Gesellschaftliche Kontextfaktoren von Essstörungen

Das Unbehagen in der Messkultur


Essstörungen sind Phänomene, welchen man sich am besten aus multiperspektivischer Sicht annähert und dabei den Glauben, dass es die eine objektive Wahrheit über Essstörungen gibt, fallen lässt. Gleichwohl gibt es Perspektiven, die mehr verstehen lassen als andere. Grundsätzlich ist jeder Mensch mit einer Essstörung, wie auch jeder andere, ein Individuum, mit ganz eigener Lebensgeschichte, Erfahrungen, Genkombis, Wünschen, Bedürfnissen und Zielen.


Gemeinsam ist uns das Aufwachsen und Leben in einer Kultur, der bereits Sigmund Freud eine gewisse Unbehaglichkeit nachsagte. Um sich den gesellschaftlichen Kontextfaktoren von Essstörungen anzunähern – wie ich dies im Folgenden im Kleinen, d.h. im Instagram-Format, versuche - muss frau ferner äußert Bescheiden vorgehen, da diese Faktoren, Phänomene und Strömungen selbst wiederum jeweils in eigene, weitumfassende Diskurse eingebettet sind.


So viel lässt sich guten Gewissens sagen: Schlank- und Schönheitsideale, Kalorienregimes und Quantified self- Diskurse spielen als Auslösekräfte bei manchen Essstörungen eine Rolle, für andere bereiten sie das Klima, in welchen diese erst richtig aufblühen können und wieder andere Formen tangieren sie nur peripher, wiewohl sich keine ‚der Kultur‘, in der sie lebt, ganz entziehen kann.


Anders gefragt: fördert unsere Kultur ein Klima, welches zur freien, reifen und individuellen Selbstentfaltung ermutigt? Oder stimmt uns der Neoliberalismus unter dem Deckmäntelchen der Freiheit doch alle eher dazu ein, dasselbe zu wollen. Und inwiefern stehen insbesondere Mädchen und Frauen noch immer unter einem ganz besonderen Druck das Richtige wollen zu sollen?


Dass Schönheitsideale meist Schlankheitsideale waren, ist indes keine Neuheit. Schon die Römerinnen der Antike standen unter dem Druck möglichst schlank zu sein. In den 1970er Jahren galt die extrem dünne Twiggy als Idol. Den gefühlten oder tatsächlichen Anstieg der Prävalenz von Essstörungen können Schlankheitsideale also eher weniger erklären.


Auch darf frau nicht vergessen, dass Kritik an der Mediennutzung schon immer von paternalistischen Gesten begleitet war: als man(n) um 1900 keine organische Ursache für die Hysterie in der Gebärmutter fand (die vielfach als ältere Schwester der Anorexia nervosa, der Magersucht, gehandelt wird), machte man u.a. die Mediennutzung der Frauen, die zu verwirrenden Gedanken führen würde, verantwortlich.


Indirekt spricht man so Mädchen und Frauen die Kompetenz zur kritischen Mediennutzung ab und vergisst, dass heute z.B. auch die jungen Mädchen bestens über die verschiedenen Retuschier- und Filtervarianten informiert sind – sie nutzen sie schließlich selbst.


Die Annahme, dass der Blick auf ein dünnes Model oder Instasternchen genügt, damit sich Mädchen (halb) tot hungern, reduziert Essstörungen außerdem auf banale Oberflächenphänomene und verharmlost sie in einer unzulässigen und gefährlichen Art und Weise. Hinter manifesten Essstörungen stecken mitunter schwere Schicksale, Entwicklungsverzögerungen, gravierende Selbstwertprobleme, belastende Familienstrukturen oder Identitätsstörungen. Dass die Gesellschaft, in der wir leben, für vulnerable Gruppen vielleicht nicht die zuträglichste ist, gilt indes auch für andere Erkrankungen.


Im Vergleich zur Römerin der Antike, und selbst noch im Vergleich zu Twiggy der 1970er Jahre, neuartig ist hingegen die Technologisierung privater Bereiche, die Internet-ifizierung, die Smartphone-ifizierung, die Appifizierung und die immer weiter um sich greifende Quantifizierung.


