Achtsam Essen

Kennst du den Unterschied zwischen 'sich während des Essens beobachten'; 'achtsam essen' und 'einfach essen'?


Bei Magersucht können wir zum Beispiel beobachten, dass oft jedes Reiskorn einzeln und sehr langsam gegessen wird. Würden wir das als achtsames Essen bezeichnen?


Die bekannte Rosinenübung aus der MBSR sieht von außen recht ähnlich aus. Ist das achtsam? Oder kommt es auch hier darauf an, wie man die Übung macht? Oder verhindert schon das Ziel ('ich werde jetzt diese Rosine besonders achtsam essen') das Erleben und die freie Entfaltung des natürlichen Moments?


ACHTUNG!


Der Begriff der Achtsamkeit führt zu allerlei Verwirrungen, da er im Deutschen die Konnotation von 'Hab' acht!', 'Vorsicht', 'Achtung, Achtung' und also: 'Beobachte dich genau' hat.


Nicht selten führen daher Versuche, Achtsamkeit zu praktizieren, grade nicht zu Achtsamkeit im eigentlichen Sinn. Das allerdings so trickreich, dass frau es mitunter kaum mitbekommt.


Achtsamkeit (im traditionell buddhistischen Sinn) bedeutet nicht, dass wir unsere Aufmerksamkeit AUF etwas richten (das würde die Subjekt-Objekt-Trennung aufrecht erhalten bzw. sogar vertiefen), sondern ganz im Hier-Jetzt sind.

Schlicht: sind- sind - sind - sind...


"Echte reine Aufmerksamkeit heißt, dass man voll und ganz da ist. Wir wenden nicht reine Aufmerksamkeit auf das an, was wir tun; wir sind nicht achtsam auf das, was wir tun. Das ist unmöglich. Achtsamkeit ist sowohl der Akt als auch das Erlebnis, beide geschehen gleichzeitig" (Chögyam Trungpa; Wegbereiter des tibetischen Buddhismus im Westen).


Es ist wie im Zen-Spruch: "Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich schlafe, schlafe ich."


Man tut die Sachen einfach.


Ohne Hintergedanken im Kopf.


Noch nicht einmal jenen nach Achtsamkeit!



Was passiert sonst?

Folgendes: Behält frau den Hintergedanken nach Achtsamkeit im Kopf, ist sie nicht achtsam im Hier-Jetzt präsent - sondern: in ihrem Hinterkopf.


Zumal hat sie oft allerlei krude Achtsamkeits-vorstellungen im Kopf (z.B. besonders langsam und behutsam essen zu müssen). Diesen versucht sie dann gerecht zu werden. Sie beobachtet sich dann ''''achtsam''''' und kritisch dabei, wie sie besonders '''achtsam''' isst und prüft, ob sie ihr Ziel erfüllt - verpasst dabei vor lauter '''achtsamen Bemühen''' jedoch den Akt, das Erlebnis im Hier-Jetzt, das Spüren des Essen selbst.


''Achtsamkeit'' ist dann zum Ziel, zum Ideal, verkommen.


In anderen Worten: Die Gefahr ist groß. dass sie sich durch den Gedanken und die Absicht, besonders achtsam essen zu wollen, von ihrem direkten Erleben abspaltet. Sie identifiziert sich dann (noch weiter) mit der kritischen Beobachterposition - und ist damit von der, die grade im Hier-Jetzt isst, dissoziiert.


Dann doch lieber 'einfach essen' als 'achtsam essen'.



Achtsam Essen im eigentlichen Sinn bedeutet also:

Rein ins Chaos. Einfach dabei bleiben, präsent bleiben, während frau - wie auch immer ist, isst und schmeckt (das kann schnell oder langsam, gestresst oder genüsslich, mit Zeitung lesen oder ohne, etc. sein). Es gibt dann keinen Unterschied mehr zwischen der Esserin und dem Akt des Essen, kein "Täter hinter der Tat"(Nietzsche).


Einfach im Hier-Jetzt präsent sein, mitfließen. Wie auch immer dieses Hier - Jetzt ist und sich entfaltet.


Jedoch ist das Hier-Jetzt ist für viele zunächst nicht auszuhalten bzw. zugänglich. Oder wie ist es, wenn du dich einfach mal Hier-Jetzt still hinsetzt - und mal für eine halbe Stunde sitzen bleibst?


Daher ist es für mich oft nicht verständlich, warum Achtsamkeit ausgerechnet an einem für viele so hochproblematisch besetzten Material geübt und das Thema Essen mit einer weiteren Idealvorstellung aufgeladen wird.


Sinnvoller erscheint Achtsamkeit - Hier-Jetzt-Erfahrungen - zunächst an wenig angst-besetzen Material 'zu üben' ('unangenehmes Material' kommt bei der formalen Meditationspraxis ohnehin zu genüge hoch) und lädt dann zB zur Schulung von 'Affekttoleranz' ein. Eine wertvolle Fähigkeit, um zu lernen, wie frau dann auch mit unangenehmen Gefühlen, vor, während und nach dem Essen umgehen kann.


That being said: Geschmacksschulungen, Genussübungen oder Verhaltensbeobachtung kann u.U. für manche von Nutzen sein. Nur achtsam Essen ist das dann eben nicht.


Mithilfe solcher Übungen kann man zum Beispiel erkennen, dass man anders schmeckt, sobald sich die Essgeschwindigkeit verändert. Aber ob langsames Essen daher IMMER besser ist, sei mal sehr dahin gestellt.


Bei großem Hunger nach dem Gipfelaufstieg macht schnelles Essen mitunter mehr Spaß und Genuss. '30 Mal jeden Bissen Kauen', weil man das so als achtsames Ziel im Kopf hat, würde dann aus dem Essen wieder etwas ziemlich unnatürlich-verkrampftes machen. Dass das kein Plädoyer fürs kopfloses Schlingen ist. sondern für ein mehr an Vertrauen in die freie Entfaltung von Präsenz-Erfahrungen, versteht sich von selbst.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Antoine de Saint-Exupéry Uns allen ist das schöne Zitat aus dem kleinen Prinzen gut bekannt. Die meisten würden von He

Was passiert hier eigentlich? Atem. Atem passiert. Und spürendes Berührungsgefühl. Und Amselsingen. Und Gedankensorgen, über Morgen. Und über-übermorgen. Und helle Frühlingswiese hier. Und Häuserschat