen von Populationen miteinander verglichen und reguliert werden konnten (u. a. in Sanatorien, Gefängnissen und der Armee bzw. in Ernährungsstudien unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen). Im frühen 20. Jahrhundert fand das Kalorienzählen unter anderem über Diätratgeber den Weg in die Alltagspraktiken von Individuen und forderte diese auf, ihre Nahrungsaufnahme zu kontrollieren und auf ihre Gewicht zu achten. Flankiert von einer zunehmenden Problematisierung von „Übergewicht“ schien das Kalorienzählen über die Fähigkeit von Individuen Auskunft zu geben, sich selbst angemessen zu führen.

Klinik, Gefängnis und das Militär als Umgebung der Kalorie, zur besseren Vergleichbarkeit und Regulation von Bevölkerungsgruppen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Foucault heute nicht mehr über Sex, sondern über Ernährungspraktiken nachdenken würde. Hier wie dort geht es um Begehren, Lust, Wahnsinn, Gesellschaft, Überwachen und Strafen. Dass sich die Maßeinheit der Kalorie - das Konstrukt der Kalorie - durchsetzen konnte, hat also ganz wesentlich damit zu tun, dass sich die Kalorie sich gut mit anderen Interessen und Diskursen verbunden hat.


Die Wirkmächtigkeit des Mikrodispositiv der Kalorie ist bei Weitem noch nicht hinreichend bewusst. Kaum eine zweifelt daran, dass die Gurke tatsächlich 19kcal/100g HAT, wiewohl die Kalorie ein menschliches Konstrukt ist, dass der Gurke auf Grund ihrer Brenneigenschaften in (künstlichen) Experimentalsituationen zugewiesen wurde.


Mitunter bietet es sich an, über die Konstitution der Kategorie Kalorie nachzudenken:


Eating trouble - Das Unbehagen in der Esskultur.

Performt die Gurke ihren Kaloriengehalt oder drückt sie ihn aus.


Ebenso wie Judith Butler in Gender trouble bzw. Das Unbehagen der Geschlechter gezeigt hat, dass Geschlecht eher performt und konstituiert wird, denn Ausdruck einer wesenhaften Essenz ist, ist die Art und Weise, wie wir über Essen sprechen und es erleben, keinesfalls in Stein gemeißelt. Und so bietet es sich an, dass reduktionistische Konzept der Kalorie bzw. die Perspektive auf Nahrungsmittel als physiologische, natürliche, biologische Brennstoffe zu verschieben.


Die Gurke liefert weniger Treibstoff als die Torte. Auf Eben der Verbrennungsmaschinen ist das nicht zu bestreiten. Wer sich nicht nur als diese betrachtet, dem steht es frei, Nahrung unter einer anderen Perspektive zu betrachten.


Dem einzelnen Menschen liefert die Gurke mitunter kühlende Frische oder Eiseskälte, grüne Farbe auf dem Teller oder giftgrüne Assoziationen, knackig-kräftiges Kauen, wütendes Beißen oder sommerliche Leichtigkeit. Die Torte je nach subjektivem Erleben und situativem Kontext schmelzend-wolllüstige Wohligkeiten, erdrückende Luftnot, fette Umarmungen, wuchtige Fülle, bleierne Schwere, schamvolle Erinnerungen oder süße Träume.


Doch wo in der App ist das gleich einzutragen?! Der verengte Blick auf die Kalorie, reduziert nicht nur die Nahrungsmittel auf EINEN Faktor (den Brennwert), sondern reduziert auch den Menschen auf eine - wie es Houellebecq das formuliert hat: „in Zähnen endender Speiseröhre.“


Die Verbrennungsmaschine, die die Gurke verbrennt - der Roboter - KANN tatsächlich anderen Qualitäten nicht empfinden. Er kann gar nichts empfinden, keine Beziehungen eingehen, sich nicht mit anderen und der Welt verbinden, keine unterschiedlichen Erfahrungen machen, Wachsen, sich entfalten, ausprobieren - er kann nur verbrennen.

Dem Menschen steht dies frei.