Kritische Geister merken an, dass selbst die Psychologie, wie sie sich im Mainstream gebärdet, aktuell nicht mehr denkt, sondern – um die Unterscheidung von Heidegger zwischen rechnendem und denkendem Denken aufzugreifen – nur noch rechnet. Insofern überrascht es denn auch nicht, wie kompatibel sie mit den, den Zeitgeist beherrschenden Diskursen, ist.


Jedenfalls stehen dem modernen Subjekt heute zahlreiche Apps zur Verfügung, mit deren Hilfe es Schritte, Kalorien, Meditationsminuten, Schlafstunden und sogar Schäferstündchen zählen kann. Nur den wenigsten gelingt es, die Daten als reine Messwerte von menschlichen Konstrukten zählen zu lassen. Ebenso wie die Zeiteinheit, ist ja auch die Kalorie ein menschliches Konstrukt und kein Abbild der Wirklichkeit. Wenn sich die Wahrnehmung auf das Zählen, Messen und Wiegen verengt, gerät das subjektive Erleben zunehmend aus dem Blickfeld, das sich ohnehin der Trackbarkeit widersetzt. Wie etwas subjektiv erlebt wird, entzieht sich sui generis der App und jeglichen quantitativen Vermessungsversuchen.


Die derart vom subjektiven Erleben losgelöste Zahl, kann dann ins Unendliche optimiert werden. Nicht mehr das globale Wohlgefühl – oder gar die kantsche Gewissensprüfung abends vor dem Einschlafen ist wichtig – sondern ob die App den richtigen Tagesoutcome anzeigt – auf die kcal, auf den Schritt genau! Eine doch sehr despotische Art der Eigenüberwachung und Selbststeuerung.


Statt auf ihrem subjektiven Erleben und Denken zu bestehen und diesem eine höhere Priorität zuzusprechen, scheint für immer mehr Menschen die Unterordnung unter die Zahl ein gangbarer Weg zu sein, der noch Halt in einer ‚Welt ohne Gott‘ zu geben verspricht. Im Reich der Zahlen gibt es noch eindeutige Werte, wiewohl das Gute dort meist heißt: nicht gut genug. Dies im Übrigen ein durchaus an das christlich-abendländische Vorstellungsbild vom ‚Menschen als Sünder mit Optimierungsbedarf‘ anschlussfähiger Gedanke.


Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Tracking-Apps grade dort besonders beliebt sind, wo das Ideal einer effizienten (und dank (positiv-)psychologischer Interventionen auch zunehmend 'glücklichen') Maschine als Lebensmodell besonders hochgehalten (ich denke hier an den Bereich ‚Fitness‘, ‚Militär‘ und 'Arbeitsmarkt') oder aufgrund traumatischer Erlebnisse oder anderer Lebenserfahrungen, die Ausrichtung des eigenen Lebens anhand eigener Impulse gescheut wird.


Mensch zu sein, zu bleiben, oder sich zu einem zu entwerfen, auf die eigenen subjektiven Empfindungen zu vertrauen sowie das kritische Denk- und Wahrnehmungsvermögen zu schulen und die Verantwortung für das eigene Leben anzunehmen, wird in einer Welt, in der Algorithmen den Takt angeben, nicht unbedingt leichter.


Dass wir uns heute Anrufungen von gleichmacherischen Traditionalisten, Technologisten und co., widersetzen können - ohne dass Strafe vom Gesetzgeber droht - begreife ich als die eigentliche und wirkliche Freiheit, die es sich immer wieder lohnt aufzugreifen, einzufordern und anzunehmen. Am Ende ist es doch das eigene Leben, dass gelebt werden will - und nicht jenes der Maschinen und Algorithmen.


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IG-Caption:

Kulturkritik. Medienkritik. Technikkritik. Wissenschaftlich Denken heißt vor allem: kritisch denken. Reflektierend aus dem Überlieferungsstrom aussteigen, sich empor schwingend beobachtend Distanz gewinnen. Was von dort aus zu sehen ist, ist nicht immer nur erfreulich. Und doch lohnt es sich allemal:


„Ich bin doch ein anderer, wenn ich mir selber Gedanken über die Welt mache, als wenn ich das denken einfach anderen überlasse.“

Hans Martin Schönherr-Mann

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