Aus dem Glossar von Bruno Latour

Bruno Latour (2017 [1999]). Die Hoffnung der Pandora. Frankfurt: Suhrkamp


Aus dem Glossar, S. 372 ff:


Glauben (belief): Wie Wissen ist Glauben keine klare Kategorie und bezieht sich auf einen psychischen Zustand. Glauben ist ein Artefakt der Aufspaltung zwischen Konstruktion und Realität. So ist er mit dem Begriff des Fetischismus* verknüpft und ist immer eine gegen andere gerichtete Anklage.


Fetischismus (fetishism). Siehe Faitische.


Faitiche, Fetischismus (factish, fetishism): Fetischismus ist eine Anklage, die von einem Denunzianten vorgebracht wird; mit ihr wird unterstellt, daß Glaubensvorstellungen und Wünsche von Gläubigen auf ein bedeutungsloses Objekt projiziert werden. Faitisches sind dagegen Handlungstypen, die sich nicht in die erzwungene Alternative zwischen Fakt und Glauben hineinpressen lassen. Der Neologismus Faitiche ist eine Kombination aus Fakt (fait) und Fetisch (fetiche) und stellt klar, daß beiden ein Element der Fabrikation gemeinsam ist. Anstatt Fetische gegen Fakten ins Feld zu führen oder Fakten als Fetische zu denunzieren, soll so die Rolle der Akteure* in allen Aktivitätstypen ernst genommen und damit der Begriff des Glaubens* überflüssig werden.


Akteur, Aktant (acteuer, actant): Der große Vorteil der Wissenschaftsforschung liegt darin, daß sie durch ihr Studium der Laborpraxis viele Fälle für die Emergenz eines Akteurs anbietet. Anstatt mit Entitäten zu beginnen, die schon Bestandteil der Welt sind, wird die Aufmerksamkeit auf die komplexe und kontroverse Natur des Prozesses gelenkt, in dem ein Akteur zu existieren anfängt. Der Schlüssel liegt darin, den Akteur durch sein Verhalten zu definieren, wenn er Versuchen* im Labor unterworfen wird – durch seine Performanzen*. Daraus wird später seine Kompetenz* abgeleitet und zum Bestandteil einer Institution* gemacht. Da ‚Akteur‘ im Englischen (wie auch im Deutschen) oft auf Menschen beschränkt ist, wird manchmal das aus der Semiotik entlehnte Wort ‚Aktant‘ verwendet, um nicht-menschliche Wesen* einzubeziehen.


Versuche (trials): Im Zustand ihrer Emergenz werden Akteure* durch Versuche definiert; diese können in Experimenten der verschiedensten Art bestehen, durch die neue Performanzen* hervorgelockt werden. Akteure definieren sich durch Versuche.




Nicht-menschliche (nonhuman):


Dieser Begriff hat nur Bedeutung in der Differenz


zwischen dem Begriffspaar „menschlich/nicht-menschlich“ und der Subjekt/Objekt-Dichotomie. Assoziierungen von Menschen und nicht-menschlichen Wesen verweisen auf ein anderes politisches Regime, als es der uns von der Aufspaltung in Subjekt und Objekt aufgezwungene Krieg darstellt. Ein nicht-menschliches Wesen ist demnach die Friedensversion des Objekts: So sähe das Objekt aus, würde es nicht in einem Krieg eingesetzt, der das ordentliche politische Verfahren kurzschließt. Durch das Begriffspaar menschlich/nicht-menschlich soll die Subjekt/Objekt-Dichotomie nicht „überwunden“, sondern vollständig umgangen werden.





Natur (nature): Wie Gesellschaft* wird auch Natur nicht im Sinne des gesunden Menschenverstands als externer Hintergrund menschlichen und sozialen Handelns betrachtet, sondern als Resultat einer äußerst unwahrscheinlichen Übereinkunft*, deren Genealogie in diesem Buch immer wieder nachgespürt wird. Die Wörter „nichtmenschliche Wesen“ und „Kollektiv*“ bezeichnen Entitäten, die von der politischen Bürde befreit sind, auf dem Weg über den Naturbegriff das ordentliche politische Verfahren kurzzuschließen.