Eine zweifellos problematische Freiheit! Menschen sind sterblich, ins Dasein hineingeworfen, in eine mitunter chaotische Welt. Sich zum effizienten Roboter zu optimieren, scheint heute ein für immer mehr Menschen gangbarer Lösungsweg zu sein. Warum also nicht auch in diese Richtung denken? Der Humanismus konnte sein Versprechen ohnehin nicht halten. Die Algorithmen sind auf dem Vormarsch. Warum nicht mitmarschieren? Eben darum.

Wenn Cyborg, dann höchstens sensu Donna Haraway.


Auch hier die Parallele zwischen Humanismus und Schrift. Ein handschriftliches Ernährungstagebuch lädt ganz sicher eher auch zur Exploration andere Nahrungserlebnisse ein. Man denke an Marcel Proust. Ist es die Schrift, oder das weiße Papier? Allenfalls leere Linien sind vorgegeben, freier Ausdruck ist noch möglich. Im Gegensatz zur App, die ggf. allenfalls Kästchen vorgibt. Das Ankreuzen bietet eine Illusion von freien Selbstausdruck, während die Performanz und Konsitution verschleiert-unerkannt bleibt.



- - - - - - - - -die nachfolgenden Abschnitte wurden -wie auch das Kursiv gesetzte - als nicht Instagramabel erkannt, daher umformuliert, anonymisiert und dann dort bzw. hier und hier Häppchen-gerecht serviert - - - - - - - - - - - - -




Übersetzungsketten und die Ordnung der Nahrungsdinge


Interessant ist es ferner nachzuspüren, wie das Wissen zum Subjekt kommt – oder es zu ihm. In meinem Fall war es in den 1990er Jahren über eine Freundin, ich glaube, sie hieß Brigitte oder war es doch schlicht Sie, im franz.: Elle? Tatsächlich war es die 'Bild der Frau', welche an ihrer Front ein kleines Kcal-Heftchen als Gratis-Beigabe kleben hatte: „Fett- und Kalorien-Tabelle – Ideal für Unterwegs.“ Wollte ich nicht eigentlich nur die Bravo kaufen? Warum kaufte ich auch die Bild der Frau? Es ist zu vermuten, dass ich sie nicht gekauft habe (was interessieren mich royale Klatsch-Stories?!), sondern das Heftchen magisch in der Bravo verschwand. Gratis-Beigabe, oder?


Bis dato hatte ich nur einen groben Überblick über die Ordnung der Nahrungsdinge: es gab gesundes Obst und Gemüse und Ungesundes wie Eis, Schokolade und Gummibärchen und andere Sachen, die sich den Kategorien entzogen wie Brot, Wurst, Käse, Fischstäbchen, Kartoffelbrei, Nudeln mit Tomatensoße oder Erdbeerquark. Bis dato aß ich. Und dann aß ich wenig und manchmal sehr wenig. Vielleicht ein halbes Honigbrötchen, einen halben Apfel und ein Glas Milch (ohne zu wissen, ob es 3,5%ige oder 1,5%ige war), oder Toast mit Erdbeermarmelade und Nutella, dann nichts und dann, wenn der Hunger nicht mehr auszuhalten war, ein bisschen Obst, und dann später Abendbrot – so in etwa.


Das Heftchen lehrte mich dann eine ganz neue, viel feinere Ordnung. Süßigkeiten waren nicht einfach nur Süßigkeiten. Obst nicht mehr Obst. Es gab eine Rangordnung der Nahrungsdinge, wobei die guten Dinge (mit wenig kcal und Fett) ganz oben stehen. Die letzten Plätze interessieren nicht, allenfalls als Abschreckung. SO VIELE KALORIEN?! Im Vergleich zu Null sind 100 tatsächlich viel. Wenn außerdem das Maximum der Skala bei 300 liegt, der Median bei 100 (also die meisten angeführten Lebensmittel eher im niedrige kcal-Bereich liegen), muss frau ja verrückt sein, etwas vom Ende der Liste zu essen.


Wenn es Süßigkeiten ohne Fett gibt: Warum sollte frau dann noch Kekse essen?! Warum sollte sie überhaupt noch Lebensmittel unten auf der Liste essen? Sie wäre ja schön blöd. Und das war ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.


