1 Jahr Insta

Mensch bleiben unter Algorithmus-Bedingungen


Happy 1-Jähirges!


Danke, dass ihr zeigt, dass lange Texte auch im Metaversum gehen!


Vor einem Jahr habe ich hier meinen ersten Post hochgeladen. Damals war ich tatsächlich ganz aufgeregt, was passiert. Erst einmal passierte: nichts. Doch schon bald kamen die ersten Likes und Kommentare, über die ich mich ehrlich gefreut habe.

Wenn die Likes aus freien Herzen kommen, bedeutet mir das tatsächlich viel:


Ich schreibe und denke ebenso mit und aus ganzem Herzen. Wenn das, was dabei dann zum Vorschein kommt, andere menschliche Wesen lesen, sie zum Denken anregt und manche das als hilfreich empfinden, ist das doch eine tolle Sache!


Ebenfalls bin ich dankbar für und erfreue mich sehr an den daraus erwachsenen persönlichen Kontakten, Begegnungen und Zusammenarbeiten, die ohne Insta so vielleicht auch nicht zustande gekommen wären.


Sloterdijk schrieb einmal, dass Bücher wie Briefe an unbekannte Freunde seien. Ich begreife meine Beiträge ähnlich. Schön, wenn sie zumindest ein paar like-minded Geister erreichen.


An numerischen Werten und im Vergleich gemessen, ist meine Reichweite natürlich winzig, die Interaktionsrate (Likes, Speicherung und Kommentare) auf die Beiträge bewegt sich im Bereich <200 (wovon ca. 30% abzuziehen sind, da hier nicht Menschen sondern Algorithmen liken - oder Menschen, die sich wie Algorithmen verhalten). Dafür, dass ich mich hier kaum an Spielregeln halte (die ich im Zuge dieses Jahres kennen gelernt habe und nun ganz bewusst brechen kann) sowie konsequent ohne Geländer denke und schreibe, finde ich das aber ziemlich fantastisch und überhaupt nicht winzig: sondern. einfach. großartig.


Es ist nun einmal etwas anderes, ob man es hier darauf anlegt, zum leicht konsumierbaren Massenphänomen zu werden oder Qualität und Individualität der Quantität vorzieht. Dennoch wäre es gelogen, wenn frau sich nicht über mehr LeserInnen freuen würde.


Um im ‚Metaversum‘ als Psy aber so richtig ‚erfolgreich‘ zu sein (was nun wirklich kein großes Kunststück ist, aber einiges an Aufwand und Verdrängungsarbeit fordert), müsste ich mich ganz aufs rechnende Denken beschränken:

Positionierung als überlegene Expertin, die #Aufklärung betreibt, ohne je von der Dialektik der Aufklärung gehört zu haben, 5 Tipps hier, Diagnosekriterien da; dort ein bisschen Bedürfnistalk, 'Community-Posts' (die zeigen, dass man noch nicht mal die basalsten Herausforderungen verstanden hat, wenn man Menschen direkt nach ihrer Meinung fragt - und das als Psy!);

klare Schuldige ausweisen und sprechen in Imperativen ('Sag das nicht zu.!'),

Ontologisierung des Selbst nicht in Frage stellen und 'Studienergebnisse zeigen, dass' -Sätze schreiben (dabei die Frage nach: Wessen Evidenz? verdrängen)

und wenn Insta sagt: 'mach Reels' dann folgt man als guter Instabürger am besten gehorsam - unabhängig davon, ob es das eigene Gewissen grade noch so eben als totalen Schwachsinn erkennt etc.


Die Banalisierung der modernen Seele


Als Psychologin meine ich denn doch so viel von der Psyche des Menschen verstanden zu haben, um zu wissen, dass psychische Probleme kein Informationsproblem sind (sich also nicht durch 'Aufklärung' lösen lassen) - und auch das Problem der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen - also die Veränderung tief sitzender individueller und kultureller Überzeugungen - lässt sich nicht durch Information lösen. Im Gegenteil wird hier meist - da schließe ich mich Eva Illouz an, die das dem ganzen therapeutischen Diskurs bescheinigt - menschliches Leid auf unerträgliche Art und Weise banalisiert.


"Irritationen sind kostbar." (Niklas Luhmann)


Ich bemühte mich daher vor allem um Dekonstruktion statt Information, um Ent-Infantilisierung statt Expertentum, um Ent-Trivialisierung durch Komplexitätserhöhung. Ferner bin ich überzeugt davon, dass ein mehr-Verstehen erst einmal durch ein weniger Verstehen gelingt etc.


Das machte ich aus Respekt vor mir, aber auch vor jenen, die mir folgen: überwiegend sind das erwachsene, intelligente Frauen - und auch ein paar ebenso tolle Männer.


Manche von Ihnen kämpfen (noch) mit sich, dem Essen, der Welt; suchen ihren Weg, begeben sich dabei mutig auch auf Irrwege. Fallen hin und stehen wieder auf.


Nicht zuletzt bin ich auch hier um zu zeigen: aufstehen lohnt sich. Den eigenen Weg gehen lohnt sich. Nicht nur um irgendwo anzukommen. Sondern um des Gehens willens.


Ich selbst bin heute so frei und gleichzeitig so verbunden, wie nie zuvor - und weiß nicht, ob ich ohne Essstörung und dem unbedingten Willen auf meinen Weg zu bestehen, je so frei, so weit, so tief vorgedrungen wäre... und dieser Weg geht ja immer weiter...


Bald werde ich in ein längeres ‚Meditationsretreat‘ gehen, um dort ein bisschen rumzusitzen, weshalb es hier im Januar sehr still sein wird.


Insta ist und bleibt eine Verkaufs- und Selbstdarstellungs-plattform, Informations-Pollution-sowie-Aufmerksamkeits-Distraction-Kanal und basiert auf Enteignung geistigen Eigentums. Persönliche Texte dem Metaversum in den Rachen zu werfen, bereitet mir zunehmend Unbehagen. Warum in einem Spiel mitspielen, dessen Regeln man nicht mag?...!


Noch überwiegen die Vorteile: neben der Tatsache, dass das, was hier abläuft auf einer Meta-Ebene kulturpsychologisch doch interessant ist und der Algorithmus mir zunehmend endlich keine Nonsens-Beiträge, sondern fast nur noch süße Eichhörnchenbilder ausspielt, seid das:

ganz klar: IHR !


Danke für Deine Aufmerksamkeit - und wenn es nur 1 Sekunde ist: es ist mit das kostbarste was du hast.

Sei und bleibe dir dessen stets bewusst.



Alles Liebe und

entspannte Grüße


Senta


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