Gesellschaft (society): Das Wort bezeichnet keine Entität, die für sich existiert, von ihren eigenen Gesetzen beherrscht wird und im Gegensatz zu anderen Entitäten wie Natur steht. Es bezeichnet vielmehr das Ergebnis einer Übereinkunft*, die aus politischen Gründen eine künstliche Aufteilung der Dinge zwischen dem Bereich der Natur und dem der Gesellschaft vornimmt. Um mich nicht auf dieses Artefakt von Gesellschaft zu stützen, sondern auf die vielen Verbindungen zwischen den Menschen und nicht-menschlichen Wesen*, verwende ich statt dessen das Wort „Kollektiv“.


Kollektiv (collective): Anders als Gesellschaft*, ein von der modernen Übereinkunft aufgezwungenes Artefakt, bezieht sich der Begriff „Kollektiv“ auf Assoziierungen von Menschen und nicht-menschlichen Wesen*. Während die Aufspaltung zwischen Natur* und Gesellschaft den politischen Prozeß unsichtbar macht, durch den der Kosmos in einem lebbaren Ganzen versammelt wird, rückt er durch das Wort „Kollektiv“ wieder in Zentrum. Dessen Slogan könnte lauten: „Keine Realität ohne Repräsentationen.“


Kopernikanische Revolution (Copernican Revolution):

Von Kant eingeführter Ausdruck, der zu einem Klischee in der philosophischen Literatur geworden ist. Ursprünglich war damit ein Übergang vom Geo- zum Heliozentrismus gemeint. Paradoxerweise verwendet Kant den Ausdruck nicht, um eine Dezentrierung der menschlichen Stellung in der Welt zu bezeichnen, sondern zur Re-Zentrierung des Objekts um das menschliche Erkenntnisvermögen. Der Ausdruck „Kopernikanische Gegenrevolution“ kombiniert so zwei Metaphern, eine aus der Astronomie und eine aus dem Vokabular des politischen Umsturzes, um das Abrücken von allen Formen des Anthropomorphismus zu bezeichnen, einschließlich der von Kant erfundenen. Politik muß nicht durch die Natur* gemacht werden, und Objekte können als nicht-menschliche Wesen von der Verpflichtung befreit werden, das ordentliche politische Verfahren kurzzuschließen.



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„Wenn wir wirklich darauf aus wären, die Ansprüche der Wissenschaft auf die Erkenntnis der Welt dort draußen vom Sockel zu stoßen, so würde jeder zugeben, daß dies „Krieg bedeutet“, einen Weltkrieg – zumindest einen metaphysischen. Dieser Kampf lohnt sich nur dann, wenn es klar und deutlich zwei gegensätzliche Übereinkünfte gibt. Die modernistische, die, zumindest in meinen Augen, nun klar hinter uns liegt (auch wenn sie für viele Dekaden unsere wertvollste Lichtquelle war, die von Giganten verteidigt wurde, bevor sie in der Hand von Zwergen zerfiel), und eine andere, die immer noch aussteht. Wenn irgend jemand diesen Krieg will, so weiß er jetzt, auf welchen Grundlagen ich stehe, welche Werte ich zu verteidigen bereit bin und welche einfachen Waffen ich gebrauchen will.“


Bruno Latour, Soziologe und Philosoph, in: vorletzter Absatz, letzte Seite (369) der Hoffnung der Pandora.

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Wie werden metaphysische Kriege geführt? Über Sprachspiele!


Daher sind neue Worte so wertvoll.


Man muss Latour nicht in allem zustimmen, aber schon fürs Glossar verdient er einen guten Platz im Bücherregal. Das tut das ganze Buch ohnehin. V.a. das Konzept der Übersetzungsketten macht es für jede, die sich als WissenschaftlerIn am statement-view-of-science orientiert will, zur fruchtbare Lektüre.


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