Als mich das Heftchen erreichte, war ich bereits Hungerkünstlerin (dieser Hinweis ist sehr wichtig), war mit Algebra vertraut und wusste mich in die Kästchen der schulischen Stundenpläne perfekt einzufügen. Ich hatte großen Spaß an Deutsch, aber auch an Mathe: dort gab es immer gleich ein Ergebnis. Wohingegen die Schönschrift mein Makel (nur Note 2) war. In Mathe interessierte das weniger: solange die (3+3=) 6 als 6 zu erkennen war, war der Schwung, mit dem sie geschrieben wurde, nicht so wichtig. Hautsache die Essenz der Sechs ist erkennbar. Was ist die Essenz von 6?


Warum ist es bei Wörtern so wichtig, sie ‚korrekt‘ zu schreiben? Warum reicht hier keine Andeutu.. Ich spreche doch nicht zu Idioten, sondern vertraue darauf, dass sie die fehlenden Buchstaben und Kommata bei Bedarf und je nach Gusto schon eigenmächtig einfach ergänzen. Im Rausch bleibt keine Zeit für Kommata. Manch einer wird mir das als mangelndes Feingefühl auslegen wollen. Wer gelesen werden will, muss auch das Schreiben lernen. Wer Teil der Kultur sein will, muss sich ihr beugen? In Mathe gibt es keine derartigen Konflikte und auch keine Identitätsprobleme. 1 = 1.


Vorne im Heftchen stand, dass die normale Frau 60g Fett/Tag benötigt. Wer abnehmen will, solle 30g nicht überschreiten. Auch wenn ich das gar nicht so sicher wollte, habe ich diese Herausforderung für das Bild der Frau, die ich zu werden begann, natürlich angenommen!


War ich übermäßig ehrgeizig? Oder einfach nur sehr neugierig? Neugierig was passiert, wenn ich nur noch 10 g Fett/Tag esse? Und dann 5 oder gar kein Gramm Fett. Das erschien sehr einfach: Gummibärchen, Reis, Nudeln, Ketchup und Äpfel. Und dann entdeckte ich die riesige Auswahl an 0.1-Joghurts. Wussten Sie, dass man diese Einfrieren kann und frau dann 1h mit dem Essen eines Joghurts verbringen kann? Die eingefrorene Zunge brennt danach ein wenig. Aber frau hat 1h pures, apollinisch-dionysisches Vergnügen gehabt.


Ja, ich hatte großen Spaß an den Zahlen. Die Magersucht erklären sie nicht (das verdeutlicht der Ausflug ins Reich der Eisjoghurts denke ich hinreichend…). Aber es ist doch wichtig, die Welt der Zahlen zu kennen, um sie zu verstehen. Und auch, um ausgehend davon, einige Heilungswege - die doch nur in die nächste Ideologie, aber nicht in die Freiheit führen - ausschließen zu können.


Offen Forschungsfragen sind, wie die Wissenstransmission und -repräsentation heute stattfindet. In einer App sind die Nahrungsdinge nicht mehr in Listen geordnet. Nur noch das, was frau eintippt scheint überhaupt erst auf...Reduktionismus par excellence


Quantified therapy fürs quantified self in a quantified world

Persönlich glaube ich weder an Quantenheilung noch an quantifizierte Heilungsversuche für Menschen aus Fleisch und Blut, insofern sie sich nur auf p-werte und nicht auf menschliches Erleben stützen - bin aber damit wohl Teil einer aussterbenden TherapeutInnen-Gattung.


Jedenfalls verändern die Techniken, unabhängig davon, ob wir sie ‚medizinisch korrekt‘ einsetzen und z.B. brav die 2000-2500 kcal abzählen und die Waage artig nutzen oder sie zu essgestörten, diätistischen, hungerkünstlerischen oder selbstoptimierenden Zwecken gebrauchen, in JEDEM dieser Fälle den Blick auf den eigenen Körper, das eigene Essverhalten, die Nahrungsmittelauswahl und die Welt.


Doch statt einer Entschuldigung für den medizinisch-objektivierenden Blick auf das Psychosom, insbes. den Frauenkörper, wird dieser vielfach NOCH SCHÄRFER gestellt.


Essstörungen als Rechenstörungen


Den Höhepunkt stellt für mich regelmäßig die Präsentation der Ernährungslehre bei der Behandlung von Essstörungen dar, die davon ausgeht, dass sich Essgestörte lediglich verrechnen würden:

Statt 0+10+0+150+0+300+0+0+600 soll man lernen eine andere Gleichung aufzustellen. Sie sieht in etwa so aus:

400 (Frühstück) + 200 (Snack1) + 600 (Mittag) + 200 (Snack 2) + 500 (Abend) + 200 (Night-Snack)

Manchmal werden auch nur Portionsgrößen vorgegeben oder Kalorien in KH-Mengen umgerechnet.


Der einzige ‚kritische‘ Diskurs, den ich in all den Jahren vernommen habe, ist der über die richtige Formel und geht nicht weit über das durchschnittliche Bildungsniveau des Fitnesstrainers next door hinaus - für dessen Logik ich durch die in der Klinik abgesicherte Ernährungslehre perfekt vorbereitet wurde ("wenn man selbst dort die Lehre verbreitet, muss sie wohl richtig sein!"). Auch dort wurde mir ja vermittelt, dass Essen nichts anderes als Rechnen ist. Jahre habe ich dann auf der Suche nach der Formel verbracht: denn natürlich ist das Super-Wissen des knackigen Trainers - nach der Entlassung aus der Klinik fühlt frau sich in Gyms besonders wohl - dann doch argumentativ überzeugender als die in Birkenstock vorgetragenen 10 Gebote der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, kurz DGE (zur Disziplinierung der Bundeskörper durch die DGE vgl hier).


So lehrt z. B. das Intermittierende Fasten: 0 + 0 + 0 + 500 + 0 + 1500

Andere führen zusätzliche Variablen ein: 300 kcal (30g KH / 30g EW / 5g Fett) + 120 kcal (30g EW mit BCAA) + etc pp.

Und dann gibt es auf dem Weg aus einer Essstörung Millionen weitere dieser Formel zu erkunden. Paleo, Atkins, Vegan High Carb - Low Fat, etc.



Am befremdlichsten war außerdem die Art und Weise WIE mir das Wissen präsentiert wurde. Als BesitzerInnen eines Art Geheim-Wissens der perfekten Ernährungsformel, scheinen sich die vermeintlichen ErnährungsexpertInnen Ihren PatientInnen haushoch überlegen zu fühlen und reagieren mehr als genervt, wenn frau ihren Expertenstatus anzweifelt.

Damals fehlte mir die Argumente: Wissen ist immer situiert und im historischen Kontext zu denken, die Kalorie nur ein Konstrukt etc.

Heute macht es mich wütend.



Von der kcal-Verbrennungs- zur Emotions-Verarbeitungsmaschine

"Aber halt!", wird manche anmerken. "Wir haben uns doch in der Klinik auch mit unseren Emotionen befasst." Oh ja, das haben wir. Und wie:


Indem wir im Stuhlkreis gelernt haben, sie korrekt zu benennen: Dort hängen Begriffe an der Wand. Dann die Aufforderung zum Geständnis: "wähle bitte den richtigen Begriff aus, ordne dich korrekt einer Emotion zu" und der Psy-Experte verrät dir dann den richtigen Lösungsweg ('erkundet ihn gemeinsam mit dir').

X= Trauer -> f(x)=y= weinen => „Du darfst jetzt Wein-Verhalten zeigen“ oder, in der 2. Welle deine Kognitionen und Bewertungen ändern, wenn du es nicht möchtest, oder, mit der 3. Welle: alles radikal akzeptieren oder darüber ein bisschen meditieren.


X= Wut -> f(x) = y = Wähle bitte Skill 1- 5 zur kontrollierten Emotionsentladung. Wenngleich der Systemiker mitunter auch fragen würde, für wen im System du denn nun stellvertretend wütend bist.


X = dick -> f(x) = error “Aber dick ist doch keine Emotion“ - darin sind sich alle Psys einig. Das steht so nicht bei Ekman. Also zurück auf Start & bitte versuche es erneut.


Die korrekte Identifikation ist wichtig für die Einleitung des anschließenden, korrekten Verarbeitungswegs. Ebenso wie die Kcal individuell verbrannt wird, werden Emotionen heute einmal durch das Individuum gezogen und so ‚verarbeitet‘. Fühlen ist Arbeit. Wer die Masterformel zur objektiven Emotionserfassung findet (heute ist man ärgerlicherweise immer noch auf die Selbstauskunft angewiesen), wird der nächste Jeff Bezos. Ich vermute, sie wird aus den Reihen der Positiven Psychologie kommen. Auf dem Weg zum Happiness-Algorithmus 😊



Freisetzung statt Erlösung


Beim Wort Erlösung - weiß der Münchner Professor Schönherr-Mann in "Das Blau des Sprachspiels: Wittgenstein und die politische Philosophie" zu berichten - "handelt es sich um eines der mächtigsten und gewalttätigsten Worte der christlichen Geschichte."(S. 20)

(...) die Moderne weiß spätestens seit Nietzsche, Freud und Foucault, dass sie nicht so gut ist, wie sie einst sein wollte, dass sie keine Heilsversprechen geben kann, dass sie die Menschen, daher auch nicht beschützen, sondern bestenfalls freisetzen kann in zweifellos problematische Freiheit, die nicht ohne Macht und Gewalt auskommt, wie sie der französische Existenzialismus entwirft. (ebd., S.21)

Also, worauf warten Sie: lassen Sie die Wissensbrocken los! Machen Sie sich frei von p-Werten und SPSS-Statistikprogrammen. Noch sind wir und therapieren wir Menschen. Wer oder was auch immer der Mensch ist. Trauen Sie sich ins Unbekannte aufzubrechen - oder erlauben Sie wenigstens Ihren Patientinnen den Ausbruch.



Der Mensch: ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Cyborg

Neben all der Technikkritik sei dies, um nun wirklich mal ein Schlusswort zu finden (wer heute verstanden werden will, hat sich vor allem kurz zu fassen), kein Plädoyer zu einem ‚zurück zu früher‘, was es ohnehin nicht geben kann: wohin sollten wir reisen? Zum imaginierten natürlich-esoterischen Menschentier?


Ich schlage vor, sich für die Befreiung der römischen kcal-Sklavin vom medizinisch-naturwissenschaftlichen Blick zu lösen und ihn sprachlich anders auszuleuchten.


Den Blick weicher werden lassen. Das Verschwommene zulassen. Andeutungen erlauben.


Vielleicht den Blick verschieben hin zu jenem Übermenschen, der Lebenskünstlerin, von der fraglich ist, ob sie überhaupt noch in die Gattung Mensch fällt oder schon weggespült wurde. Vielleicht zeigt sich in der Gischt eine moderne Cyborg, wie sie die amerikanische Professorin Donna Haraway entworfen hat. Ähnelt sie mit ihren schlanken Gliedmaßen und dem großem Kopf nicht ohnehin ein wenig der Hungerkünstlerin von heute? Drahtig ist sie ja, die Cyborg aus Silicon Valley. Alexa. Oder wird der Archäologe in 1000 Jahren eine Cyborg in Willendorf finden?


Ernährt sie sich noch von der Welt, oder ist sie längst mit ihr verwoben? Sie steht nicht mehr materiell-existenziell heraus und ist schon gar nicht als Subjekt einem Objekt gegenüber gestellt. Ist sie durch die Technik wieder eingebunden, in jene andere Welt, die keinen Anfang, aber auch kein Ende, hat?


Die Lichtung verwachsen.


Verwoben in murmelnde Algorithmen und zuckende Zahlennetze.






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Let me repeat: from thinking to feeling, from feeling to being, from being to non-being, and one has arrived. One has disappeared and one has arrived. One is no more, for the first time. And for the first time one really is. OSHO


Erleuchtung 2.0, female edition.




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